Wenn der 43-jährige Thomas Baier lange im Sattel sitzt und fest am Lenker seines Rades anpackt, dann passiert es auch heute noch, dass ihm seine Hand den Dienst versagt. Der gesamte Körper zeigt ihm irgendwann die Grenzen auf. Doch bedenkt man, dass der Ziegelerdener im Jahr 2008 zum zweiten Mal das Radfahren von Grund auf erlernen musste, wirkt dieses Handicap fast schon nebensächlich. Ein Schlaganfall hatte ihn vor zehn Jahren mitten im Leben getroffen. Nun will er sich beim Radmarathon als Aktiver zurückmelden - und möglichst nicht alleine.

"Ich hatte 2004 den Schlaganfall, davor stand ich voll im Berufsleben", erzählt der sportbegeisterte 43-Jährige. Was folgte, war eine Zeit, die Thomas Baier nie wieder erleben möchte. Drei bis vier Jahre dauerte die Reha.
"Da muss man sich jeden Morgen aufs Neue aufrappeln", sagt er mit einem freundlichen Lächeln, das seine wiedergewonnene Freude am Leben symbolisiert und das gesamte Gespräch begleitet.

Doch es gibt auch die Momente, in denen klar wird, dieses Lächeln war in den vergangenen Jahren nicht immer da. So auch, nachdem die Reha abgeschlossen war und die Mediziner ihm klar gemacht haben, dass es körperlich und beruflich nie mehr so sein wird wie zuvor. Allerdings steckte Thomas Baier den Kopf nicht in den Sand, sondern er nahm den Kampf gegen das Schicksal auf. "Der Ehrgeiz ist erwacht. Ich sagte mir: ,Es muss doch mehr gehen.‘" Vor dem Schlaganfall war er gerne mit dem Fahrrad unterwegs - das wollte er wegen der Erkrankung nicht aufgeben: "Nachdem ich von Grund auf wieder reden, greifen, tasten und sogar laufen lernen musste, wollte ich nun auch das Radfahren wieder neu lernen." Dabei erinnert er sich an Zeiten im Krankenbett, als er angesprochen wurde, antworten wollte und im Geist wie im Mund schon die Worte gebildet hatte - sie ihm aber nicht über die Lippen gehen wollten.

Der Reiz war groß

Nicht anders sah es später auf dem Drahtesel aus. "Ich habe das Radfahren wieder gelernt wie ein kleines Kind", erinnert sich Thomas Baier an die Tage, als er am Lenker saß und seine Lebensgefährtin mitgelaufen ist, um das Fahrrad stabil zu halten. "Die Leute sehen nicht, was an Reha dahinter steckt", meint der Ziegelerdener.
Das ist auch der Grund, warum er bisher beim Frankenwald-Radmarathon nicht mitgefahren ist, obwohl der Reiz groß war. Über Sabine Fugmann und den Verein der Bike Runners hat er vor einiger Zeit Kontakt zu den Organisatoren dieses Radsport-Großereignisses in Stockheim geknüpft. Inzwischen hilft er dabei gerne mit.

Wegen seiner Lähmungserscheinungen in der rechten Körperhälfte traut er sich jedoch nicht mehr als 25 bis 50 Kilometer auf dem Rad zu. Und auf den kurzen Strecken als äußerlich nicht krank wirkender Mensch eventuell abgeschlagen ins Ziel zu kommen, schreckte Thomas Baier bislang ab. "Ich habe mich geschämt. Aber beispielsweise bei Belastungen am Berg schläft mir irgendwann einfach die rechte Hand ein", erklärt der 43-Jährige. Jetzt hat es allerdings Klick bei ihm gemacht. Als er den "gänsehautmäßigen" Start gesehen habe, sei der Wille in ihm gewachsen, selbst dabei zu sein. Heuer will er auch diese Herausforderung annehmen. Und er will Menschen in der gleichen Lebenslage mit ins Boot holen. "Meine Idee ist es, eine Handicap-Gruppe auf die Beine zu stellen. Dadurch könnte man den Radmarathon noch interessanter machen", erzählt Thomas Baier. Beim Organisationsteam habe er damit offene Türen eingerannt, denn bei dieser Veranstaltung gelte jeder Teilnehmer - egal ob mit oder ohne Handicap - als ein Gewinn.

Nun hofft er auch bei den Betroffenen auf eine große Resonanz. Wenn die Nachfrage da ist, könnte er sich ohne Weiteres die Bildung einer dauerhaften Sportgruppe vorstellen. "Mir als Schlaganfall-Patient geht's ja noch verhältnismäßig gut, aber ich kann die Situation von anderen Kranken nachfühlen und ihnen meine Hilfestellung anbieten."

Ein Signal geben

Außerdem verfolgt der Ziegelerdener mit seinem Vorhaben noch ein weiteres Ziel. "Bei den Paralympics und ähnlichen Veranstaltungen werden Leute mit einem Handicap angefeuert", freut er sich. Im Alltag sehe das dann oft anders aus, "da schauen die Menschen gerne weg". Hier möchte Thomas Baier mit Gleichgesinnten ein Signal geben: "Wir wollen nicht bemitleidet werden, aber wir wollen so gut wie möglich am normalen Leben teilnehmen."


Kontakt Wer mit Thomas Baier in Kontakt treten möchte, kann dies unter der Telefonnummer 0160/90263862 oder über eine Facebook-Seite tun. Seiner Gruppe kann sich jeder Interessierte mit Lust am Radfahren und an der Gemeinschaft anschließen, sofern er einen Behindertenausweis besitzt.

Veranstaltung Der Frankenwald-Radmarathon findet heuer zum zwölften Mal statt. Die Radsportfreunde treffen sich zum Rahmenprogramm und zur eigentlichen Fahrt am 2. und 3. August in Stockheim.

Internet Weitere Infos zur Veranstaltung gibt es hier.