Auf den ersten Blick sehen sie aus wie drei ganz normale Kanal- sowie Hydrantendeckel, die auf der Kreisstraße Abzweigung Leitschmühle bis Ortseingang Neufang eingebaut sind. In Wirklichkeit verschließen diese "Kanaldeckel" jedoch Sprengschächte und die "Hydrantendeckel" beherbergen die zugehörigen Schlüssel beziehungsweise Schnüre, mittels derer man die Zündkabel durch die Rohre hätte ziehen können. Auf der KC 21 Steinwiesen - Neufang befinden sich im kurzen Abstand voneinander entfernt drei solche eingelassenen Bauwerke: stumme Zeugen aus der Zeit des Kalten Krieges zwischen den Militärblöcken der Nato und des Warschauer Pakts, zu der auch die DDR gehörte.
Schon bald werden diese Relikte verschwunden sein. Die Straße ist bereits abgefräst und geschottert, die Sperrobjekt-Anlagen werden demnächst mit Splitt aufgefüllt. "Man wird nichts mehr von ihnen sehen", sagt Bauleiter Wolfgang Dietrich.
Zusammen mit Kreisheimatpfleger Robert Wachter und Bauhofleiter Ludwig Pötzinger stattet der stellvertretende Sachgebietsleiter am Landratsamt Kronach an diesem nebligen Augustmorgen den Bauwerken einen - vielleicht letzten - "Besuch" ab. Damals im Kalten Krieg, als West und Ost geteilt waren, lagen die Westmächte unter Führung der USA und der Ostblock unter Führung der Sowjetunion im Streit. Da man befürchtete, dass der Warschauer Pakt auf dem Landweg in Deutschland einmarschieren würde, baute man - so der Kreisheimatpfleger - solche Hindernisse in Straßen oder unter Brücken. Dadurch sollte der Vormarsch der feindlichen Truppen möglichst stark verzögert, die vorhandene Infrastruktur aber möglichst wenig beschädigt werden.


"Top secret"

"Man wollte den Feind aufhalten. Viel Zeit hätte man dadurch aber sicherlich nicht gewonnen. Die Panzer hätten dann einen anderen Weg genommen. Wahrscheinlich wollte man die Feinde an dieser Stelle auch unter Beschuss nehmen", vermutet Wachter. Eine Vielzahl solcher passiver Verteidigungsanlagen waren ab den 1960er Jahren - vollkommen unbeachtet von der Bevölkerung und "top secret" - in der ganzen Bundesrepublik verteilt. Errichtet wurden sie vor allem im grenznahen Hinterland an möglichen Einfallspforten der Warschauer-Pakt-Truppen.
Die zwischen Steinwiesen und Neufang 1968 eingebauten drei Sprengschächte waren nicht billigt. "Sie kosteten damals etwa 13 936 DM", erzählt der Kreisheimatpfleger. Jeder dieser Sprengschächte ist fünf Meter tief, der Durchmesser beträgt 60 cm. Entgegen so manch verbreiteter Annahme waren die Schächte nicht mit Sprengstoff gefüllt. Im Falle eines Einmarsches feindlicher Truppen wäre dies erst von einem Zündtrupp mit den dafür vorgesehenen Sprengladungen besorgt worden, die in nahegelegenen - ebenfalls getarnten - Munitionsdepots gelagert worden waren. Durch die Sprengung der drei Ladungen wäre jeweils ein Krater in der Straße entstanden und hätte diese unpassierbar gemacht.
"Zufällig" wurden die Sprengschächte hier sicherlich nicht gebaut. Man wählte Standorte, bei denen ein Ausweichen unmöglich war, wie auf der KC 21: auf der einen Seite eine Felswand, auf der anderen Seite abschüssiges Tal. Man hätte sich auf den Rückzug begeben müssen. "Da hier in diesem Gebiet der ganze Untergrund aus Fels ist, hätte man sicherlich eine große Sprengstoffmenge gebraucht", überlegt Dietrich. Der Bau und die Kontrolle unterlagen militärischer Geheimhaltung. Diese Geheimhaltung galt auch noch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, womit die Sprengfallen ihre Bedeutung verloren. "Das war eine geheime Sache, wovon der normale Bürger nichts wusste. Ich bin schon so lange beim Bau. Aber ich erfuhr erst davon, seitdem ich für den Landkreis arbeite", bestätigt Dietrich. Bauhofleiter Ludwig Pötzinger erinnert sich dagegen daran, wie man noch im Jahre 1988 in Nordhalben über ein Dutzend solcher Schächte versetzt habe. 15 Jahre später seien diese dann rückgebaut worden. Die noch vorhandenen Anlagen im Landkreis werden weiterhin überprüft und gewartet, wofür nur ein einziger Polizeibeamter zuständig ist - wohl ebenfalls aus Gründen der Geheimhaltung. Nach und nach verschwinden diese Relikte - so wie beispielsweise ebenfalls ein Trio im Zuge der Bauarbeiten an der KC 3 bei Gifting Mitte März dieses Jahres. Insgesamt dürfte es noch ein halbes Dutzend im Landkreis geben - beispielsweise im Bereich Nurn, Leitsch und Neuengrün. Zumindest eines davon möchte der Kreisheimatpfleger der Nachwelt exemplarisch als militärhistorisches Denkmal erhalten. Bei den Sprengschächten auf der KC  21 ist dies nicht möglich. Hier werden sie bei der Erneuerung der Straßendecke daher auch verschwinden. "Die Bauarbeiten werden Ende des Monats, spätestens zu Schulbeginn abgeschlossen sein", so der Bauleiter. Solche Schächte seien frostanfällig und könnten dadurch den Straßenbelag zerstören. Eine Möglichkeit wäre der Erhalt der Anlagen eventuell im Bereich Leitsch, wo sich diese nahe einem Wanderweg befinden. Da könnte man vielleicht auch ein Hinweischild anbringen - als Zeugnis und sicherlich auch Mahnung an die zurückliegende Epoche des Kalten Krieges.


Sprengschacht-Anlagen


Trio Die Anlagen bestehen in den meisten Fällen, so wie auch die auf der KC 21, aus drei - im Abstand von etwa 20 Metern hintereinander angeordneten - Sprengschächten.

Deckel Verschlossen wurden sie mit einem Schachtdeckel, der an den eines Kanal erinnert. Das geschulte Auge erkennt ihn am darin eingelassenen Kreuz sowie an der massiven Halteschraube in der Mitte.

Abwasser? Kaum ein Autofahrer wird sich jedoch beim Befahren der Straße Gedanken darüber gemacht haben, warum gerade an dieser Stelle Kanalschächte eingebaut wurden und warum hier Abwasser fließen sollte. hs