Vor ein paar Jahren stiegen die bayerischen Gymnasien quasi über Nacht von G9 auf G8 um. Jetzt sollen in einem Pilotprojekt besonders talentierte, engagierte oder aber solche Schüler, die mehr Förderung benötigen, das Abitur mit einem zusätzlichen Jahr in der Mittelstufe erreichen können.

Mittelstufe Plus heißt das neue Projekt des bayerischen Kultusministeriums, und 71 Gymnasien aus Bayern haben sich für die Pilotphase beworben, 47 wurden ausgewählt. Darunter auch das Kulmbacher Caspar-Vischer-Gymnasium.

Kerngedanke ist dabei, die dreijährige Mittelstufe für diejenigen Schüler, die pädagogischen Bedarf für die Teilnahme an diesem Modell anmelden, auf vier Jahre auszudehnen: bei gleichem Stoffumfang und unverändertem Lehrplan. Unter dem Strich bedeutet das mehr Zeit - vor allem durch die Dehnung des Stoffs in den Kernfächern und den Wegfall beziehungsweise die starke Reduzierung des Nachmittagsunterrichts.

"Dabei ist es wichtig, zu betonen, dass es also nicht darum geht, Zeit zum Chillen zu haben", betont Schulleiterin Ulrike Endres ausdrücklich. "Vielmehr sollen Schüler durch die Entschleunigung die Möglichkeit haben, sich außerunterrichtlich besonders zu engagieren, sei es in Wahlangeboten und Arbeitsgemeinschaften der Schule, sei es im Verein oder in anderen Institutionen."


Lange Wege kompensieren

Gerade im ländlichen Raum mit den entsprechenden Fahrwegen sei das nicht immer einfach. Andere wiederum bräuchten die Zeit, um ihre Begabungen, Persönlichkeit und Interessen zu entfalten, etwa im musischen, sportlichen, sprachlichen oder wissenschaftlichen Bereich. Auch die Verwirklichung eines längeren Auslandsaufenthaltes sei ein Argument.

Natürlich richte sich die Mittelstufe Plus auch an Schüler, die nach ihrem individuellen Entwicklungsstand einfach mehr Lernzeit und Förderung benötigen, aber das sei nur ein Aspekt für das neue Modell.

Geplant ist, die Kernfächer auf vier Jahre auszudehnen, und nach der 9. Klasse ein zusätzliches Jahr, die Klasse 9+, einzuschieben. "So sind auch andere Unterrichtsformen möglich, man kann beispielsweise über einen Epochalunterricht in den Nebenfächern nachdenken, die Methodenkompetenz stärken oder projektorientiert arbeiten", erklärt Ulrike Endres. Die Teilnahme an der Pilotphase der Mittelstufe Plus sieht das Kulmbacher Gymnasium dabei als eine Möglichkeit, die Lernzeit individueller an der Situation und den Bedürfnissen des Einzelnen auszurichten. "Wenn nicht Lehrerkollegium, Elternbeirat und Schülervertretung geschlossen hinter der Entscheidung gestanden hätten, Pilotschule zu werden, hätten wir es nicht gemacht", sagt die Schulleiterin.


Zukunftsweisende Schritte

Man habe sich diesen Schritt sehr gut überlegt, wolle als Schule aber zukunftsweisende Schritte gehen und die Chance wahrnehmen, hier ein neues Konzept grundlegend mitzugestalten. Bereits jetzt biete man verschiedene Modelle der Individualisierung der Lernzeit an, etwa mit den gebundenen Ganztagsklassen, die durch die Rhythmisierung von Unterricht, Betreuung und Förderung eigentätigen Lernens in Studierzeiten und verschiedenen Aktivitäten ein Angebot für Schüler darstellen, die Schule als Lern- und Lebensraum in einem klar strukturierten Tagesablauf erfahren wollen.


Bayernweiter Trend

Knapp 60 Prozent der aktuellen Siebtklässler haben jetzt für das kommende 8. Schuljahr einen begründenden pädagogischen Antrag für die Teilnahme an der Mittelstufe Plus am Caspar-Vischer-Gymnasium gestellt. Diese Zahl spiegelt den bayernweiten Trend.

"Die Begründungen fallen dabei sehr vielfältig und individuell aus", sagt Ulrike Endres, "und die Entscheidungen der Eltern für den Regelzug, die Ganztagsklasse oder aber für den Antrag Mittelstufe Plus scheinen in jeder Hinsicht sehr bewusst getroffen worden zu sein."

"Interessant ist, dass sich Schüler des gesamten Leistungsspektrums und aus allen Ausbildungsrichtungen in beiden Formen, sowohl im Regelzug als auch in der Mittelstufe Plus, gleichermaßen finden", sagt Ulrike Endres. Es sei wichtig, während der Pilotphase am CVG diese Wege nebeneinander durchzuführen und allen Kindern bedarfsgerechte Angebote zu stellen, von der Zweigwahl bis hin zur passenden und differenzierten Kurswahl in der Oberstufe.


Auswertung nach zwei Jahren

Ein Planungsteam unter der Koordination von OStR Christian Kramer, das aus Schulleitung und Lehrern besteht, kümmert sich um die Organisation dieser Pilotphase am CVG. Die teilnehmenden Gymnasien, sieben davon aus Oberfranken, tauschen sich regelmäßig bei Koordinationstreffen aus, und nach zwei Jahren Pilotphase erfolgt in Zusammenarbeit mit dem bayerischen Kultusministerium die erste organisatorische Auswertung.