Montagmorgen. Der Parkplatz vor dem Gelände des Tennis-Clubs Kronach liegt menschenleer in dichtem Nebel. Nur die zahllosen Zigarettenkippen auf dem Asphalt zeugen still von der Party, die wieder einmal am Wochenende im Schatten der Dunkelheit stattgefunden hat. "Das geht auch unter der Woche so", erzählt der Mann in orange. Mit stoischer Ruhe fegt er Stummel für Stummel in seinen Kehrbehälter.

Christian Kreutzer ist einer von fünf Bauhof-Mitarbeitern, die für die Sauberkeit in der Lucas-Cranach-Stadt zuständig sind. Alleine der 45-Jährige leert täglich zwischen 28 und 35 Papierkörbe, mäht im Sommer öffentliche Grünflächen oder kümmert sich im Winter um die Lichtinstallationen auf dem Weihnachtsmarkt - und das, obwohl er seit zehn Jahren an Multipler Sklerose leidet.

"Die Rentenkasse hat mir vorgeschlagen, dass ich doch in Frührente gehen könnte", erzählt der Familienvater aus Gehülz, während er den Parkplatz fegt. "Aber dafür bin ich nicht der Typ. Ich möchte beruflich genauso meinen Mann stehen wie jeder andere auch."

Mädchen für alles

Zwar steht auf dem Parkplatz ein Papierkorb. Der war für die Partygesellschaft vom Wochenende aber offenbar nur Deko: Chipstüten, Verpackungsreste und leere Zigarettenschachteln sind wild um den Mülleimer herum verteilt. Als Kreutzer ihn leeren will, sind im Müllbeutel Löcher: "Da waren wieder die Ratzen (ugs. für Ratten) dran." Das wundert den Bauhof-Mitarbeiter nicht: Jemand hat einen halben Döner im Papierkorb entsorgt.

Alltag für Kreutzer, der sich selbst als "Mädchen für alles" bezeichnet. Bei der Arbeit verzichtet er meist auf Handschuhe. "Das steht jedem Mitarbeiter frei, wie er es macht. Aber ich bin kein Handschuhmensch. Ich kann so besser anpacken, weil meine Finger aufgrund meiner Krankheit oft taub sind."

Seit nunmehr drei Jahren geht es bei Wind und Wetter für den Bauhof-Mitarbeiter hinaus nach Kronach und in die Ortsteile. Inzwischen kennt Kreutzer die Müll-Hotspots, wie den Parkplatz an der Hammermühle, der vor allem abends bei Jugendlichen beliebt ist. "An einem Tag habe ich mal 563 Kippen aufgesammelt", erinnert sich der 45-Jährige, der jede einzelne gezählt hat. "Ich war damit ja auch eineinhalb Stunden beschäftigt."

Müllsündern auf der Spur

Noch ärgerlicher findet es Kreutzer, wenn die Kronacher ihren Hausmüll über die öffentlichen Papierkörbe entsorgen: "Ich finde regelmäßig Windeln, weil sie den Leuten zuhause zu sehr stinken." Manchmal würden ihm beim Leeren schon die Maden entgegen krabbeln. Das sei der Moment, in dem er doch mal die Handschuhe überstreift.

Kreutzer räumt den Dreck aber nicht nur weg, sondern schaut auch, ob er im Hausmüll Hinweise auf die Übeltäter findet. "Manchmal entdecke ich eine Adresse - dann mache ich Bilder und leite das an das Ordnungsamt weiter." Gelegentlich wendet er sich auch direkt an die Polizei, etwa wenn er Drogenbesteck findet - vorrangig auf Spielplätzen: "Das sind für solche Leute beliebte Orte, weil sie da abends ungestört sind."

Schocken könne ihn eigentlich nichts mehr. "Gelegentlich finde ich auch Unterwäsche - vorrangig von Damen", berichtet Kreutzer von kuriosen Funden. Wie BHs und Höschen dort hingekommen sind und warum, darüber mache er sich schon gar keine Gedanken mehr.

