Es sind schockierende Vorwürfe, die eine Mutter aus dem Kreis Kronach gegen den Vater ihrer kleinen Tochter erhoben hat: Der Mann soll die Vierjährige während einem Vater-Tochter-Wochenende sexuell missbraucht haben (wir berichteten). Seit der vermeintlichen Tat kämpft die 33-Jährige darum, dass das Mädchen seinen Vater nicht mehr sehen muss.

Doch das Familiengericht pocht darauf, dass die Besuchstermine eingehalten werden und droht der Mutter andernfalls mit Beugehaft. Die Kripo hat eine Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs gegen den Kindsvater eingestellt. Wie kann das sein? Wird hier ein vierjähriges Missbrauchsopfer von Polizei und Justiz im Stich gelassen? Oder ist auch eine andere Erklärung denkbar? Könnte es sein, dass sich eine Mutter das alles nur ausgedacht hat? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

 Was war passiert?

Die Frau aus dem Landkreis Kronach hat sich an unsere Redaktion gewandt, weil sie sich laut eigener Aussage nicht mehr anders zu helfen weiß: "Es tut weh, wenn du kämpfst und kämpfst, aber dir niemand hilft." Nach einem Vater-Tochter-Wochenende soll die Vierjährige verängstigt gewesen sein und Verletzungen an Unterleib und im Intimbereich aufgewiesen haben, die in der Mutter die Alarmglocken haben schrillen lassen.

Die 33-Jährige legt ein Attest vom Kinderarzt vor, der schreibt, dass er einen sexuellen Missbrauch weder bestätigen noch ausschließen kann und den Fall bei der Kriminalpolizei gemeldet hat.

Eine Kinderpsychologin kommt darüber hinaus zu dem Befund, dass "unter dem dringendem Verdacht der massiven sexuellen Übergriffe ein Umgangsausschluss erfolgen" sollte. Grundsätzlich solle das Votum des Kindes, das offensichtlich Kontakte zum Vater massiv ablehnt, Vorrang haben vor dem Willen des Vaters, der alles leugne, und weiterhin Umgang einfordere.

Mutter und Vater teilen sich das Sorgerecht. Weil die 33-Jährige sich seit dem Vorfall weigert, die Vierjährige zum Vater zu lassen, musste sie laut eigener Aussage bereits eine Ordnungsstrafe zahlen, die das Familiengericht gegen sie verhängt hat. "Der Richter denkt, dass ich meine Tochter manipuliere", erklärt die Mutter und legt ein Schreiben vom Gericht vor, indem ihr Ordnungshaft angedroht wird, sollte sie den nächsten Umgangstermin platzen lassen.

 Wurde das Kind befragt?

Die Mutter zeigt ein Schreiben vom Kindergarten des Kindes. Die Vierjährige soll in verschiedenen Situationen verängstigt reagiert haben und Sätze wie "Kein Papa, der hat mich gehauen!" und "habe Angst vor meinem Papa. Kann der hier hereinkommen?" gesagt haben.

Außerdem existieren mehrere Videos, auf denen die Kleine verängstigt wirkt und zu weinen beginnt, sobald sie auf ihren Vater angesprochen wird. Auf einem Video sitzt das Mädchen auf der Couch. Als die Mutter es fragt, wo der Papa seinen Finger hin gesteckt habe, deutet die Vierjährige auf ihr Hinterteil. Eine Sache ist offensichtlich: Sollte tatsächlich kein Missbrauch stattgefunden haben, muss die Vierjährige massiv manipuliert worden sein.

Die Kriminalpolizei hat laut Aussage der Mutter jedoch weder das vermeintliche Opfer befragt, noch wurde es von einem Rechtsmediziner untersucht. Nachdem der Vater zu den Vorwürfen befragt wurde und dieser alles abgestritten hat, werden die Ermittlungen eingestellt.

Hat sich der Vater zu den Vorwürfen geäußert?

Während unserer Recherchen war der Vater telefonisch nicht erreichbar. Nachdem der erste Bericht, der die Vorwürfe thematisiert, erschienen war, rief die neue Lebensgefährtin des Beschuldigten in der Redaktion an und behauptete, dass alles nur erfunden sei: "Die Frau ist psychisch krank und denkt sich das alles nur aus."

