"Es tut weh, wenn die Landwirte ständig angeprangert werden", sagt Günther Sachs (73) aus Gössersdorf (Landkreis Kronach). 38 Jahre lang hat er als Landwirt gearbeitet. Im Moment hilft er gelegentlich noch seinem Sohn. Der betreibt gemeinsam mit der Landwirtsfamilie von Jonas Hofmann (19) eine Biogasanlage in Kombination mit einer Milchviehhaltung und baut Silomais im Fruchtwechsel mit verschiedenen Getreidesorten an.

Wie berichtet, soll der Einsatz des Unkrautvernichters Glyphosat schrittweise eingeschränkt und ab 2024 ganz verboten werden. Das hat das Bundeskabinett im Rahmen eines Pakets zum Insektenschutz beschlossen. Darüber schüttelt Landwirt Sachs nur den Kopf. In den vergangenen vier Jahren habe er das Herbizid nur einmal angewendet, auf nur einem Acker. "Wir setzen Glyphosat nur dann ein, wenn wir es dringend brauchen", sagt er. Vor allem der Quecke, einem hartnäckigen Wildgras, sei anders kaum beizukommen. Die Pflanze vermehrt sich nicht nur über Samen, sondern auch durch unterirdische Kriechtriebe. Zerhacke man diese mechanisch, könne das sogar dazu führen, dass noch mehr Quecken wachsen.

Glyphosat wird nicht prophylaktisch eingesetzt

"Glyphosat ist sozusagen eine Feuerwehrmaßnahme. Es wird bei uns nicht prophylaktisch eingesetzt", bestätigt Stephan Poersch, Pflanzenbauberater am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Kulmbach. Er fügt hinzu: "Durch das Verbot von Glyphosat wird der pfluglose Ackerbau von Silomais, den wir zur Erosionsverringerung in Hanglagen brauchen, deutlich erschwert."

Hier komme es zu einem Zielkonflikt. Solche Maisäcker würden im Frühjahr durch Starkregen von Erosion bedroht. Um dieser entgegenzuwirken, bauten immer mehr Landwirte Zwischenfrüchte an, "die den Boden bedecken, im Winter abfrieren und im Frühjahr oberflächlichen eingearbeitet werden".

Poersch zufolge können sich in den Zwischenfruchtkulturen Unkrautnester bilden, die mit dem Pflug im Herbst normalerweise beseitigt werden. Neben Quecken sind das Ackerwinden oder Disteln, die immer wieder aus unterirdischen Speicherorganen austreiben. Ohne Glyphosat stehen die Landwirte in diesem Fall mit leeren Händen da, denn "es gibt kein Mittel, das in der Wirkung vergleichbar wäre".

Der Pflanzenbauberater sieht durch das Verbot von Glyphosat die bisher gelungene Umstellung auf den pfluglosen Anbau von Silomais bedroht. "Es kann sein, dass wir dadurch wieder mehr Erosion in Hanglagen bekommen werden", so Poersch. Dies sei ein Rückschritt für den nachhaltigen Ackerbau.

Schlechter Ruf durch Fake News

Pflanzenphysiologe Professor Stephan Clemens von der Universität Bayreuth, spricht von einem "Trauerspiel", was die Berichterstattung zum Thema Glyphosat betrifft. "Es gab zahlreiche Fake News, zum Beispiel über den Nachweis von Glyphosat in Bier oder in der Muttermilch. Das wäre in diesen Mengen mit der verwendeten Analytik gar nicht möglich gewesen", so der Wissenschaftler. Traurig sei, dass diese Meldungen "ungeprüft verbreitet" wurden.

Triebfeder dahinter sei wahrscheinlich eine Kampagne gegen die grüne Gentechnik gewesen, für deren schlechten Ruf vor allem der US-amerikanische Chemiekonzern Monsanto verantwortlich sei. Das Unternehmen war in den 1990er Jahren eines der ersten, das gentechnisch verändertes Saatgut verkaufte. Dieses war resistent gegenüber der Wirkung von Glyphosat, sodass nach der Aussaat der ganze Acker mit dem Herbizid behandelt werden konnte. Monsanto war international bekannt für seine moralisch fragwürdigen Geschäftspraktiken, was zahlreiche Produkte des Unternehmens ebenfalls in Frage stellte.

