Eine verhängnisvolle Zufallsbegegnung am Rande des Kronacher Freischießens kostet einem 37 Jahre alten Kronacher im vergangenen Jahr beinahe das Leben. Sturzbetrunken ist er auf dem Weg nach Hause, als er hinter der Bahnhofsunterführung auf eine Gruppe junger Leute trifft. Bis heute kann sich der Familienvater an kaum etwas erinnern. Fest steht nur: Ein paar Stunden später wacht er mit einem mehrfach gebrochenen Kiefer und einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus auf.

Dass er die Nacht überlebt hat, ist wohl zwei jungen Männern zu verdanken, die sich beherzt gegen die Angreifer - zehn bis 15 Personen sollen es gewesen sein - gestellt und dabei selbst Prügel kassiert haben. Ihre Aussagen haben letztendlich dafür gesorgt, dass bereits zwei der Angreifer - sie waren gerade einmal 18 und 20 Jahre alt - zu Haftstrafen von vier sowie zwei Jahren und neun Monaten verurteilt wurden (wir berichteten).

Die Zeugen haben vor dem Landgericht Coburg berichtet, dass mehrere Mitglieder der Gruppe das wehrlose Opfer mit Fußtritten gegen den Kopf malträtiert haben.

Nun sitzt der nächste mutmaßliche Täter auf der Anklagebank des Schwurgerichts der 1. Großen Jugendkammer. Einmal mehr muss das Opfer einem seiner Peiniger gegenübersitzen. Wie bereits seine verurteilten Freunde will sich T. vorerst nicht zu den schweren Vorwürfen äußern, die auf versuchten Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung lauten.

Dafür berichtet der 22-Jährige von seinen vielversprechenden Zukunftsaussichten, davon, dass er "sehr gute Chancen" hat, nach seiner Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker von seinem Betrieb übernommen zu werden. "Ich will vielleicht anschließend meinen Techniker machen und in der Firma aufsteigen", erzählt der junge Mann aus dem Kreis Kronach. "Und dann vielleicht langsam eine Familie gründen." Mit seiner Freundin sei er gerade zusammengezogen.

Körperliche und seelische Narben bleiben

Auch das Opfer hatte eine feste Arbeit, zumindest bis vergangenen April, als er zum dritten Mal am Kiefer operiert wurde. Zehn Metallplatten wurden ihm in den beiden Eingriffen zuvor eingesetzt, der mehrfache Bruch war kompliziert. "Die Platten sollten in der dritten Operation wieder raus, aber der Knochen hatte sich entzündet", schildert der 37-Jährige und erklärt, dass er nach jeder Operation vier bis acht Wochen krankgeschrieben werden muss. "Anfangs hatte mein Chef noch Verständnis für meine Situation. Aber nach der dritten OP im April wurde ihm das zu viel, weil ich zu lange krank war."

Derzeit ist der Vater eines sieben Jahre alten Sohnes zwar arbeitssuchend. Doch die vierte Operation steht bereits an. "Die Platten müssen in den nächsten zwei Monaten raus." Er zeigt die Narbe in seinem Gesicht. Die Metallplatten mussten von außen eingesetzt werden, was bedeutet, dass die Ärzte durch die Haut schneiden mussten - und so werden die Platten auch wieder entfernt.

Taub bis pelzig fühlen sich diese Bereiche seines Gesichts an, erklärt der Kronacher. "Es kann sein, dass dieses Gefühl in ein paar Jahren verschwindet, aber es kann auch sein, dass es ein Leben lang bleibt." Nüsse werde er wohl nie wieder essen können, und auch vom Kaugummi kauen hätten ihm die Ärzte abgeraten.

Die körperlichen Narben sind das Eine, die seelischen das Andere. "Hat sich Ihr Familienleben durch den Vorfall verändert?", fragt Richter Christoph Gillot nach. "Wenn ich ,Nein‘ sage, würde ich lügen", gibt der Kronacher zu und dass er um öffentliche Veranstaltungen seit dem Vorfall einen großen Bogen macht. Der Zusammenhalt mit seiner Frau sei seit dem vergangen Jahr noch enger. Doch auch bei seinem kleinen Sohn habe der Vorfall Spuren hinterlassen. So sei der Siebenjährige kürzlich mit seinem aggressiven Verhalten bei einer Rauferei in der Grundschule aufgefallen. "Er hat gesagt: ,Ich will nicht, dass mir so etwas passiert wie Papa.‘"

Während das Opfer spricht, lauscht der Angeklagte regungslos - und schweigt. Ob sich einer der Täter inzwischen bei ihm entschuldigt hätte, will der Richter wissen. Doch obwohl die jungen Männer alleine an den bislang rund ein Dutzend Verhandlungstagen die Möglichkeit dazu hatten, hat keiner von ihnen auch nur ein Wort zu dem 37-Jährigen gesagt.

Täter geben Opfer die Schuld

Dafür wollten die Beschuldigten dem Opfer zumindest eine Teilschuld an der brutalen Tat in die Schuhe schieben: Mehrfach haben sie im ersten Prozess betont, dass das Opfer, welches laut eigener Aussage aufgrund seines Alkoholkonsums auf dem Freischießen kaum mehr laufen und sprechen konnte, sie mit Beleidigungen provoziert hätte.

Der Familienvater hat seinerseits den Kontakt zu einem der Männer gesucht, die sich eingemischt haben, als er schon bewusstlos am Boden lag und von mehreren Tätern getreten wurde. "Wenn der nicht eingegriffen hätte, wäre es anders ausgegangen", weiß er. Dafür sei er seinem Retter für immer dankbar.

Ob sich der 22-jährige Angeklagte noch äußert, wird sich an den kommenden Verhandlungstagen zeigen. Das Urteil wird voraussichtlich am 16. September gefällt. Wie seinen Freunden drohen ihm mehrere Jahre Haft.