Auf dem alten Friedhof in Kulmbach findet sich unter immer dichter werdendem Efeubewuchs eine barocke Gruft-Kapelle von recht beachtlichen Ausmaßen und von hoher künstlerischer Qualität. Es ist die Erbgruft eines markgräflichen Hofbeamten, des Geheimsekretärs Johann Sebastian Liebhardt (1708 - 1777).

Die aus Sandstein gefugte und gewölbte Grabkammer enthält im Fundament Eichensärge, einen repräsentativen Bleisarg und eine Urne, insgesamt 17 Personen sind hier bestattet. Teilweise sind die Namen Liebhardt, Weyse, Jahn, Zehrer, Bracker, von Ammon, Schmidt, Koerbitz, Pflüger und Popp auf den Grabtafeln vorhanden. Ob der repräsentative Bleisarg die sterblichen Überreste des Johann Sebastian Liebhardt umschließt, konnte noch nicht geklärt werden.

Als Kammerdiener begonnen

Johann Sebastian Liebhardt war zunächst als geheimer Kammerdiener, zuletzt als Geheimsekretär am markgräflichen Hof in Bayreuth bei dem Markgrafen Friedrich von Brandenburg-Bayreuth und der Markgräfin Wilhelmine, der Schwester Friedrichs des Großen, tätig. Von ihm wissen wir, dass er 1754 in Bayreuth durch die Architekten St. Pierre und Gontard das schöne Liebhardt-Haus (jetzt Pianofabrik Steingraeber) hat erbauen lassen.

1764 erwarb er das Schloss zu Laineck bei Bayreuth, ferner ist von ihm bekannt, dass er 1760 vom Markgrafen Friedrich (1735 - 1763) die Erlaubnis bekam, die Ruine der im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Kapelle in Kauernburg abzutragen. Mit den Steinen hat er sein Wohnhaus auf dem Kulmbacher Holzmarkt, die heutige "Stadtschänke", erweitert.

Weiterhin errichtete er in Kulmbach auf dem Gelände des früheren Augustinerklosters ein Mälz- und Brauhaus, das später auf dem Erbweg in den Besitz der Familie Christenn kam. Johann Sebastian Liebhardt ist durchaus zuzutrauen, dass er schon zu Lebzeiten für eine würdige Begräbnisstätte gesorgt hat, denn nur vier Tage nach seinem Ableben in Bayreuth ist er in seiner Kulmbacher Erbgruft beigesetzt worden.

Bayreuther Hofbauschule

Der Planer dürfte aus dem Kreis der Architekten der Bayreuther Hofbauschule gekommen sein. Darunter war Pankraz Adam Knorr (1703 - 1775), der seit 1737 in Kulmbach ansässig- und 1740 zum hochfürstlichen Bauschreiber ernannt worden war. Er war auch als Bau- und Proviantkommissar auf der Plassenburg tätig. Durch seine Tochter Sophia, die den Apotheker Gottlob Heinrich Jahn (1733 - 1813) heiratete, gehörte er mit zu den angesehenen Kulmbacher Bürgerfamilien. Die Rückwand des stuckverzierten Innenraumes der Gruft Kapelle ist mit einem großen, in weißem Wunsiedler Marmor ausgeführten Bild-Epitaph für den Superintendenten Ludwig Liebhardt (1635 - 1685) geschmückt, der von 1683 bis 1685 in Kulmbach gewirkt hat. Der gelehrte und zu seiner Zeit recht berühmte Superintendent war ehedem Professor für Geschichte am Gymnasium Ernestinum-Christianum Bayreuth.

Ein Werk Brencks?

Aus seiner marmornen Halskrause blickt er auf Trauergesellschaften und Besucher. Die Bildhauerarbeit wird Johann Georg Brenck (1632 - 1697) zugeschrieben. Vermutlich dürfte das zwischen 1685 und 1695 geschaffene Grabmal zunächst in oder an der Petrikirche aufgestellt worden sein. Vermutlich wurde der Bild-Epitaph nach der Beendigung der Bauarbeiten an der Gruft Kapelle im heutigen alten Friedhof (1745 - 1747) dorthin umgesetzt. Die Aufstellung eines Grabdenkmales in einer Gruft Kapelle war damals keineswegs ungewöhnlich.

Der Superintendent Ludwig Liebhardt ist der Urgroßvater der Familie des Grufterbauers Johann Sebastian Liebhardt. Zu dessen Lebzeiten (gestorben 1777) hat man wahrscheinlich die Zusammenhänge im Einzelnen noch gekannt.

Nach seinem Tod wurde die Erinnerung an den Stiefurahnen Ludwig Liebhardt immer verschwommener, je weiter die Zeit fortschritt, und eines schönen Tages war der marmorne Superintendent dann zum Stammvater der Liebhardt avanciert.

Die Apothekerfamilie Jahn, nach der die Jahnsche Gruft nun benannt ist, gelangte über die Familie Weise in ihren Besitz.