Nicht erst durch die Corona-Krise musste sich Kronach mit der Problematik von Seuchen befassen. Heute blickt Stadtvogt Hans Götz in die Geschichte und fragt sich: "Welche Maßnahmen ergriffen nun Bürgermeister und Ratsherren der Stadt Kronach gegen die Epidemien? Welche Möglichkeiten besaßen sie zur damaligen Zeit? Wie sah die ärztliche Versorgung aus? Welche Medikamente standen zur Verfügung?"

Wie heute, so erwartete man auch zur damaligen Zeit vom Landesherrn Ratschläge und Hilfe. Wolfgang Philipp Fuchs von Dornheim, Statthalter auf der Festung Rosenberg, wandte sich daher in einem undatierten Brief (vermutlich 1634/35) an die bambergische Regierung und bat um personelle und medizische Unterstützung. Die Antwort ließ zwar die große Anteilnahme der Domkapitulare am Leidensdruck der Kronacher erkennen, konkrete Hilfe wurde aber nicht zugesagt. Man verwies den Statthalter an Hauptmann Brückner, der "einen Veldtscherer" habe, der sich "uff dergleichen Kranckheiten wohl verstehe" und dieser "dem Gemeinen Weesen zum Besten, möge effectuirt, und in diesem fall etwas remediert werden".

Der Ratschlag der Domkapitulare war also, sich selbst zu helfen und sich auf den militärischen Veldtscherer zu verlassen, auf dass dieser es "richten und die Krankheit mindern möge". Die Kronacher reagierten auf solche Vertröstungen in besonderer Weise. Doch dazu später mehr.

Frühes "social distancing"

Eine Maßnahme, die heute "social distancing" genannt wird, wurde schon damals befolgt, aber nicht aufgrund von Anweisungen, sondern aus Furcht vor einer Ansteckung. Die Menschen versuchten, so wenig wie möglich außer Haus gehen zu müssen. Da der Selbstversorgungsgrad der Menschen in einer Kleinstadt des 17. Jahrhunderts stark ausgeprägt war, konnte dies auch leichter bewerkstelligt werden. Die Obere Stadt ließ sich zudem mit Hilfe der Stadttore einfacher von der Außenwelt abschotten. Möglicherweise auch ein Grund für die geringeren Todesfälle im Seuchenjahr 1626.Um den Warenverkehr zu gewährleisten, stellten die Städte ihren Händlern, die von der Seuche nicht betroffen waren, Gesundheitszeugnisse aus, so genannte Pestbriefe. Oftmals halfen aber auch die nicht, wie eine Beschwerde des Kronacher Rates im Jahr 1713 beim Bischof zeigte.

Der ortsansässige Schönfärber Wolffgang Dülp wurde in Bayreuth trotz eines solchen Briefes im Armenhaus festgesetzt. Selbst als 1715 eine Seuche im fernen Olmütz (Böhmen) ausbrach, wurden die Kontrollposten bereits in der Kronacher Vorstadt mit Soldaten verstärkt und keine Person von sächsischer oder böhmischer Seite ohne Genehmigung des Bürgermeisters in die Stadt gelassen.

Die Pestbriefe, die erstmals im Jahr 1374 in Venedig benutzt wurden, dienten der Hafenbehörde als Entscheidungsgrundlage, ob der Inhaber samt Waren in eine 30-tägige Absonderung geschickt werden musste. Die Analogie zu unseren heutigen Quarantänemaßnahmen ist offensichtlich.

Später erhöhte man die Abschirmung auf 40 Tage (ital.: quaranta giorni), woraus sich der heutige Begriff Quarantäne ableitete. Im Übrigen gilt der Pestbrief als Vorläufer des Reisepasses.

Welche medizinischen Möglichkeiten zur Behandlung einer Seuche standen in einer Stadt wie Kronach zur Verfügung? Georg Fehn bediente sich einer Weisheit, die auch heute noch gültig ist: "Der Mangel an Ärzten machte sich namentlich in den Zeiten von ansteckenden Krankheiten fühlbar, namentlich bei der Pest."

Konkurrenz durch Bader

Als 1346 die Pest nach Kronach kam, war vermutlich kein Medicus vor Ort. In dieser Zeit waren vornehmlich die Bader für die medizinische Versorgung der Bevölkerung zuständig. Bei schwerer Krankheit wurde der Patient, wohl im Einzelfall, zu auswärtigen Ärzten gebracht, wie es für Hans Sperlein, Glaser in Kronach, im Jahr 1580 bezeugt ist. Diese Option stand freilich nur begüterten Bürgern offen.

Ansonsten kamen Ärzte nur zeitweise nach Kronach, wie Jobst Stengel, der 1584 in die Stadt kam, um seine "Kunst zu probieren". 1585 war es ein Augenarzt namens Schäfer, der "des georg steinmüllers Hausfrauen den star an aug benommen" habe, also offensichtlich erfolgreich einen Eingriff vornahm.

Erster ansässiger Arzt

Im "Verzeichnis der Stadtmedici" in der Chronik von Georg Fehn wird Johann Caspar Schnapp als erster ansässiger Arzt aufgeführt. Von ihm ist aber nur bekannt, dass er am 24. Juni 1612 in Kronach begraben wurde. Von ihm wurde lediglich vermutet, dass er "kaum einem anderen Stand angehört haben kann".

Nach Jahren ohne ärztliche Versorgung kam 1621 bis 1622 ein Arzt namens Joann Nester aus Kulmbach jeweils zu den Markttagen für acht bis zehn Tage zur Behandlung der Kranken nach Kronach. Dafür erhielt er von der Stadt ein "Wartgeld" von 30 Gulden im Jahr. Die Nachfolger, die ohne städtische Besoldung auskommen sollten, blieben aus wirtschaftlichen Gründen nicht lange, da vermutlich die billigere Konkurrenz der Bader ihnen die Kundschaft streitig machte. 1626, während der "erschrecklichen pestilentialischen Seuch", wirkte für zwei Jahre der Wund- und Pestilenzarzt Baltasar Metzel, der nach Abflauen der Seuche aber wieder die bischöfliche Amtshauptmannschaft verließ.

Offenbar aus der Erfahrung, dass ein selbstständiger Arzt in Kronach wirtschaftlich nicht praktizieren konnte, und sicherlich auch wegen der latenten Seuchengefahr, entschlossen sich 1641 die Ratsherren, einen besoldeten Stadtmedicus anzustellen. Johannes Rudolph Beyd erhielt für seine Approbation 16 Reichsthaler, eine freie Wohnung, sechs Wagen Feuerholz, ein Simra Korn (circa 20 Liter), ein Halbes Simra Malz und zusätzlich fünf Gulden vom Armenhaus.

Schwierige Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit mit Be yd gestaltete sich anscheinend nicht besonders harmonisch, da dieser lieber verreiste, als die kranken Bürger zu versorgen. Nach einem zeitweise verhängten Reiseverbot durch den Rat der Stadt wurde die Zusammenarbeit 1647 beendet. Auch mit den zwei nachfolgenden städtischen Ärzten gab es fortlaufend Händel und Zwistigkeiten, sei es wegen übler Nachrede oder der Besoldung.