Am 30. Mai 1909 ist ein Pfingstwunder zu bestaunen: das erste Luftschiff am Himmel. Zu Hundertausenden stehen die Menschen auf der Straße und blicken in den Himmel. Sie winken, schwenken Tücher, jubeln "Hoch Zeppelin! Hurra Zeppelin". Jeder möchte bei der großen Deutschlandfahrt des Z II dabei sein, die von Friedrichshafen über Nürnberg, Himmelkron, Hof, Leipzig nach Bitterfeld führt. Zeppelin heißt Wagemut und Fortschritt, heißt Protz und Stärke, heißt Aufbruch in die neue Zeit.

In Hof steht einer auf der Straße, der nicht nur fasziniert ist und mitjubelt, sondern in dem an diesem Pfingstsonntag der Traum erwacht sein muss, Techniker an Bord eines der Giganten zu werden: der Kulmbacher Georg Baumann (26). In seiner Heimatstadt hat er Maschinenschlosser gelernt. 1905 heiratet er die um zwei Jahre jüngere Margarete Meisel, deren Eltern am Friedhofsberg einen Steinmetzbetrieb besitzen. Das Ehepaar wohnt zunächst in der Langgasse 13, zieht jedoch 1907 wegen der besseren beruflichen Chancen nach Hof, später nach Stammbach um.

Ober-Maat auf dem L 19

Nach dem Kriegsausbruch im August 1914 beginnt Baumanns Traum wahr zu werden. Bei der Einberufung meldet er sich zur kaiserlichen Marine, der ein Großteil der Luftschiff-Flotte untersteht. Bei Kriegsbeginn sind es 14, bis zum Kriegsende werden es 123 Zeppeline sein, die in den Dienst von Marine und Heer gestellt werden.
Spätestens 1914 haben die Luftschiffe ihre Unschuld als drollige Postkarten-Motive verloren. Sie werden das, wofür sie in Köpfen der Militärstrategen schon immer vorgesehen waren: See- und Luftaufklärer, Minensucher, U-Boot-Jäger, Bomber.

Nach einer Ausbildung in Dresden wird Georg Baumann als Obermaschinisten-Maat auf das L 19 beordert. Der erstmals am 27. November 1915 ausfahrende Zeppelin hat seinen Stützpunkt im nordschleswigschen Tondern (heute dänisch: Tønder) Die Einsätze beschränken sich zunächst auf Patrouille-Flüge über der Nordsee. Die erste Angriffsfahrt sollte zugleich die letzte sein.

Bomben über Birmingham

Am 31. Januar 1916 mittags erhält der L 19-Kommandant Odo Loewe den Befehl, mittelenglische Industriestädte zu bombardieren. An dem Geschwaderangriff sind neun Zeppeline beteiligt. Nebel und Eisregen erschweren den Einsatz. Bei Sheringham beginnen die Maybach-Motoren des L 19 zu stottern. Löwe befiehlt dennoch, die Mission fortzusetzen. Über den Dächern von Burton-on-Trent und Birminghams werden 1600 Kilogramm Spreng- und Brand-Bomben abgeworfen.

Auf dem Rückweg fallen drei der vier Motoren aus. Das Luftschiff, nahezu manövrierunfähig, treibt dicht an die niederländische Küste. Tief fliegend, gerät es bei der Insel Ameland unter Flakbeschuss der Küstenwache und muss zwanzig Kilometer nordwestlich notwassern.

Die Mannschaft, die sich auf den noch herausragenden First des sinkenden Luftschiffes flüchtet, sendet Notsignale. Der wenige Seemeilen östlich schippernde englische Fischdampfer "King Stephen" fängt sie auf. Doch sein Kapitän William Martin nähert sich dem Havarie-Ort erst bei Tageslicht. Der Grund: Er möchte die Lage prüfen.

Es folgt ein stundenlanger dramatischer Funkkontakt. Der Trawler-Kapitän fürchtet, seine unbewaffneten neun Männer könnten von der 15-köpfigen Zeppelin-Besatzung überwältigt werden, wenn sie mal an Bord wäre. Loewe schwört "gute Führung". Es nützt nichts: Der Fischdampfer dreht im Morgengrauen des 2. Februar bei und kehrt in Heimathafen Grimsby zurück. Wenige Stunden später ertrinken die 15 Mann in den eisigen Fluten.
Einige schreiben noch für ihre Liebsten ein paar Worte aufs Papier, die sie in Flaschen ins Meer werfen (siehe Meldung rechts).

Die menschliche Tragödie gerät in die Hände der Propaganda. Die kriegführenden Nationen setzen gezielt die Medien ein, um Stimmung zu machen. Schon am 5. Februar 1916 bringt die "New York Times" ein Interview mit dem englischen Kapitän auf ihrer Titelseite, er prangert die Zeppelin-Angriffe als Gräueltaten der "Huns" (der Deutschen) an. Für die großen englischen Blätter ist das Ertrinken-Lassen die "gerechte Strafe für Verrat und Schande". Die französischen Medien stoßen ins gleiche Horn ("Die Strafe für die Piraten").

Jagd auf den Schurken

Umgekehrt gilt Kapitän William Martin den Deutschen als Schurke und Kriegsverbrecher. Er steht zuoberst auf der Fahndungsliste der Marine. Am 23. April 1916 wird der Trawler aufgespürt und vom Torpedoboot G 41 versenkt. Die deutsche Gegenpropaganda läuft auf Hochtouren, sogar eine Medaille wird geprägt. Auf der Vorderseite zeigt sie den Untergang des Luftschiffes, auf der Rückseite steht in ehernen Lettern: "Fluch den Briten zur See/Fluch eurem schlechten Gewissen/Hilfesuchende Schiffbrüchige/haben unter gehen müssen".

Drei Monate nach dem Tod ihres Mannes erhält Margarete Baumann, die mit ihren fünf Kindern in Kulmbach am Röthleinsberg 4 wohnt, einen Brief aus Lübeck. Verfasst von der Witwe des L 19- Kommandanten Löwe. Er enthält ein Erinnerungsfoto an die "gemeinsam in ihrem Wellengrabe ruhenden Tapferen", die "für Kaiser und Reich den Seemannstod erlitten" haben. Bild und Brief finden sich heute im Kulmbacher Stadtarchiv.

Sechs Wochen später wird im Norden Dänemarks die Leiche Georg Baumanns an den Strand gespült. Er wird in der kleinen Ortschaft bestattet. Er ist der einzige der Besatzung, dessen Leichnam geborgen wird.