Das Bundesliga-Spiel ist auf Montag verlegt, weil keine Polizei da ist. Die Weihnachtsmärkte finden nur noch während der Woche statt. Und die erste Zeitungsausgabe wird erst am nächsten Tag vorbereitet. Ein typischer Sonntag in Deutschland!?

So müsste es eigentlich aussehen, jedenfalls wenn der Vormarsch gegen die Sonntagsarbeit konsequent umgesetzt werden soll. Das meint zumindest Helmut Schiffner mit einem Schuss Ironie. Schiffners Küpser Firma Datex Perfekt hat rund 200 Mitarbeiter im Callcenter beschäftigt. In Hessen wurde gerade eine Verordnung gerichtlich zu Fall gebracht, die unter anderem solche Arbeiten an Sonn- und Feiertagen gestattet hat.
In der Folge ist auch für Bayern eine Anpassung der bisherigen Ausnahmeregelungen zu erwarten.


Zweifel an aktueller Entwicklung

"Ich bin gespannt", betont Schiffner, der diese Entwicklung in der jetzigen Zeit nicht mehr nachvollziehen kann. Damit die Arbeitsplätze in Deutschland bleiben, habe sein Callcenter vor 23 Jahren als eines der ersten in der Bundesrepublik überhaupt eine ministerielle Sondergenehmigung für die Sonntagsarbeit erhalten. Über die Jahre sei der Sonntagsdienst der Callcenter dann kein Thema mehr gewesen. Ausgerechnet jetzt, da der Onlinehandel das Ruder übernimmt und die Callcenter rückläufige Geschäfte melden, gerieten sie in die Schusslinie. "Das ist kurios", bemerkt Schiffner. Von seinen 200 Arbeitskräften im Callcenter komme jede durchschnittlich einmal pro Monat sonntags zum Einsatz. Eine erträgliche Belastung, wie er meint. Aber er hat das Gefühl, dass solche Jobs gar nicht mehr gewollt sind.

"Deutschland will nur noch Ingenieure", ist sein Eindruck von einer "verlogenen Diskussion" und einer "überbordenden Regulierungswut". Und auch wenn eine Änderung der bayerischen Richtlinien sein Unternehmen zunächst nicht sehr treffen würde, sieht er für die Branche insgesamt die Gefahr einer weiteren Abwanderung ins Ausland. Daher warnt er die Politik: "Hochmut kommt vor dem Fall!"


Andere Ausgangslage

Christian Hess von Gedikom zieht für die Callcenter noch eine Trennlinie. Der Geschäftsführer des Bayreuther Kommunikationsdienstleisters sieht beispielsweise seine Firma in einer anderen Sparte einsortiert und daher bei einer Neuregelung außerhalb der Zielrichtung. "Wir betreiben Daseinsvorsorge", erklärt er. Gedikom, eine 100-prozentige Tochter der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, ist zuständig für den ärztlichen Notdienst - auch in unserem Bereich. "Das kann man gleichsetzen mit dem Betrieb einer Rettungsleitstelle", so Hess.
Aus diesem Grund ist er überzeugt, dass die Patienten in Bayern keine Angst haben müssen, irgendwann in Zukunft nur ein "Kein Anschluss unter dieser Nummer" zu hören, wenn sie am Sonntag dringend einen Arzt brauchen.

Was gewerbliche Callcenter betrifft, will Hess dem Leipziger Urteil hingegen nicht widersprechen. "Da geht es ja um Verkaufs-Callcenter", resümiert er. Und da sei die Frage schon legitim, ob diese Tätigkeiten wirklich an einem Sonntag notwendig sind.


Landtagsabgeordneter begrüßt Entscheidung

Ob, wann und wie Bayern auf das Leipziger Urteil reagieren wird, muss der Landtag entschieden. "Das dauert jetzt erst einmal. Da habe ich noch keinen Zeithorizont", geht MdL Jürgen Baumgärtner (CSU) davon aus, dass die Politik zunächst die Urteilsbegründung abwartet, ehe ihre Mühlen zu mahlen beginnen. Dass es in Bayern mittlerweile zu viele Ausnahmen für die Sonntagsarbeit gibt, steht für ihn jedoch außer Frage. "Ich bin dafür, dass wir das deutlich zurückfahren", unterstreicht er seine ganz persönliche Sicht der Dinge. Was seine Fraktion darüber denke, werde sich in den Gesprächen zeigen.

Doch für Baumgärtner ist völlig klar, dass der Betrieb von Callcentern, Autowaschanlagen oder Musterausstellungen an Sonntagen nicht nötig ist. "Ich begrüße das Urteil daher ausdrücklich", betont er mit Blick auf den Schutz der Sonn- sowie Feiertage und somit des Familienlebens.