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Kronach
Initiative

Weiße Luftballons gegen das Vergessen

Mit einer Aktion "Gegen das Vergessen" erinnerte der BDKJ in Kooperation mit dem Jugendspirituellen Zentrum an die Reichspogromnacht.
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Sabrina und Lea schicken ihre Luftballons auf die Reise.Heike Schülein
Sabrina und Lea schicken ihre Luftballons auf die Reise.Heike Schülein
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Weiße Luftballons, so weit das Auge reicht. Ein Luftballon nach dem anderen steigt an diesem Donnerstagmorgen beim Schulzentrum in den grauen November-Himmel. Die weißen Hingucker tragen eine wichtige Botschaft: für Toleranz, Gleichheit, Freiheit und gegen Vorurteile, Ausgrenzung und das Vergessen! Befestigt sind an den Luftballons Zitate von Sophie Scholl und Dietrich Bonhoeffer, aber auch ganz persönliche Zeilen von ihren Absendern, den Schülern der unterschiedlichsten Jahrgänge und Schularten.

Zwei von ihnen sind Sabrina und Lea. Die beiden Elfjährigen besuchen die Siegmund-Loewe-Realschule. Auch sie haben sich jeweils ein Zitat der beiden Persönlichkeiten, die Opfer des NS-Regimes wurden, ausgesucht und an ihren Luftballons befestigt. Auf der Rückseite der Karte haben die Kronacherinnen geschrieben, was Frieden für sie ganz persönlich bedeutet.


"Dass man niemanden mobbt"


Beide haben das gleiche Thema ausgewählt. "Für mich bedeutet Frieden, dass man niemanden mobbt", erklärt Sabrina. Auch Lea wünscht sich, dass alle miteinander gut auskommen und kein Mobbing mehr stattfindet. Die beiden Mädchen finden die Luftballon-Aktion sehr gut. "Weil es wichtig ist, daran zu erinnern und damit das nicht noch einmal passiert", meinen sie.

Sabrina und Lea kennen die furchtbaren Geschehnisse der Reichspogromnacht. Viele andere Schüler in ihrem Alter oder auch aus anderen Jahrgangsstufen haben den historischen Tag nicht oder zumindest nicht sofort parat.

"Viele bringen mit dem 9. November zunächst den Mauerfall in Verbindung und wundern sich, warum er nicht zum Feiertag wurde", weiß EJA-Bildungsreferent Andy Fischer, der sich sicher zeigt, dass solche "Mauern" auch in vielen Köpfen in Gedenken der Reichspogromnacht noch immer vorhanden seien. Umso sinnvoller und wichtiger sei es, Jahr für Jahr an die Nacht der nationalsozialistischen Pogrome zu erinnern. Dies gelte insbesondere heuer nach dem großen Aufschrei nach der Bundestagswahl. "Auch damals begann die Machtergreifung schleichend", appelliert er.


Es geht daraum, Werte zu vermitteln

Bei der gemeinsamen Aktion von BDKJ und dem Jugendspirituellen Zentrum gehe es nicht darum, ständig die Finger in die Wunde zu legen. Dies bringe seiner Meinung nach nichts - insbesondere bei Kindern und Jugendlichen in diesem Alter. Hier versuche man in einer anderen Art von Dialog, den jungen Leuten Toleranz, Menschlichkeit und Miteinander zu vermitteln. Dies passiere, indem man zunächst Aufmerksamkeit erregt.

"Wir hätten beispielsweise auch weiße Rosen - symbolisch für die Geschwister Scholl - austeilen können", erklärt Fischer. Letzten Endes entschied man sich aber für Luftballons in dieser Farbe. Wenn die Schüler diese mit in die Klassenzimmer nähmen, entwickle sich daraus - hofft Fischer - vielleicht eine Diskussion oder die Pädagogen wiesen auf die Besonderheit dieses Datums hin.
Vom Sinn und der Notwendigkeit der Aktion ist auch Janina Ströhlein überzeugt, die derzeit das Jugendspirituelle Zentrum leitet. Wie sie ausführt, hätten einige der Schüler das Thema noch nicht in der Schule ausführlich behandelt. Andere wüssten es schon, dächten aber heute vielleicht nicht unbedingt daran. Sie alle wolle man erreichen. Dabei wolle man aber nicht nur das Datum ins Gedächtnis rufen. Vielmehr wolle man auch Auslöser zum Nachdenken sein.


Jedes Jahr eine andere Aktion

Die Aktion vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), Dekanatsverband Kronach/Teuschnitz, gibt es seit 2012. Im ersten Jahr hängte man große Banner schwerpunktmäßig an Schulen aber auch im Stadtgebiet auf. Auch eine ökumenische Gedenkfeier mit den beiden Kirchen fand in der Kronacher Synagoge statt. 2103 verteilten die jungen Leute entsprechende Plakatständer in Kronach. 2014 gedachte man des Tags, indem man in der Kronacher Innenstadt in Form von "Opfern" angelegte Folien-Straßenaufkleber an verschiedenen Gehwegen beziehungsweise Straßen anbrachte - symbolisch dafür, was passiert, wenn man Menschenrechte sprichwörtlich mit Füßen trete. 2015 liefen Fragen wie "Wie würdest Du Dich fühlen, ... wenn man Dich heute foltern würde? .... wenn man Dich heute Deines Lebens berauben würde?, den ganzen Tag im Radio. Im vergangenen Jahr errichtete man am Schulzentrum - ebenfalls in Kooperation mit dem Jugendspirituellen Zentrum - eine "Wand gegen das Vergessen", woran die Schüler eigene Schlagwörter und Gedanken schreiben konnten.

Heuer nun entschied man sich für die Luftballon-Aktion zum Thema "Sehen-denken-handeln - Gegen das Vergessen", bei der Andy Fischer und Janina Ströhlein fast schon überrannt wurden. Diese hatten im Vorfeld von Sophie Scholl und Dietrich Bonhoeffer neun Aussagen herausgesucht. Die Schüler konnten aus diesen den Spruch auswählen, der sie am ehesten anspricht, und sich dazu äußern, was Frieden für sie selbst bedeutet. Die Karten stiegen dann mit den Luftballons in die Luft. Die Aktion fand bis zum frühen Nachmittag am Schulzentrum statt, danach auf dem Marienplatz. Einen Zuschuss gab's dafür über das Bundesprogramm "Demokratie Leben".

"Reichspogrom-Nacht" wird die Nacht der nationalsozialistischen Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung vom 9. auf den 10. November 1938 bezeichnet. Sie waren eine vom NS-Regime organisierte Zerstörung von Einrichtungen jüdischer Bürger im Deutschen Reich. Die Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung und Ausgrenzung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die knapp drei Jahre später in den Holocaust an den europäischen Juden im Machtbereich der Nationalsozialisten mündete.