Der letzte Kunde im Laden. Noch einmal abkassieren, dann geht es in den Feierabend. So dachte wohl der junge Mann, der am Mittwochabend kurz vor Ladenschluss an der Kasse in der Kronacher Norma-Filiale saß. Doch was folgte, war der Schreck seines Lebens: Der vermeintliche Kunde entpuppt sich als Räuber, der plötzlich eine Waffe zückt und die Kasseneinnahmen fordert.

Inzwischen ist klar: Es war lediglich eine Schreckschusspistole. "Doch das wusste unser Mitarbeiter in dem Moment nicht", schildert der Norma-Verkaufsleiter Nordbayern Ulrich Schott. Völlig verängstigt händigt der junge Mann, der seit zwei Jahren in der Kronacher Norma arbeitet, dem Kriminellen das Geld aus: gerade einmal 300 Euro. "Mehr ist bei uns nicht zu holen", erklärt Schott, denn die Kasseneinnahmen werden mehrmals am Tag abgeschöpft.

Besonders dreist: Der Räuber hat sich zuerst wie ein gewöhnlicher Kunde verhalten, lief durch die Gänge und packte ein paar Kleinigkeiten ein: "Eine Cola, ein Gebäckteilchen und ein Netz mit Klementinen", zählt der Verkaufsleiter auf. "Die Waren haben einen Wert von unter fünf Euro. Die nahm er auch noch mit - ohne sie zu bezahlen."

Mit seiner Beute stürmt der Täter nach draußen. Seine Komplizin wartet in einem Auto etwas abseits, um kein Aufsehen zu erregen. Das klappt allerdings nur bedingt. "Sie wurden von einem Zeugen bemerkt, der draußen gewartet hat, um einen unserer Azubis abzuholen."

Zeuge beobachtet Flucht

Besagter Zeuge sowie das Opfer konnten den Polizeibeamten eine detaillierte Beschreibung liefern. Zudem hätten Überwachungskameras den Täter gefilmt. "Allerdings wäre da nicht viel erkennbar gewesen, weil er einen dunklen Parka getragen und sich mit Kapuze und Tuch vermummt hat."

Das Opfer habe sich erst nichts dabei gedacht. "Zurzeit laufen ja viele so rum, um sich zu schützen."

Nicht einmal zwei Stunden nach dem Überfall sei es der Kronacher Polizei gelungen, die mutmaßlichen Täter festzunehmen. "Der Polizei muss man ein großes Lob aussprechen. Sie waren ratzfatz hier und hatten auch gleich Posten an den Straßen."

Anders als zuerst berichtet, soll es sich nach Informationen des Fränkischen Tags nicht um zwei Männer, sondern um eine 50 Jahre alte Frau und ihren 20-jährigen Sohn handeln. "Wir sind uns ziemlich sicher, dass wir die richtigen festgenommen haben", berichtet Johannes Tränkle von der Staatsanwaltschaft Coburg, die Haftbefehl gegen das räuberische Duo erlassen hat. "Wir konnten einen Bargeldbetrag sicherstellen, der in etwa zu den erbeuteten Supermarkteinnahmen passt - und die entwendeten Waren."

Die Kripo Coburg hat die Ermittlungen aufgenommen. "Wann es zur Anklage kommt, dazu können wir noch nichts sagen." Die mutmaßlichen Räuber seien in verschiedene Justizvollzugsanstalten gekommen - nicht nur, weil es sich um einen Mann und eine Frau handelt. "Das ist üblich, weil wir vermeiden wollen, dass sich die Tatbeteiligten bezüglich der Tat absprechen", erklärt Tränkle.

Opfer steckt Vorfall gut weg

Der Norma-Verkaufsleiter ist unterdessen erleichtert, dass die Täter geschnappt wurden. "Das beruhigt natürlich meine Mitarbeiter, wenn sie wissen, dass die nicht noch einmal wiederkommen." Nichtsdestotrotz sei der Vorfall prägend für das Opfer gewesen. "Ich vermute, dass er eine unruhige Nacht hatte. Er wirkt aber ruhig und bedächtig und steckt die Sache gut weg."

Vorsorglich sei der junge Mann am Freitag psychologisch betreut worden und habe erst einmal ein langes Wochenende. "Wir sind ständig im Austausch. Am Montag sehen wir weiter."

Zwar habe es in diesem und im letzten Jahr glücklicherweise keine Überfälle auf die Norma-Filialen gegeben, die Schott betreut. Er habe aber schon Fälle erlebt, bei denen die betroffenen Mitarbeiter bis heute nicht mehr dazu imstande sind, an der Kasse zu arbeiten. "Manche kommen mit so etwas gar nicht klar. Das kann man nur nachvollziehen, wenn man es selbst erlebt hat."

Als Schott am Mittwochabend von dem Überfall erfahren hat, sei er umgehend zur Kronacher Filiale gefahren. "Das sind mir meine Mitarbeiter wert. Hauptsache, niemandem ist etwas passiert. Alles andere ist nebensächlich." Und auch, wenn die Erleichterung groß ist, dass niemanden etwas passiert ist: Es hätte auch anders ausgehen können. Immerhin seien zum Tatzeitpunkt vier Angestellte im Supermarkt gewesen.

Der Verkaufsleiter hofft, dass dies ein trauriger Einzelfall war. "Ich wünsche mir, dass unsere Mitarbeiter, die derzeit Höchstleistungen erbringen, mehr geachtet werden."