Was nun aber Glyphosat betrifft, steht wörtlich auf der Website des Bundeslandwirtschaftsministeriums (Stand 29. August 2019): "Im Rahmen der Risikowertung wurden über 1000 Studien allein zu den gesundheitlichen Wirkungen von Glyphosat ausgewertet. Auf Basis aller vorliegenden Erkenntnisse kommen unabhängige Wissenschaftler in Deutschland und allen EU-Mitgliedstaaten sowie in vielen anderen OECD-Staaten überein: Bei bestimmungsgemäßer und sachgerechter Anwendung des Wirkstoffs Glyphosat bestehen keine Zweifel an der gesundheitlichen Unbedenklichkeit." Dies bestätige auch die zusätzliche wissenschaftliche Überprüfung der Europäischen Chemikalienagentur, die Glyphosat als nicht krebserregend eingestuft hat.

Glyphosat werde zu Unrecht verboten

Trotzdem wird Glyphosat bald verboten. Auf die Frage "Warum?", antwortet Professor Clemens: "Politiker kennen die Fakten. Das habe ich vielen Gesprächen erlebt. Doch gegen solche Kampagnen ist mit vernünftigen Argumenten nicht anzukommen." Kein Politiker könne einen Gewinn daraus ziehen, sich für das Pflanzenschutzmittel einzusetzen. Glyphosat werde zu Unrecht verboten, es habe keine vernünftige Abwägung der Vor- und Nachteile stattgefunden. Der Wissenschaftler fügt hinzu: "Die Frage ist: Will man wirklich Alternativen haben?" Denn kein Pflanzenschutzmittel sei derzeit so gut erforscht wie Glyphosat. Ob etwas Besseres nachkomme sei fraglich.

Ob das Verbot von Glyphosat allein das Insektensterben aufhalten wird, bezweifelt Professorin Heike Feldhaar vom Lehrstuhl Tierökologie der Universität Bayreuth. "Insektensterben hat viele Ursachen", sagt sie. Glyphosat als Herbizid habe vor allem einen indirekten Effekt, da es dadurch weniger Ackerwildkräuter gebe und damit auch weniger Nahrung für Insekten.

Unter den Pflanzenschutzmitteln seien es viel mehr die Insektizide, die eine deutliche und direkte Wirkung zeigen. "Spritzmittel machen die Nahrungsmittel günstig", so Feldhaar. In den Köpfen der Verbraucher müsse ein Umdenken stattfinden.

Der Wissenschaftlerin zufolge braucht es neue Strategien in der Landwirtschaft. Durch die Verwendung alter Sorten, die zwar weniger Ertrag bringen, doch resistenter gegen Schädlinge sind, und neuer Sorten, in denen gezielt mit Genome-Editing Schädlingsresistenzen erzeugt wurden, ließe sich der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln minimieren. "Weitere Stellschrauben wären zum Beispiel die verstärkte Förderung von Ackerrandstreifen oder das Mähen von Wiesen nur einmal im Jahr, statt dreimal." Laut Feldhaar liegt die Verantwortung für die Artenvielfalt nicht nur bei den Landwirten: "Wir brauchen einfach mehr naturnahe Flächen. Und die können auch in Gärten entstehen, wenn man etwas mehr Wildwuchs gestatten würde." Vorgärten aus Kies seien Wüsten für Insekten. Hinzu komme die nächtlich beleuchtete Gartendekoration, durch die Insekten die Orientierung verlieren. Auch das Verkehrsaufkommen scheine ein Faktor zu sein. Die Tierökologin weist auch darauf hin, dass die Zahl der Insekten, die im Kühlergrill von Fahrzeugen hängen bleiben, nicht zu vernachlässigen sei.