In der Arena auf Schalke läuft die drittee Spielminute. Nach einem von Martin Thomann getretenen Eckball verschätzt sich Ralf Fährmann, Torwart des Bundesligisten FC Schalke 04, und unterläuft den Ball. Am zweiten Pfosten lauert Kristian Böhnlein - und köpft den Ball an das Außennetz. "Der Winkel war etwas spitz, aber der Zeitpunkt hat gepasst. Ich hätte ihn schon machen können", sagt der aus Kronach stammende Profi des Regionalligisten FC Schweinfurt 05 und fügt schmunzelnd an: "Je nach Sichtweise war es Pech oder Unvermögen."

Mit ein paar Tagen Abstand kann der 30-Jährige wieder lachen. Seine "Schnüdel" verpassten gegen die seit Monaten kriselnden Schalker den Pokal-Coup - obwohl der Außenseiter mindestens auf Augenhöhe war und in Minute 37 verdient durch Thomann in Führung ging. "Es ist eine Mischung aus Stolz und Enttäuschung", beschreibt der Pressiger seine Gefühlslage. Stolz, weil die Schweinfurter von Anfang an Vollgas gegeben und die Mannschaft es sehr gut gemacht habe. Enttäuschung, weil es gegen verunsicherte Schalker dann doch nicht reichte und der Bundesligist mit späten Treffern zu einem klaren 4:1-Sieg kam.

Im Nachgang hat Böhnlein, der 61 Minuten auf dem Rasen der Gelsenkirchener Arena stand, zwei Knackpunkte ausgemacht. "Wir bekommen kurz vor der Pause zwei zu einfache Gegentore", hadert Böhnlein mit dem Ausgleich durch Vedad Ibisevic (39.) und dem 2:1 durch Alessandro Schöpf (44.). Die zweite Schlüsselszene spielte sich in Minute 70 ab: Nach einem Foul an Adam Jabiri bekamen die Gäste einen Foulelfmeter zugesprochen. "Wir haben noch einmal die Möglichkeit, das Spiel zu öffnen und nutzen sie nicht", sagt Böhnlein. Denn: Amar Suljic scheiterte mit einem schwach geschossenen Strafstoß an Fährmann.

Doch der Elfmeter hätte wiederholt werden müssen. Schalkes Schlussmann stand bei der Ausführung nicht auf der Linie. "Von meiner Position war das nicht zu erkennen. Der Einzige, der es hätte sehen müssen, ist der Linienrichter. In der Champions League gab es diese Woche eine ähnliche Szene, in der der Elfmeter wiederholt wurde. Das ist natürlich ärgerlich für uns."

Statt zurück ins Spiel zu kommen und den Bundesligisten weiter unter Druck zu setzen, entging der Gastgeber einem Pokalkrimi. Schöpf (81.) und Benito Raman (86.) trafen für die Gastgeber zum 4:1-Endstand und machten das Weiterkommen perfekt.

Auch wenn die Sensation ausblieb, war der Auftritt in der über 62 000 Zuschauer fassenden Arena für Böhnlein ein Karriere-Höhepunkt. "Obwohl keine Fans zugelassen waren, war es etwas Besonderes, so etwas zum ersten Mal zu erleben." Weil das geforderte Hygienekonzept nur in Gelsenkirchen umsetzbar war, stieg das Geisterspiel auf Schalke, obwohl der Regionalligist eigentlich Heimrecht genossen hätte.

Ende einer Hängepartie

Das Pokalspiel war das Ende einer wochenlangen Hängepartie. Drittliga-Aufsteiger Türkgücü München hatte vor dem Landgericht München dagegen geklagt, dass Schweinfurt das Startrecht für den DFB-Pokal erhält und pochte darauf, als beste bayerische Mannschaft für den Pokal gemeldet zu werden. Das Schiedsgericht des BFV entschied letztlich, dass es beim vorgesehenen Plan bleibt: Türkgücü stieg, obwohl die Regionalligasaison nicht abgebrochen wurde, als Tabellenführer auf und die "Schnüdel" durften als Zweiter im DFB-Pokal starten.

"Einen Tag vor der Abreise haben wir damals die Nachricht bekommen, dass das Spiel abgesagt wurde. Wir waren auf das Spiel vorbereitet und voller Vorfreude. Für uns war das wie ein schlechter Witz. Das hat Wut ausgelöst", sagt Böhnlein. Wochenlang hingen Spieler und Klub in der Luft. Ende Oktober stand fest, dass Schweinfurt im finanziell lukrativen DFB-Pokal starten darf. Dort ist für Böhnlein und den Regionalligisten zwar nach Runde 1 Schluss, doch der couragierte Auftritt brachte dem FC Schweinfurt jede Menge Respekt ein.

Den Schwung können die Schweinfurter aber nicht in die Liga mitnehmen. Denn die Regionalliga Bayern pausiert im November-Lockdown genauso wie alle anderen Ligen im Freistaat - und die FC-Profis gehen zum zweiten Mal in diesem Jahr in Kurzarbeit. "Die erste Kurzarbeit habe ich ja nicht mitbekommen, weil ich erst im Sommer nach Schweinfurt gewechselt bin. Aber es ist für uns Spieler natürlich keine einfache Situation", sagt Böhnlein.

Er werde sich individuell fit halten und sich einen Nebenjob oder eine Fortbildung suchen. "Es ist wichtig, dass man etwas für den Kopf macht." Geht der Spielbetrieb irgendwann weiter, wolllen die Schweinfurter ihr Ziel erreichen: den Aufstieg in die 3. Liga.

Ex-Klub Frohnlach im Blick

Von diesen Sphären ist einer von Böhnleins Ex-Vereinen, der VfL Frohnlach, weit entfernt. Im Mai verkündete der Landesligist, in finanzielle Schieflage geraten zu sein. Dem einstigen Regionalligisten, für den Böhnlein drei Jahre lang spielte, drohte das Aus. "Das war eine schockierende Nachricht. Aber mittlerweile sieht es nicht mehr ganz so schlimm aus", sagt Böhnlein, der den VfL nach wie vor verfolgt - schon wegen privaten Verbindungen. Christian Tremel, Sportleiter in Frohnlach, ist der Schwiegervater seines Bruders.