Lina* weint und zittert am ganzen Körper. Verzweifelt klammert sich die Vierjährige an das Bein ihrer Mutter und fleht immer wieder: "Bitte, ich will nicht zu Harald*." Das Video zerreißt nicht nur Eltern das Herz. Harald ist Linas Vater. Bis vor Kurzem hat sie ihn noch Papa genannt. Doch seit einem Besuch im Juli vergangenen Jahres ist nichts mehr, wie es vorher war.

Das einstige Paar teilt sich das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter. Als Harald die zu diesem Zeitpunkt Dreijährige nach einem Wochenende wieder nach Hause bringt, sei Bea Schneider* direkt aufgefallen, dass sich Lina seltsam verhält. "Ich dachte mir: ,Na ja, dann war das Wochenende wahrscheinlich nicht so schön." Erst habe sie sich nicht viel dabei gedacht, sagt Bea Schneider, auch nicht, als Lina direkt in ihr Zimmer gegangen sei und sich alleine umziehen wollte.

Ihr Popo tue weh, habe die Kleine noch gesagt. Später am Abend, als sie noch einmal in das Zimmer ihrer Tochter geht, um nach dem Rechten zu sehen, findet die 33-Jährige Lina schlafend auf dem Fußboden vor.

Ein furchtbarer Verdacht

Den nächsten Morgen schildert die zweifache Mutter folgendermaßen: Lina ließ sich von ihr nicht mehr anfassen, doch zu Bea Schneiders neuem Lebensgefährten fasst die Dreijährige Vertrauen. Als er Lina umzieht, entdeckt er Blut in der Windel und einen blauen Fleck in der Nähe ihres Intimbereichs.

In dem Moment reift in Bea Schneider ein furchtbarer Verdacht. Immer wieder fragen sie und ihr Lebensgefährte Lina, ob etwas passiert ist, bis die unter Tränen sagt: "Ich habe den Schnippi im Mund gehabt." Auf einem Handyvideo, das Lina zeigt, sitzt die inzwischen Vierjährige auf der Wohnzimmercouch und macht einen verängstigten Eindruck. Als die Mutter fragt, wo der Papa den Finger hingesteckt hat, deutet sie gezielt auf ihren Hintern.

Linas Kinderarzt kommt laut einem Attest am darauffolgenden Tag zu dem Ergebnis, dass er einen sexuellen Missbrauch nicht ausschließen kann und zeigt den Fall bei der Kriminalpolizei an. "Wir waren alle geschockt", sagt Bea Schneider, die ebenfalls Anzeige gegen Linas Vater erstattet hat - die Ermittlungen sind laut der 33-Jährigen ergebnislos eingestellt worden. Weder sei Lina von den Beamten befragt worden, noch sei sie von einem Gerichtsmediziner untersucht worden.

Lediglich der Kindsvater wurde zu den Vorwürfen angehört. "Er hat gesagt, dass sie sich die Verletzungen wohl beim Fahrradfahren zugezogen haben muss", schildert Bea Schneider. Sie lässt diese Aussage unkommentiert, doch der Sarkasmus in ihrer Stimme macht auch so deutlich, dass sie Harald nicht glaubt.

Vier Tage nach dem vermeintlichen Missbrauch wird ein Abdruck an Linas Becken sichtbar. Der Kinderarzt kommt zu dem Schluss, dass dieser wahrscheinlich von einem Handabdruck stammt. Auch hierfür liefert Harald laut Bea Schneider eine passende Erklärung: Er habe beim Hochheben wohl zu stark zugepackt. "Wenn ich ein Kind hochhebe, fasse ich es weiter oben an, unter den Armen, und nicht am Becken", erklärt die 33-Jährige.

Die Male an Linas Körper sind nach ein paar Tagen verschwunden. Doch die seelischen Folgen bekommt die Familie laut eigener Aussage ein Jahr später noch immer zu spüren. "Es hat lange gedauert, bis Lina mir wieder vertraut hat", sagt Bea Schneider traurig. "Sie hat mir die Schuld gegeben und einmal zu mir gesagt: ,Du hast mich ja zum Papa gebracht.‘" Früher sei Lina ein absolutes Papakind gewesen. Inzwischen nennt sie ihn nur noch beim Vornamen und gerät in Panik, wenn sie auf ihn angesprochen wird.

