Straßenleben im New York des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Mr. Hobbs ordnet die Auslagen in seinem Laden, Rose wartet auf Käufer ihrer Blumen, Dick putzt Schuhe. Ein fröhliches Völkchen hat sich versammelt und doch sind die Auswirkungen des Kapitalismus unübersehbar: Die alte Ma klagt über Rheuma und träumt von einer warmen Decke und Dicks Kompagnon im Straßenschuhputzergeschäft setzt seine magere Provision in Hochprozentiges um. In diesem Milieu der hart arbeitenden kleinen Leute funkelt der kleine Cedric wie ein fröhlicher Glücksstern. Präsident der Vereinigten Staaten will er einmal werden, aber es kommt anders und als "Lord-Graf-Earl, was auch immer das ist", fühlt er sich schließlich am richtigen Platz.

Cedric erobert alle Herzen im Sturm, das Ensemble des a.gon Theaters macht das Gleiche mit den Zuschauern: ein kleiner Seitenhieb auf das amtierende "Trumpel", eine Anspielung auf den Spielort Kronach und das Publikum ist selbst mittendrin im Geschehen. Das Stück beginnt flott und hält das Tempo bis zum Ende durch, von Langeweile keine Spur! Dabei gehört "Der kleine Lord" zum Weihnachtszubehör wie ein Teller mit Lebkuchen und Nüssen. Für viele steht er jedes Jahr in der Spielfilmversion von 1980 mit Alec Guinness auf dem Programm.
Im Publikum raunt einer, er freue sich schon auf den Weihnachtsbaum. Die Handlung ist also bekannt, und doch wirkt die Inszenierung nicht wie ein Abklatsch, sondern frisch und straff beschert sie ein gut-gelauntes Wiedersehen mit alten Freunden. Einen gebührenden Anteil daran haben die eingängigen schwungvollen Lieder des Musicals. Das kleine Salonorchester sitzt auf der Bühne und ist damit in die Handlung integriert.
Auch bei Umbauten verliert die Inszenierung nicht an Tempo, denn sie gehören zum Stück: die New Yorker Händler packen am Abend ihre Stände zusammen und verwandeln sich dabei in krumm gearbeitete Pächter des Lords, die Diener ziehen den Vorhang mit dem Fotomotiv der Stadt auf und enthüllen die Kulisse des Schlosses.

So schnell geht es von der neuen in die alte Welt. Die Werte einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft treffen auf snobistisches Klassendenken: mit liebevoll gezeichneten Klischees und Charakteren funktioniert Humor auch ohne Brechstange. Einen Theaterabend lang darf man die Welt mit Cedrics unverstelltem Blick betrachten und einfach mal davon träumen, wie es wäre, wenn sich alle lieb hätten und nett zueinander wären und zumindest an diesem Abend sind wir alle bessere Menschen. Isabel Kott ist eine Traumbesetzung für den kindlich unschuldigen Lord Fauntleroy, den sie jungenhaft und sympathisch spielt und mit hellem Sopran auch singt. Aber nicht nur sie, sondern das gesamte Ensemble überzeugt auf ganzer Linie in Sachen Spielfreude, Gesang und Tanz.

Der alte Graf Dorincourt (Pavel Fieber) ist ein übellaunier Fiesling allererste Güte. Er lässt sich von seinem Enkel Cedric so widerstandslos um den Finger wickeln, als hätte er insgeheim schon längst auf Erlösung gewartet. Natürlich braucht es ein paar Schritte, aber allmählich verwandelt sich sein Haifischlächeln in das eines liebevollen Großvaters. Als subversives Element im Spiel entpuppt sich sein Anwalt Havisham (Michael Müller). Ausgestattet mit den britischen Insignien Schirm, Scharm und Melone vertritt er formal die Interessen seines Chefs, hat sich innerlich aber längst auf die Seite des jungen Lord Fauntleroy und seiner attraktiven Mutter (Tanja Maria Froidl) geschlagen. Einem Happyend unter dem prächtigen Christbaum stünde nichts entgegen, durchkreuzte nicht die schrille Polly das Idyll: sie reklamiert das Erbe von Dorincourt für ihren Sohn. Schnell wird die Betrügerin entlarvt und jetzt darf getanzt, gelacht und gefeiert werden. Begeisterter Applaus vom Kronacher Publikum.