Die Initiative "Schule im Aufbruch" wurde von Professor Stephan Breidenbach, Margret Rasfeld sowie Professor Gerald Hüther gegründet - und zwar just, nachdem sie als Experten am Themenstrang "Wie werden wir lernen?" im Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin Angela Merkel teilgenommen hatten. Das ist jetzt bereits ein Jahr her. Seitdem tritt die Initiative regionsübergreifend dafür ein, dass sich an den Gymnasien grundlegende Dinge ändern.

"In Bayreuth ist die Initiative auf Grund des glücklichen Umstandes gelandet, dass eine Stiftung vorbildlich aktiv geworden ist, aber andere Landkreise haben diese Initiative auch nötig. Es wäre schön, wenn es uns gelingen würde, mehr oberfränkische Städte ins Boot zu holen", sagt Walter Wagner vom Lehrstuhl für Didaktik.

Jetzt hat das Bayreuther Gymnasium Graf Münster-Gymnasium - als Reaktion auf diese Initiative - als erstes oberfränkisches Gymnasium die Exen abgeschafft. Das bedeutet: Die Schüler werden mindestens einen Tag vorher über Exen informiert. Nur Abfragen können unangekündigt erfolgen, erklärt der Schulleiter Kurt Leibold und fügt hinzu, dass durch diese Maßnahme Lernstress vermieden werden soll, aber die Qualität dennoch nicht beeinträchtigt wird.

"Das ist grundsätzlich im Sinn einer menschenfreundlichen Pädagogik und Ausdruck eines Schülerbildes, das unsere Kinder als lernwillige, begeisterungsfähige Individuen versteht, nicht als Schülermasse, die gebändigt und zu ihrem Glück gezwungen werden muss. Engmaschige Kontrollen und Angst verhindern Lernen. Statt Kontrolle muss Feedback die Oberhand haben. Nicht die Feststellung ,kannst du/kannst du nicht‘ der Lehrer ist hilfreich, sondern das Handeln im Sinne, wie und wo kann ich helfen", so Wagner. "Überfallartige Bewertungs-Kontrollen verbreiten Angst und erzeugen eine Haltung, in der Schüler nur für diese Bewertungsmaßnahmen lernen", glaubt der Experte für Didaktik.

Tatsächlich war Wagner selbst Lehrer und hat natürlich auch nach den klassischen Methoden unterrichtet. "Mir wurde in der Lehramtsausbildung und von erfahrenen Kollegen immer wieder das Schülerbild vermittelt, man müsse sie zum Lernen zwingen. Meine Erfahrung war zwar durchgängig, dass ich dies mit den empfohlenen Mitteln wie Abfrage jede Stunde, Unterrichtsbeobachtung mit Notenvergabe und plötzlichen Exen nicht geschafft habe, aber als Anfänger war ich hilflos, wie ich dies ändern könnte. Heute würde ich mich mit viel mehr Selbstbewusstsein um ein eigenes Schülerbild bemühen, gegen alle ,guten Ratschläge‘ gestriger Pädagogen", sagt Wagner mit einer gewissen Spitze.

Doch die Initiative hat noch andere Verbesserungsvorschläge: Dass es an Gymnasien keine einstündigen Fächer mehr geben soll, dass die Schüler die Räume wechseln und sich jeder Lehrer "seinen Raum" einrichten und ausstatten soll. Außerdem fordert die Initiative ein "Offenes Tür-Prinzip", und das meint, dass Klassenzimmertüren wirklich - auch und gerade während des Unterrichts - geöffnet bleiben sollen. "Wenn man den Tipp hört, glaubt man erst an einen Scherz. Aber erst vor wenigen Wochen haben uns Lehrer vom Albrecht-Ernst-Gymnasium Oettingen, die es schon seit acht Jahren praktizieren, bestätigt, wie sehr diese simple Maßnahme Lehrer und Schüler und ihr Miteinander positiv beeinflusst", sagt Wagner. Denn die offenen Türen würden klassenübergreifendes Lernen fordern.

Generell verurteilt der Didaktik-Experte der Uni Bayreuth die bisherigen pädagogischen Erkenntnisse nicht, aber die Zeiten haben sich geändert: "Wir sind nicht mehr im 18. Jahrhundert, aus dem unsere herkömmlichen ,Methoden‘ stammen. Wenn die Welt sich verändert und die Menschen anders arbeiten, muss sich auch Schule verändern, wenn sie sich nicht lächerlich machen will."

Renate Leive, Schulleiterin am Kaspar-Zeuß-Gymnasium ist sich sicher: "Ein bisschen Druck schadet nicht! Warum sollte man die Exen abschaffen? Ohne Druck wird doch nichts gelernt. Die wenigsten sind so gestrickt, dass sie ohne ein gewisses Maß an Druck lernen würden."