Auch Hundekotbeutel gehören zu Kreutzers Tagesgeschäft. Weil er auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, habe er bei Gerüchen eine hohe Schmerzgrenze: "Da kommt einem im Sommer schon mal ein intensiver Duft entgegen." Seinen eigenen Hund habe er so erzogen, dass er sein Geschäft im heimischen Garten verrichtet: "Ich sage immer: ,Ich räume den Dreck von meinem Hund selbst weg.‘"

Das sehe aber nicht jeder Kronacher so. Vor allem auf dem LGS-Gelände würden viele Hundehalter die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner liegenlassen: "Die schauen, ob wir es mitbekommen - und gehen dann einfach weiter." Das sei besonders in den Sommermonaten ärgerlich, wenn der Grünflächentrupp die Wiesen mäht. "Dann spritzt das überall durch die Gegend. Das ist für uns natürlich nicht so schön."

Positive Ausnahmen

Die Hoffnung, manchen Müllsünder zu bekehren, hat Kreutzer noch nicht aufgegeben. Wenn er jemanden beobachtet, der etwas unachtsam wegwirft, spreche er ihn direkt an. "Die Hälfte ist einsichtig und räumt es weg. Die anderen sagen: ,Ist mir egal. Das ist doch dein Job. Dafür zahl' ich schließlich Steuern.‘" Leider würden viele Bürger seinen Beruf nicht wertschätzen. "Da bekommt man Sprüche zu hören wie: ,Da sind wieder die Stinker von der Stadt."

Doch es gebe auch positive Ausnahmen. "Da ist der Müllmann", habe ein Kind mal zu seinen Eltern gesagt. "Die haben ihm dann erklärt: ,Das ist eigentlich der wichtigste Mann, weil der dafür sorgt, dass alles sauber bleibt.‘" Dem Mann in orange ist bewusst, dass er nicht den klassischen Traumberuf hat. "Aber jemand muss es machen - und mich stört es nicht." Kreutzer kann sich gut vorstellen, seinen Beruf bis zur Rente auszuüben. "Aber meine Krankheit verläuft schleichend. Niemand weiß, wie es mir in ein paar Jahren geht." Nur Eines ist sicher: Multiple Sklerose endet für die Betroffenen im Rollstuhl.

Gelegentlich führt Kreutzers Tour zu einer abgelegen Kapelle in Friesen. "Da nehme ich mir auch mal ein paar Minuten Zeit, um in mich zu gehen. Manchmal frage ich mich schon, warum ausgerechnet ich die Krankheit bekommen habe." Doch mit seinem Schicksal zu hadern, ist nicht der Stil des gläubigen Christen. Als Schwerbehindertenbeauftragter der Stadt berät er auch andere Menschen oder hilft ihnen bei Anträgen.

Cortison-Therapie

Von seiner Familie werde er unterstützt, genauso wie von seinem Arbeitgeber, den Kronacher Stadtwerken: "Ich falle alle drei Monate für zwei Wochen aus, weil ich für die Cortison-Therapie ins Krankenhaus muss. Dafür hat auch jeder Verständnis." Der Leiter des Kronacher Bauhofs, Marco Deuerling, erklärt: "Wir schätzen unsere Facharbeiter mit ihrem Know-how und wollen sie so lange wie möglich behalten."

So lange er kann, sorgt Christian Kreutzer zusammen mit seinen Kollegen in Kronach weiter für Ordnung. Manche Dinge scheinen den Menschen so lange selbstverständlich, bis sie irgendwann nicht mehr da sind.

Der Kronacher Bauhof

Struktur

Der Bauhof Kronach ist eine Abteilung der Stadtwerke, die wiederum ein Eigenbetrieb der Stadt Kronach sind.

Aufgaben

38 Mitarbeiter kümmern sich in verschiedenen Trupps um die Unterhaltung und Pflege städtischer Straßen, Plätze und Grünanlagen, schneiden Bäume und übernehmen die Schneeräumung im Winter. saha