Zwei Wochen darauf haben wir den Vater noch einmal angerufen, um ihn zu den Vorwürfen zu befragen - wieder haben wir nur seine Lebensgefährtin erreicht. Kurz darauf haben wir einen Anruf vom Anwalt des Mannes bekommen, der uns ausrichten ließ, dass sich sein Mandant derzeit nicht zu der Sache äußern möchte, da es sich um ein laufendes Verfahren handele, er die Vorwürfe jedoch vehement abstreitet. Die Kindsmutter würde den Missbrauch erfinden, um ihren Exfreund aus ihrem Leben und dem ihrer Tochter auszuschließen. Gegen die falschen Behauptungen wolle sein Mandant nun rechtlich vorgehen und auch das Gericht würde sich mit der einstigen Lebenspartnerin seines Mandanten befassen.

Sollte sich in so einem Fall nicht das Jugendamt einschalten?

Zu Einzelfällen erteilen die Jugendämter keine Auskunft. Wir haben jedoch beim Jugendamt Coburg allgemein nachgefragt, wie die Mitarbeiter vorgehen, wenn der Verdacht des sexuellen Missbrauchs eines Kindes durch einen Elternteil im Raum steht. "Es kommt - Gott sei Dank - eher selten vor", berichtet Jugendamtsleiter Reinhold Ehl. "Wie in allen Fällen von vermuteter oder tatsächlicher Kindeswohlgefährdung findet sofort eine Risikoeinschätzung durch mehrere Fachkräfte statt."

Je nach Bewertung kommt es dann zu einem unangemeldeten Hausbesuch der Familie oder die Eltern werden zum Gespräch ins Jugendamt geladen. Das weitere Vorgehen hänge von der jeweiligen Fallkonstellation ab. "Es gab auch schon Einzelfälle, die das Jugendamt selbst zur Anzeige gebracht hat."

Zwar hat das Jugendamt selbst keine Möglichkeit, Entscheidungen in Sachen Sorgerecht zu fällen. "Allerdings lassen wiederholt geäußerte unwahre Behauptungen berechtigte Zweifel an der Erziehungsfähigkeit von Eltern aufkommen." Wenn das Familiengericht über das Sorgerecht entscheidet, spielt die Einschätzung des Jugendamts eine wichtige Rolle.

Welche strafrechtlichen Konsequenzen drohen den Eltern?

Verfahren vor dem Familiengericht sind nichtöffentlich, ebenso ihr Ausgang. Was Eltern in so einem Fall strafrechtlich allgemein droht, erklärt der Leiter des Kronacher Amtsgerichts Jürgen Fehn. "Beim Missbrauch eines Kindes in einem erschwerten Fall liegt der Strafrahmen zwischen zwei und 15 Jahren." Hat sich ein Elternteil am eigenen Kind vergangen, greift zusätzlich der Missbrauch von Schutzbefohlenen.

Eine Haftstrafe droht jedoch auch, wenn sich jemand Vorwürfe dieser Art schlicht ausdenkt. Bei einer sogenannten falschen Verdächtigung bewegt sich der Strafrahmen zwischen einer Geldstrafe und Haft bis zu fünf Jahren. "Wenn jemand sogar wegen einer falschen Verdächtigung in Haft kommt, dann wird es besonders schlimm. Dann liegt eine mittelbare Freiheitsberaubung vor", mahnt der Richter. Sollte jemand wegen den falschen Vorwürfen unschuldig länger als eine Woche in Haft sein, drohen dem Verursacher bis zu zehn Jahre Haft. Man sollte sich also sehr gut überlegen, ob man jemandem einer Straftat bezichtigt.

Was wird nun aus dem Kind?

Das Knifflige an Fällen wie diesen ist, dass das Gericht häufig nicht zweifelsfrei klären kann, ob ein Missbrauch stattgefunden hat oder die Anschuldigungen völlig haltlos sind. "In der Praxis ist das leider nicht so einfach. Denn so lange der Missbrauch nicht zweifelsfrei nachgewiesen kann, gilt die Unschuldsvermutung", erklärt der Richter. Leider komme es deshalb häufig vor, dass solche Verfahren im Sande verlaufen.

Egal, ob der Vater sein Kind tatsächlich missbraucht oder die Mutter ihre Tochter seit Monaten psychisch massiv manipuliert: Zurück bleibt ein traumatisiertes Kind. Eine Psychologin aus dem Kreis Kronach, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, bringt es auf den Punkt: "Beide Varianten sind ganz krasse Grenzüberschreitungen. Solche Vertrauensmissbräuche vonseiten der Eltern prägen Kinder meist ein Leben lang." Entscheidend dabei sei, ob es im Leben des Kindes andere Vertrauenspersonen gibt, zum Beispiel Großeltern, die das Kind emotional auffangen können.