Traumatisiert und verängstigt

Die Vierjährige ist in sich gekehrt und verängstigt, wie ein Schreiben des Kindergartens dokumentiert. Sobald sie fremde Männer sieht, rennt sie hilfesuchend zu den Erzieherinnen. Sie reagiert abwehrend auf Bilder und Gegenstände, die sie an die Form eines männlichen Glieds erinnern. Eine Kinderpsychologin kommt vor drei Monaten in einem Attest zu dem Ergebnis, dass umfangreicher Therapiebedarf besteht und Lina Angst vor ihrem Vater hat. Durch die Besuche würde die Vierjährige immer wieder aufs Neue traumatisiert.

Weiter schreibt die Kinderpsychologin vom dringenden Verdacht eines sexuellen Übergriffs und empfiehlt, den Umgang mit dem Vater zu beenden. Der Wille des Kindes, das offensichtlich keinen Kontakt möchte, müsse wichtiger sein als der Wille des Vaters, der die Besuche einfordere.

Das sieht das Gericht jedoch anders. Weil Bea Schneider die darauffolgenden Besuchstermine beim Vater abgesagt hat, musste sie laut eigener Aussage bereits eine Ordnungsstrafe in Höhe von 250 Euro zahlen. Das Familiengericht hat bei seinem letzten Termin noch einmal bekräftigt, dass Bea Schneider die Termine unbedingt einhalten soll.

Vom Gericht bloßgestellt

Wie kann das sein? "Der Richter denkt, dass ich Lina manipuliere", berichtet Bea Schneider verzweifelt. Während der Verhandlung seien ihre merkwürdige bis erniedrigende Fragen gestellt worden, unter anderem, wie viele Sexualpartner sie in ihrem Leben bereits gehabt habe. "Ich wurde bloßgestellt. Es ging eigentlich nur um mich und nicht um Lina. Meine Tochter wurde nicht einmal angehört." Im Anschluss an die Verhandlung erhielt Bea Schneider einen Brief vom Gericht, in dem ihr mit Ordnungshaft gedroht wurde, sollte sie die Besuchstermine nicht einhalten.

Die Mutter versteht nicht, warum weder das Gericht noch das Jugendamt ihre Vorwürfe ernst nehmen, zumal diverse Sprach- und Textnachrichten von Linas Vater bezeugen, dass ihr ehemaliger Lebensgefährte einen abnormen Sexualtrieb hat und sie auch noch nach der Trennung mit Fotos seines Glieds belästigt wurde. Inzwischen hat Bea Schneiders Anwalt bei Gericht ein Näherungsverbot gegen Harald wegen Kindeswohlgefährdung eingereicht, das Verfahren läuft.

Die Kinderpsychologin spricht in ihrem Attest von einer hochdramatischen Situation. "Es tut einfach weh, wenn du kämpfst und kämpfst, aber dir niemand hilft", fasst Bea Schneider die Situation aus ihrer Sicht zusammen.

Sohn berichtet von Übergriffen

In jedem Fall will sie verhindern, dass Lina und ihr älterer Bruder - er stammt aus einer vorherigen Beziehung - den Vater der Vierjährigen noch einmal sehen. Denn auch der Siebenjährige hat gegenüber einer Lehrerin im Februar dieses Jahres offenbart, dass sich der Beschuldigte sexuell an ihm vergriffen haben soll. Auch das hat Bea Schneider bei der Kriminalpolizei angezeigt - auch dieses Verfahren sei inzwischen eingestellt worden. "Wenn uns hier nicht geholfen wird, gehen wir ans Oberlandesgericht", kündigt die zweifache Mutter an.

Kann eine Mutter ihr dreijähriges Kind so raffiniert manipulieren, dass es zittert und weint, sobald es auf seinen Vater angesprochen wird? Diese Frage wird das Gericht zeitnah beantworten müssen. Der beschuldigte Vater war während der Recherche für die Autorin telefonisch nicht erreichbar.

* Alle Namen sind der Redaktion bekannt und wurden geändert.