Erna Fischer* ist seit fünf Jahren tot. Die alte Dame findet keine Ruhe. In einer Nacht vor zwei Wochen hat sie ungebetenen Besuch. Die Gäste reißen Laternen aus Verankerungen, in denen das ewige Licht brennt. Rupfen Blumen aus der Erde. Treten gegen das steinerne Andenken, das Ernas Söhne errichtet haben. Erna ist nicht die Einzige, die in jener Nacht besucht wird.

Am nächsten Morgen finden 20 Familien die Gräber ihrer Angehörigen auf dem Friedhof in Reichenbach verwüstet vor (wir berichteten). Tausende Euro Schaden haben die unbekannten Besucher hinterlassen. Die Polizei in Ludwigsstadt nennt sie pietätlose Schurken und Barbaren.

Die Suche nach den Grabschändern ist vergebens. "Wir ermitteln und hören uns um. Doch es ist schwer, wenn niemand etwas gesehen hat." Für die Polizeibeamten ernüchternd, für die Angehörigen schwer zu ertragen. "Es ist eine riesige Sauerei", ärgert sich Ernas Sohn Harald*. Alte Wunden wurden wieder aufgerissen. Der Grabstein seiner Mutter steht jetzt wieder. Auf den Kosten bleibt er sitzen.

Reichenbach ist machtlos. "Du kannst den Friedhof nicht absperren oder Überwachungskameras aufhängen", erklärt Bürgermeisterin Karin Ritter. Wer nachts seine Zerstörungswut an den Toten auslassen will, findet einen Weg. Wachsam sein, mehr geht nicht.

Adam Wieczorek schreitet mit offenen Augen über seine Friedhöfe. Fischbach, Friesen, Gehülz, Neuses, Glosberg. Meistens bringt er den grünen Rasenteppich zwischen historischen Denkmälern und modernen Gräbern auf der Kronacher Ruhestätte auf Vordermann. Routiniert ordnet sein Rechen Kies auf den Wegen. Und er beobachtet seine Umgebung genau. Seit etlichen Jahren wacht er über Kronachs Verblichene. "Es kommt leider immer wieder vor, dass Blumen oder kleine Deko-Engel von Gräbern gestohlen werden." Erwischt hat er noch niemanden.

Der städtische Mitarbeiter erfährt erst von den Diebstählen, wenn ihn Angehörige ansprechen. Adam Wieczorek rät immer zur Strafanzeige - egal, wie gering der Schaden ist. "Viele machen das aber nicht, wenn nur ein paar Veilchen im Wert von zehn Euro gestohlen wurden." Der Schaden scheint nichtig. Verständnis hat der Friedhofswärter nicht. "So etwas macht man nicht. Solche Leute müssen sich mal überlegen, wie das für die Angehörigen ist." Je frischer die Trauer, desto größer der Schmerz.

Adam Wieczoreks Lieblingsort ist der für Sternenkinder. Zweimal im Jahr werden sie auf einer Wiese beigesetzt. Ihre Eltern platzieren Blumen, Lichter und Deko-Engelchen an einer zentralen Gedenkstätte. Der Totenwächter pflegt die Büsche und Sträucher mit Hingabe. Bislang hat sich hier noch kein Grabräuber zu Schaffen gemacht. Adam Wieczorek hofft, dass es so bleibt. Als er auf dem Friedhof angefangen hat, hatte er noch fünf Kollegen. Heute gibt es nur noch ihn und eine Hilfskraft im Herbst. Überall können seine Augen nicht sein.

Die traurigste Versicherung der Welt

Angehörige können sich mit einer Grabstein-Versicherung vor Vandalen schützen. Ein Nischengeschäft. Große Agenturen bieten das Produkt an, das jährlich so viel kostet wie die Hausratversicherung fürs Eigenheim. "Das lohnt sich höchstens in der Großstadt, aber nicht bei uns, wo so etwas alle paar Jahre mal vorkommt", meint Marc Bergauer von der Kronacher Ergo-Versicherung. Bei ihm wollte bislang noch niemand einen Grabstein versichern.

Wenn kein Täter ermittelt wird, haften somit die Angehörigen. Wird die Totenruhe so empfindlich gestört wie in Reichenbach, muss Udo Deinlein retten, was noch zu retten ist. Der Steinmetzmeister aus Stockheim hat Erna Fischers Grabstein gerade zum zweiten Mal aufgestellt. Ein kostspieliges Exemplar mit einem frei stehenden Eisenkreuz, gefertigt aus verschiedenen Materialien. "Die Edelstahlbügel, mit denen die Steine im Zement verankert sind, waren herausgerissen", schildert Udo Deinlein die Hinterlassenschaft Pietätloser. Ein ausgewachsener Mann hat aus Sicht des Experten genug Kraft, das stabile Konstrukt ins Wanken zu bringen. "Für massive Gewalt sind Grabsteine nicht ausgelegt." Solche Fälle seien zum Glück selten, doch nicht minder erschütternd.

Beim Steinmetz selbst wurde auch schon eingebrochen, berichtet Ehefrau Karin. "Schützen kann man sich vor so etwas nicht." Früher haben sie Beispielexemplare vor dem Geschäft ausgestellt. Nachdem bei einem Steinmetzkollegen randaliert wurde, haben sie ihre nach drinnen geholt. Die Randal-Nacht von Reichenbach beschäftigt Karin Deinlein. Eine halbe Stunde nach dem Gespräch ruft sie noch einmal an. "Ich glaube: Diejenigen, die das gemacht haben, sind in der glücklichen Lage, dass sie noch nie einen Angehörigen verloren haben."

Sie hofft auf jugendlichen Leichtsinn. An jemanden, der nicht an die Folgen für die Angehörigen gedacht hat. Sicher ist sich die Frau des Steinmetz nicht. "Egal ob blanke Wut oder einfach Spaß am Zerstören - da hat jemand seine ganze Energie rausgelassen." Frust und die Bereitschaft zu Gewalt hätten in den vergangenen Monaten ein neues Ausmaß erreicht. Warum die Täter ihre überschüssige Energie an denen ausgelassen haben, die sich nicht mehr wehren können, versteht Karin Deinlein nicht.

Familie Fischer bleibt als Erinnerung an die Mutter nur ihre Ruhestätte. Doch wenn die Söhne jetzt an ihrem Grab stehen, spüren sie wieder die Trauer. Und jede Menge Wut.

* Namen wurden von der Redaktion geändert.

Diebstähle und Randale auf Kronachs Friedhöfen sind keine Einzelfälle:

Kriminelle treiben2005 ihr Unwesen auf dem Kronacher Friedhof. Sie treten Grableuchten um und werfen sie auf andere Gräber. Steine werden umgekippt, Blumenschmuck auf die Wege geworfen. Der Schaden: gut 2000 Euro.

Über einen längeren Zeitraum werdenvor zehn Jahren Veilchen und Stiefmütterchen von einem einzelnen Grab auf dem Küpser Friedhof gestohlen. Der Schaden beträgt rund 25 Euro. Die Polizei fahndet vergebens.

Ein kurioser Vorfall ereignet sich im Oktober 2014 auf dem Friedhof in Wallenfels: Die Angehörigen eines Verstorbenen stellen fest, dass ohne ihre Erlaubnis ein 30 Zentimeter großes Kruzifix an dessen Grab angebracht wurde. Es kostet 300 Euro, die ungebetene Dekoration wieder zu entfernen.

Vandalen reißen im Januar 2018 eine Flügeltier der Aussegnungshalle in Glosberg aus der Verankerung.Der Schaden: 2500 Euro.