Die Forderung der Reformer nach dem Doppelstundenprinzip ist auch am Kaspar-Zeuß-Gymnasium schon angekommen, wird aber nicht dogmatisch verwirklicht. "Bei den Ganztagsklassen haben wir das Doppelstundenprinzip schon, aber das geht eben nur bei den Fächern, bei denen es mehr als drei Wochenstunden gibt. Und ein gewisses Maß an Einzelstunden bleibt immer", sagt Leive.

Interessant findet sie das Lehrer-Raum-Prinzip. "Ehrlich gesagt, hätten das die Lehrer gern. Denn es hat was, wenn alle Materialien im Raum vorhanden sind", sagt Leive. Doch realisieren ließe sich das nur in Zusammenhang mit dem Doppelstundenprinzip. "Und wenn ich mir die Klassenzimmer der fünften Klassen anschaue, dann werden die mit Bildern und Postern ausgestattet. Das hat auch was. Unsere Ganztagsklassen haben eine Sitz- und Leseecke im Klassenzimmer und Computer drin. Ich denke für die Unterstufe ist ein eigener Raum sehr wichtig und in einigen Fächern ist das Lehrer-Raum-Prinzip ja schon vorhanden. Wir haben uns dagegen entschieden", so Leive. Denn der Klassenzimmerwechsel sei für die Lehrer in Zeiten der modernen Medien nicht das große Problem. Im Zuge der Sanierungsarbeiten werden alle Klassenzimmer mit einem interaktiven Whiteboard ausgestattet und mit einer Mediensäule. Die Lehrer brauchen also nur noch einen Stick mit Daten mit sich tragen und können vor Ort die technischen Errungenschaften samt Beamer nutzen. Gleichzeitig funktioniere der Klassenwechsel oft schneller, wenn nur der Lehrer wechseln muss und nicht die ganze Klasse.

Erfolgreiches Schulsystem

"Wir haben in Bayern ein erfolgreiches Schulsystem, das sollte man immer bedenken, wenn man schon wieder Veränderungen plant", sagt Leive.

Klaus Morsch, Schulleiter des Frankenwald-Gymnasiums, glaubt: "Ein Klassenzimmer für jeden Lehrer - das wäre bei uns unmöglich!" Viele Forderungen der Initiative basierten auf den sogenannten Modus-Maßnahmen, die es schon seit vielen Jahren gibt. "Wir kennen die, haben einige auch schon ausprobiert, aber nicht alle sind umsetzbar", sagt Klaus Morsch und verweist auf die räumliche Enge, die derzeit am Frankenwald-Gymnasium herrscht. 16 Container sind aufgestellt, um auch während der Umbauarbeiten einen reibungslosen Unterricht zu gewährleisten. "Ein Klassenzimmer für jeden Lehrer wäre bei uns nicht möglich, denn wir haben achtzig Lehrer", relativiert Morsch die Forderungen.

"Das Doppelstundenprinzip versuchen wir schon umzusetzen, das funktioniert vor allem in der Oberstufe. Aber es ist eben auch nicht für alle Fächer durchziehbar", sagt Morsch.

Bei der Abschaffung der Exen müsse man ein bisschen genauer hinschauen. Denn die Schulordnung gebe es her, dass man statt der unangekündigten Stegreifaufgaben auch einfach Kurztests schreiben kann. "Die Schüler sind es doch gewohnt, dass es Exen gibt. Ich denke, man sollte lieber darüber nachdenken, die Exen mit Augenmaß zu schreiben und nicht zu übertreiben."

Generell zeige sich das Frankenwald-Gymnasium offen für Neuerungen aller Art. "Manchmal gibt es Anregungen von Eltern oder Kollegen. Und wir diskutieren dann und probieren aus, was sich bewährt. Im Fremdsprachenunterricht hat sich schon viel getan", erklärt Morsch und verweist auf Angebote von Muttersprachlern. In Französisch wird eine schriftliche Note durch eine alternative Leistungserhebung ersetzt.

"Wir setzen auch viel auf individuelle Förderung und gehen auf spezielle Interessen ein - auch bei der Ausarbeitung von Nachmittagsangeboten", sagt der Schulleiter. "Und wir ersetzen die Zwischenzeugnisse durch Informationen - die erste Information erfolgt Anfang Dezember, dann gibt es vor dem zweiten Elternabend im Februar eine Information mit den Noten und wir legen alle schriftlichen und mündlichen Noten offen. Transparenz ist uns wichtig", sagt Morsch.

Von offenen Klassenzimmertüren hält Morsch gar nichts - einfach wegen der baulichen Gegebenheiten. "Das würde bei uns zu einem unheimlichen Lärmpegel führen", sagt Morsch. Doch die Zusammenarbeit in Projekten, die diese Forderung fördern soll - auch zu unterschiedlichen Themenfelder - wird trotzdem gelebt, sagt der Schulleiter des Frankenwald-Gymnasiums Kronach und betont, dass das gesamte Unterrichtskonzept in Bewegung sei, auch ohne verordnete Reformen und groß angelegte Umwälzungen.