Wenn im Kronacher Kreiskulturraum ein Theaterstück mit einer Altersbeschränkung ab 16 Jahren aufgeführt würde, dann müsste das erklärt werden. Dieser Aufgabe nimmt sich der bekannte Schauspieler Till Demtrøder charmant an und bereitet das Publikum auf verbale Pöbelattacken vor - er hat die volle Aufmerksamkeit, aber leider stört einer aus den ersten Reihen den Vortrag. Die unartikuliert herausgeschleuderten Laute sind äußerst unangenehm. Das geht hoffentlich nicht den ganze Abend so.

Eh man sich versieht, ist man mitten drin im Stück über Vincent, der Meer will und am Tourette-Syndrom leidet. "Es steigt in dir auf wie ein Niesen", beschreibt er es später selbst, "man kann es nicht unterdrücken". Ein Niesen allerdings ist gesellschaftlich akzeptiert. Geschrei, spastische Bewegungen und vor allem unflätige Wörter sind es dagegen nicht. Diese neuropsychologischen Tics stempeln ihre Träger als Außenseiter ab. Auch wenn ansonsten alles "funktioniert".

Im Heim, in dem Vincent lebt, treffen noch mehr Stigmatisierte aufeinander. Da ist der zwangsneurotische Alexander, eine optische Reminiszenz an den Universalgelehrten Alexander von Humboldt, nur ohne dessen humanistische Welt- und Menschensicht. Der Alex im Stück vermeidet Berührungen mit der Außenwelt und anderen Menschen. Marie dagegen versteckt hinter ihrer forsch-frechen Fassade ihre Magersucht, die sie mehr dem Tod entgegentreibt als dem Leben. Dieses Trio Infernale reist zusammen zum Meer, in Wirklichkeit verfolgt aber jeder ein eigenes Ziel.

Der Kinofilm von Florian David Fitz nach seinem eigenen Drehbuch war als Roadmovie erfolgreich. Da ist es ja dann immer so, dass der Weg nach außen sichtbar macht, was im Inneren der Reisenden passiert.

Spärliche Bühnenausstattung

Genau hier offenbart sich die Schwäche der Theaterfassung der Hamburger Kammerspiele in der Inszenierung von Ralph Bridle. Die Autos sind nur mit einem Lenkrad und der Sitzanordnung ihrer Insassen skizziert. Zum Glück dürfen die Darsteller auf selbstproduzierte Motorgeräusche à la "Brmmm, brmmm" verzichten.

Die spärliche Bühnenausstattung von Mascha Deneke aus zwei schiefen Ebenen im weiß-grauen Zickzackmuster wirken wie eine Greenscreen, bei der sich die Zuschauer das entsprechende Szenario virtuell dazu denken müssen. Das funktioniert nur teilweise. Denn die Handlung wird mittels Videosequenzen vorangetrieben, etwa die (versuchten) Diebstähle oder Überfälle an Tankstellen oder der Konflikt mit den italienischen Carabinieri.

"Vincent will Meer" will viel: Psychodrama, Liebesgeschichte, Vater-Sohn-Konflikt, Vergangenheitsbewältigung, Coming-of-Age. Vor dieser Fülle an Komplexität kann die Bühnenversion nur kapitulieren. Dass der Abend im Kronacher Kreiskulturraum trotzdem gute und kurzweilige Unterhaltung bietet, liegt vor allem am Ensemble.

Schauspieler überzeugen

Markus Feustel spielt sehr autenthisch den vom Tourette-Syndrom geplagten Vincent, der den Verlust seiner Mutter verkraften muss und sich gegen den dominanten Vater auflehnt. Der ist ein Polit-Karrierist wie er im Buche steht und der einzige Charakter, der mit dem groben Meißel gehämmert wurde. Der Schauspielkunst von Till Demtrøder schaut man trotzdem gerne zu, auch wenn die Figur wenig Anlass für Sympathie bietet. Es ist schwer nachvollziehbar, warum der Vater am Tourette seines Sohnes zerbrochen ist, ihn kaltherzig ins Heim abschiebt und ihm unwillig auf die Reise ans Meer folgt. Sein Sinneswandel über Nacht kann nur überraschen.

An seiner Seite spielt Marina Weis die Ärtzin Dr. Petrova, deren Motive empathisch sind, die lieber ihre eigene Karriere aufs Spiel setzt als das Leben ihrer Anvertrauten. Denn sie weiß, dass die anorektische Marie lieber verhungert, als freiwillig einen Bissen zu sich zu nehmen. Theresa Horeis verleiht ihrer Figur mit eindrücklicher Präsenz Tiefe. Dadurch ist es nicht nötig, ihre Geschichte oder Motive weiter aufzudröseln.

Der Zwangsneurotiker Alexander alias Marco Reimers darf eine Entwicklungskurve nehmen, denn am Ziel angekommen streift er sich Handschuhe, Strümpfe und Schuhe ab. "Zwei Tage ohne Sie und schon ist er kuriert", ätzt der Politiker-Vater in Richtung Therapeutin. Wie schön wäre es, wenn es wirklich so einfach wäre. Wenn das Publikum nach Hause gehen könnte im schönen Bewusstsein, alles würde gut. Wenn eine unfreiwillige Reise mit Übernachtung unterm Sternenhimmel oder einer Gefängniszelle, eine Zigarette oder die Liebe ernste Krankheiten wirklich zu heilen vermochten.

Man wird ja noch träumen dürfen und so bleibt eine Inszenierung in Erinnerung, die die Geschichte kurz und bündig erzählt, dabei nicht in die Tiefe geht, manchmal etwas zweidimensional bleibt, aber trotzdem gut unterhält: Tragik und Komik sind eben Geschwister.