Grazile Eleganz statt wildem Gezappel. Sinnlicher Bolero statt ausgelassenem Gangnam Style. Das klassische Ballett ist bei der Jugend immer noch in. Worin wohl die Zeitlosigkeit dieser Kunstgattung begründet liegt? "Einmal als Primaballerina im Rampenlicht zu stehen - welches Mädchen träumt nicht davon? Denn Ballett steht auch heute noch für Anmut, Grazie und Schönheit", weiß der Leiter der Musikschule, Harald Streit.

Man könnte ihn vergleichen mit dem Präsidenten eines Fußballvereins. Eine gute Mannschaft braucht aber noch mehr: einen guten Trainer. Für stellvertretenden Landrat Jörg Kunstmann, dessen neunjährige Tochter Livia selbst dem klassischen Tanz verfallen ist, ist das Ballettmeister Evgenii Kalinov.
"Er ist der Pep Guardiola des Balletts", schwärmt der Kommunalpolitiker, der die Bedeutung der Musikschule Kulmbach für das künstlerische Leben in der Bierstadt hervorhebt.

Der 55-jährige, gebürtige St. Petersburger, der vor 22 Jahren Kulmbach zu seiner zweiten Heimat gemacht hat, fühlt sich geschmeichelt. Im gleichen Atemzug streicht er selbstbewusst seine erstklassige Ausbildung heraus: "An der renommierten Vaganova Ballettakademie in St. Petersburg erlernte ich mein künstlerisches Handwerk von der Pike auf. Mit diesem Diplom in der Hand war ich anschließend am Marriinski-Theater in St. Petersburg und am Leipziger Opernhaus jeweils erster Solotänzer."

Grundvoraussetzung muss gegeben sein

Wie gelingt es Kalinov, aus Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen drei und 20 Jahren ausdrucksstarke Tänzer zu machen? Zunächst müssten die jungen Leute eine Grundvoraussetzung mitbringen: Ohne sportliche Fitness gehe es nicht. Ihm ist daran gelegen, durch Tanz und Musik die Kreativität seiner Schüler zu fördern. "Im Verlaufe der Zeit entwickelt sich bei jedem eine kreative Seele, die ihn in seiner jeweiligen Rolle aufgehen lässt", sagt er. Und fügt hinzu: "Tanzen ist auch eine Mannschaftssportart, bei der der Teamgeist zählt: alle für einen, einer für alle."

Märchen lieferten immer wieder Stoff für Balletaufführungen. In der Kulmbacher Stadthalle ist es unter anderem der Walzer aus Dornröschen, meisterhaft getanzt von der Oberstufe, der für die Zuhörer wie Balsam auf die vom Alltagsstress geschundene Seele ist. "Dazu lasse ich mir meine ganz eigenen Choreographien einfallen", verrät Kalinov.

Zu jedem Tanz gehört auch das Aufwärmtraining. Wie das geht, zeigen die ganz Kleinen aus der Vorstufe, die unter Anleitung von Tänzerin Nina Zeitler ihre Muskulatur durch Dehnen und Strecken lockern und entspannen. Auch der moderne Jazz-Tanz hat eingerahmt von klassischer Tanzkunst seinen festen Platz im Repertoire. Ausgelassen fegen die Kinder zu Hits von Abba oder Britney Spears über die Tanzfläche. Lässigkeit trifft auf Eleganz.

Eine hohe Professionalität legen die Tänzerinnen der Oberstufe in ihren roten, langen Tüllröcken an den Tag, als sie den Bolero tanzen. Passend zur spannungsgeladenen Musik schlagen sie mit ihren Ballettschuhen gleichmäßig den Takt. Die Besucher sind begeistert von so viel Perfektion. Während sich die Zuschauer entspannen, sind die jungen Leute, hochkonzentriert bei der Arbeit. Der Mühe Lohn: Tosender Applaus. Für den Maestro aus St. Petersburg ist Ballett weit mehr als eine Befriedigung des Publikums: "Bei dieser Form der Kunst lernen die jungen Leute Disziplin, Körperhaltung, Kondition und Koordination."