Wird es in absehbarer Zeit einen Streetworker für den Landkreis Kronach geben? Eine Frage, die sich für den CSU-Kreisfraktionsvorsitzenden Bernd Liebhardt gar nicht mehr stellt. Für ihn ist es lediglich eine Frage der Zeit.
Nachdem der CSU-Antrag für einen Streetworker im Jugendhilfeausschuss im Juli noch zurückgestellt worden war, erneuerte der Kreisrat vor wenigen Tagen seine Forderung. Beim Landrat beantragte Liebhardt für den nächsten Kreistag einen Grundsatzbeschluss für die Schaffung einer Streetworker-Stelle.

Bis Ende Februar 2016 sollen die notwendigen Voraussetzungen, Beschlüsse und Vorbereitung der Ausschreibungen abgeschlossen sein. "Ich muss nicht immer gleich mit den Kopf durch die Wand und bin auch kein Freund von Grundsatzbeschlüssen", sagt der Kreisrat. "Aber hier ist es anders. Wenn sich einige Verantwortliche nicht bewegen lassen, muss man in die richtige Richtung finden."

Streetworker im Allgemeinen leisten aufsuchende Straßensozialarbeit und sollen dabei problembelastete Zielgruppen in verschiedenen Bereichen unterstützen. Argumente für die Schaffung einer solchen Stelle im Kreis Kronach gebe es genug, erklärt Liebhardt.

Die wichtigsten Themen seien für ihn die Prävention für Alkohol und Drogen, Radikalismus in der Gesellschaft und die Unterstützung von Jugendlichen, die auf die schiefe Bahn geraten sind. "Das sind Punkte, die mittlerweile im ländlichen Raum angekommen sind und im Bereich Drogen auch mit Straftaten einhergehen", sagt Liebhardt.

Gute Ansätze von Jugendsozialarbeit im Landkreis durch Ehrenamtliche, Schulen, Kirchen und Ämtern kann er bereits heute erkennen - schränkt aber ein: "Die typischen Betroffenen melden sich nicht zu den Amtszeiten im Landratsamt, da ist die Hemmschwelle zu groß", erklärt der Kreisrat.


Unterschiedliche Meinungen

Im Kreistag stößt der CSU-Politiker mit seiner Forderung auf ein geteiltes Echo. "Ich habe nicht gedacht, auf eine ablehnende Mauer im Kreistag zu treffen", so Liebhardt. Gemeint sind hierbei die Kreisfraktionen der SPD und der Freien Wähler, die einer neuen Stelle für einen Streetworker eher skeptisch gegenüberstehen.

SPD-Kreisfraktionsvorsitzender Richard Rauh verweist auf den Jugendausschuss im Juli, der damals keinen konkreten Bedarf feststellen konnte. Die Zahlen der Straftaten von Jugendlichen im Landkreis seien rückläufig, erklärt er. Verharmlosen möchte Rauh die Situation aber nicht: "Der Landkreis ist keine Insel der Glückseligkeit, Probleme von Großstädten kommen zeitversetzt auch in die ländlichen Regionen." Er bezweifelt jedoch, dass ein Streetworker betroffene Menschen auch wirklich erreicht. "Nach meinem Kenntnisstand gibt es keine offene Rauschgiftszene auf der Straße, sondern nur Nester in Häusern", sagt er.

Peter Hänel, dem Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler im Kreis, sind die bisherigen Pläne zu vage. "Es ist einfach zu sagen, an einem Ort gibt es Probleme und dafür holt man dann einfach einen Streetworker", sagt er. "Wir wissen nicht, was die genau machen, wie das Aufgabenfeld ausschaut und wer sie einstellt." Grundsätzlich werde das Thema bei den Freien Wählern aber ernst genommen. "Wir sind nicht strikt dagegen, man kann drüber plaudern", erklärt Peter Hänel.

Das ungenau definierte Aufgabenprofil des Streetworkers, sieht auch Bernd Rebhan, Chef der Kriminalpolizei in Coburg, noch als Manko an. Ansonsten stehe man einem Streetworker für den Landkreis Kronach offen gegenüber. "Prävention ist die gemeinsame Aufgabe der Polizei, Jugendämter und Gesundheitsämter", sagt er. "Wir sehen es positiv, wenn die politischen Verantwortungsträger unterstützt werden."


Kein unbekanntes Modell im Kreis

Ein Streetworker wäre im Kreis Kronach kein neues Phänomen. Schon vor acht Jahren war ein Sozialarbeiter für einige Monate auf den Straßen im Landkreis aktiv. Aus der Sicht von Uwe Herrmann, Polizeichef in Kronach, hat sich dieses Modell damals nicht bewährt. "Ein Streetworker müsste sich als Mittler sehen. Das war er nicht, er war eher Interessensvertreter der Punkerszene", erklärt Herrmann. Aufgrund dieser negativen Erfahrungen steht der Polizeichef einem neuen Streetworker eher skeptisch entgegen, möchte sich aber nicht kategorisch dagegenstellen. "Es gibt bestimmt Leute, die es besser machen", sagt er. "Wenn es wider Erwarten funktioniert, wäre mir das nicht Unrecht."

Herrmann erklärt, dass sich die Straßenszene in Kronach zuletzt entspannt habe und es keine Probleme mehr wie vor einigen Jahren gebe, als Passanten auf der Straße angepöbelt wurden. Auch ein größeres Rauschgiftproblem lasse sich mit dem aktuellen Zahlenmaterial nicht stützen, erklärt er.


Nicht auf Statistiken verlassen

Auf Statistiken möchte sich Bernd Liebhardt allerdings nicht verlassen: "Natürlich ist der Zustand in vielen Städten, vor allem außerhalb von Bayern schlimmer, aber das heißt nicht, dass es nichts zu verbessern gibt." Ähnlich sehen das auch die Kreisräte der Grünen, der Frauenliste und der FDP.

Edith Memmel von den Grünen unterstützt die Idee der CSU. Die Fraktionsvorsitzende würde es wundern, wenn es durch die Nähe zur tschechischen Grenze im Landkreis Kronach keine Probleme mit Rauschgift gäbe. Daneben könnte ein Streetworker auch das Gewaltpotenzial von Jugendlichen reduzieren. "Gruppenschlägereien sind immer wieder ein Thema", sagt Memmel. Auch Petra Zenkel-Schirmer von der Frauenliste sieht Bedarf - insbesondere in der Drogensuchtprävention. "Ich bin auf jeden Fall dafür, die Stelle des Streetworkers hat seinen Sinn", sagt sie. "Man darf das Thema nicht unter den Teppich kehren, nur weil es im eigenen Umfeld nicht immer vorkommt."

Für FDP-Kreisrat Björn Cukrowski wäre ein Streetworker eine Investition mit Weitblick. "Man sollte frühzeitig reagieren, bevor es zu spät ist", sagt er. "Streetworker können Lösungen finden, mit denen gewisse Probleme aus dem Weg geräumt werden." Cukrowski könne sich auch vorstellen, dass sich ein Streetworker um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kümmert.