Es sind oft nicht die Geschichtsbücher, sondern persönliche, handschriftliche Aufzeichnungen, die einen spannenden und authentischen Blick auf die Lebensumstände der Menschen in früheren Zeiten ermöglichen. Ein solches Dokument besitzt die Kulmbacherin Ilse Hahn. Sie hat in den sechziger Jahren bei der Auflösung der Wohnung der Familie Meußdoerffer im Mönchshof ein Haushaltsbuch vor der Mülltonne gerettet, in dem die Hausdame Margarethe Biermer fein säuberlich alle Ausgaben zwischen 1919 und 1924 notiert hat.

Dass eine Hotelübernachtung 1919 in München 5 Mark gekostet hat und ein Monatsabo der Bayerischen Rundschau 1,80 Mark frei Haus, kann man da beispielsweise nachlesen. Richtig spannend wird es aber Ende des Jahres 1922, denn im Dezember beginnt die Inflation.


Brot und Butter für Milliarden



Die Währung verfällt rapide, nachzulesen in den Summen des Haushaltsbuchs, die die Haushälterin bis November 1923 in Millionen Mark notiert, danach in Milliarden, ab Dezember 1923 gar in Billionen. Die Reischbank ließ damals als höchsten Wert einen Geldschein über 100 Billionen Mark drucken, eine Eins mit 14 Nullen. Zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs wurden riesige Mengen an Scheinen benötigt.

Wenn Margarethe Biermer einkaufen ging, brauchte sie einen dicken Geldbeutel. Ein Beispiel: Für etwas Butter, Zucker, Brot und die Tageszeitung musste die Wirtschafterin am 22. November rund 3,5 Milliarden Mark hinlegen. Nach der Währungsreform finden sich ab 14. Dezember wieder Normalbeträge bei den Ausgaben. Als Übergangslösung zur Überwindung der Inflation wurde die Rentenmark eingeführt, die 1924 von der Reichsmark abgelöst wurde.

Ilse Hahn hat sich schon immer für derartige Dokumente interessiert. Darin zu schmökern, ist für sie eine Entdeckungsreise, die viel über das Leben der Menschen verrät. Was wurde in welchen Mengen eingekauft? Was war Luxus?


Sparpotenzial schwarz auf weiß



Ein Haushaltsbuch zu führen, war für die Kulmbacherin selbst immer ein Muss - als junge Ehefrau und Mutter ebenso wie heute als Rentnerin. Die 80-Jährige schreibt gewissenhaft alle ihre Ausgaben auf. "Die modernen Kassenzettel machen es einem ja sehr leicht: Da ist ja jede Position aufgeschlüsselt. So hat man immer einen tollen Überblick, und wenn das Geld mal knapp ist, sieht man schnell, was wichtig und was sinnlos ist, wo man sparen kann." Die 80-Jährige ist überzeugt: "Wenn das jeder machen würde, hätten sicher weniger Menschen Probleme mit Überschuldung."

Mit acht Kindern hatte Ilse Hahn eine zehnköpfige Familie zu versorgen. "Bei uns war immer volles Haus." Lebensmittel, Kleidung, Ausbildung für die Kinder - alles kostet viel Geld. "Dass man da mit dem verfügbaren Einkommen sorgfältig wirtschaften muss, ist selbstverständlich." Bei einem Hauswirtschaftskurs lernte die Kulmbacherin die Grundlagen des familiären Finanzmanagements, "und von dieser Lektion habe ich mein Leben lang profitiert".

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