Das Ringen um gute Auszubildende und qualifizierte Fachkräfte ist in aller Munde. "Die Bevölkerung in Oberfranken altert, die Zahl der Arbeitskräfte nimmt ab. Der Geburtenanstieg ist nicht so groß, um diese Lücke an fehlenden Fachkräften zu schließen", stellt die IHK für Oberfranken fest. Da scheint auch im Kreis Kronach guter Rat teuer zu sein.

Um sich gegen Jobangebote aus den größeren Städten durchzusetzen, müssen sich die Unternehmen auf dem Land immer wieder neu erfinden und Anreize für Arbeitskräfte schaffen. Für heimische, die bleiben sollen. Und für auswärtige, die kommen sollen.

Digitalisierung voranbringen

Ein Ansatzpunkt hierfür ist die Digitalisierung. Das Schlagwort: "Industrie 4.0". Beim einen weckt es Euphorie für einen Aufschwung. Beim anderen schürt es die Angst davor, dass die Technik zunehmend den Menschen ersetzen könnte. Bei der Firma Waltec hat sich inmitten der Corona-Pandemie herausgestellt, dass moderne, digitale Möglichkeiten die Firmen stärken und sie somit interessant für Arbeitnehmer machen können. Und das, ohne dadurch bestehende Jobs in Gefahr zu bringen.

Der Steinberger Maschinenbauer für die weltweite Glasindustrie stand vor einer großen Herausforderung. Eine komplexe Anlage für einen chinesischen Partner musste aufgebaut werden. "Dann kam der Lockdown. Keiner konnte mehr reisen", erinnert sich Managing Director Britta Höfer. Intern wurde diskutiert, wie die Situation zu lösen wäre, ohne dass eigens Fachpersonal nach China fliegen muss. "Wir haben uns gefragt: Trauen wir uns das zu, die ganze Linie online, nur unter unserer Supervision zu installieren." Waltec traute es sich zu und überzeugte den Partner in Fernost, diesen Versuch ebenfalls zu wagen.

Was folgte, war ein Verlassen ausgetretener Pfade hinein in eine technisch extrem reizvolle, aber auch sehr anspruchsvolle Welt. Eugen Bastron hätte sich kurze Zeit vorher noch nicht vorstellen können, dass er die millimetergenauen Einstellungen beim Aufbau und Anschluss der Anlage nicht vor Ort vornehmen würde, sondern sie vom Computer im Steinberger Firmengebäude aus dirigiert. Dadurch hat sein Arbeitsfeld der Mechanik und Prozessunterstützung eine neue, spannende Seite gewonnen. "Online und in Echtzeit" hat er die chinesischen Arbeiter drei Wochen lang begleitet und instruiert. Vier feste Kameras und zwei Helmkameras lieferten die notwendigen Bilder.

Erfolgreiche Arbeit

"Das war eine komplett andere Geschichte", zieht er nach der erfolgreichen Installation und Inbetriebnahme der Anlage zur Produktion von Glasgeschirr eine abschließende Bilanz. "Ist man vor Ort, hat man alles im Blick - auch mal etwas aus dem Augenwinkel heraus." Aus der Ferne müsse man die Mitarbeiter exakt lenken, damit sie den Kopf genau dorthin drehen, wohin man in diesem Moment schauen möchte. Deshalb empfiehlt Britta Höfer auch, diese Arbeitsweise nur mit Partnern umzusetzen, mit denen die Zusammenarbeit bereits erprobt ist.

Eine weitere Herausforderung ist die Sprache bei solchen internationalen Kooperationen. Für Bastron bedeutete das, Englisch zu reden. Auf der anderen Seite der Erdkugel übersetzte ein einziger Dolmetscher dann die Anweisungen für die ganze Mannschaft ins Chinesische. Diese Hürde wurde ebenso genommen wie die Problematik eines chinesischen Internets, das keinen direkten Zugang für jedermann bietet.

Auf großer Bühne

Acht bis zehn Stunden haben Bastron und seine Kollegen täglich in den Aufbau gesteckt. "Das Schwerste daran war das Aufstehen nachts um halb zwei", sagt er mit einem Schmunzeln. Die Zeitverschiebung lässt grüßen.

Dieser Härtetest hat unter dem Strich aber gezeigt, dass heimische Firmen wie Waltec auf ganz großer Bühne und mit modernsten Mitteln mitspielen können. Beim Steinberger Maschinenbau-Unternehmen sind die Weichen entsprechend gestellt. Es gehe nicht nur darum, Produkte zu verkaufen. Ganz im Sinne von "Industrie 4.0" gehe es auch um das Bereitsstellen von Daten und Analysen, erklärt Höfer.

Damit gehe einher, dass auch die Jobs noch vielfältiger werden. "Vielleicht wird es bald den Beruf des virtuellen Inbetriebnehmers geben", spekuliert sie. Dieses Signal müsse dem zum Teil ausgedünnten Personalmarkt nur noch besser vermittelt werden, um auch in Zukunft auf gutes Fachpersonal und selbst ausgebildete Kräfte bauen zu können. Möglichkeiten bietet der Frankenwald solchen Arbeitnehmern mehr, als diese vielleicht vermuten. Waltec hat's vorgemacht.