Pflegebett an Arzt: "Bitte kommen!" - Was wie ein Witz beginnt, könnte bald schon Realität werden. Jedenfalls in Wallenfels. Frank Ebert von Oberfranken Offensiv formulierte es so: "Der Startschuss des Projekts Gesundheitsversorgung 4.0 nimmt die Zukunft ein Stück weit vorweg!"


Den Zuschlag erhalten

Seit 2016 führt der Verein Oberfranken Offensiv das geförderte Projekt "Gesellschaft 4.0 - Digitale Kommune" durch. Im Rahmen eines Wettbewerbs hatten sich die Stadt Wallenfels und der Landkreis Wunsiedel mit ähnlichen telemedizinischen Projektideen beworben, die Jury erteilte den Zuschlag und jetzt geht es los: bis Ende 2018 soll die Plattform "Gesundheitsversorgung 4.0" entstehen. Die geplante telemedizinische Anwendung einer Online-Sprechstunde soll in Wallenfels modellhaft vor allem für das Alten- und Pflegeheim St. Elisabeth des Caritasverbandes genutzt werden.
Der Schwerpunkt liegt in der ärztlichen Betreuung von Patienten, die sich in stationärer oder ambulanter Pflege befinden. In einer digitalen Pflegeakte sollen die wichtigsten Vitaldaten erfasst und in einem geschützten System zugänglich gemacht werden, sofern die Einwilligung der Patienten vorliegt. Die Datenerfassung und Messungen führen bisher Pflegekräfte durch. In Zukunft könnten digitale Pflegebetten diese Aufgaben übernehmen. Sie sind mit Sensoren und Messstationen ausgestattet.
Zum Wiegen muss niemand mehr das Bett verlassen. Ein Flüssigkeitssensor ermittelt, ob der Patient schwitzt oder das Bett eingenässt hat. Alarmfunktionen können eingestellt werden, beispielsweise wenn nachts ein Patient aufsteht und nach zehn Minuten nicht zurück ist.


Zugriff auf digitale Pflegeakte

Im Rahmen des Projektes kann der Arzt online auf die digitale Pflegeakte zugreifen und dann entscheiden, wie weiterverfahren wird: Anruf, Hausbesuch oder Praxistermin. Neu wird das Angebot der Videosprechstunde sein. Mittels verschlüsselter Internetverbindung und Webcam hört man sich nicht nur, sondern sieht sich auch, was für die Einschätzung des Gesundheitszustandes von großem Vorteil ist.
"Der persönliche und unmittelbare Kontakt zwischen Arzt und Patienten ist und bleibt auch in Zukunft unverzichtbar", beteuert die Vorsitzende von Oberfranken Offensiv, Bayerns Staatsministerin für Gesundheit und Pflege, Melanie Huml, die selbst Ärztin ist. "Dank der Online-Sprechstunde müssen Hausarzt und Patient im Pflegeheim künftig nicht mehr in jedem Fall persönlich vor Ort sein."
Jens Korn, Bürgermeister von Wallenfels, träumt schon von der Umwidmung der Flößerstadt in eine Gesundheits- und Pflegestadt. Schon seit 1905 gebe es in der Stadt ein Pflegeheim. Als 2008 eine Arztpraxis schloss, habe man mit der Einrichtung einer kommunalen Landarztpraxis einen mutigen Schritt gemacht. Dazu wurden von der Stadt im Kulturzentrum Praxisräume eingerichtet, in denen Hausarzt Ulrich Voit im Filialbetrieb Sprechstunden hält. Er wirkt auch im Projekt mit und freut sich auf mehr "Arzt-Zeit", davon habe man bisher zu viel auf der Straße verbracht. Allerdings müssten alle Beteiligten lernen, mit der modernen Kommunikation umzugehen. "Es fallen viele Daten an, die dürfen nicht einfach nur durchgeleitet werden."


Vereinsgründung

Als Klammer der Themen Gesundheit und Pflege wurde der Verein e2-health und Telemedizin Oberfranken gegründet. Die Vorsitzende Eva-Maria Müller ist zusammen mit Caritas-Chefin Cornelia Thron federführend bei der Realisierung von Gesundheitsversorgung 4.0 für Wallenfels zuständig.
"Die Pflegeakte für die Patienten haben wir", so Eva-Maria Müller, "aber die vorhandenen Daten sind bisher nicht vernetzt." Sobald sich das geändert hat, gibt es weniger Dokumentationsaufwand und Fehlerquellen reduzieren sich. "Das Ziel ist es, mehr Zeit für die Patienten zu haben", erläutert Cornelia Thron.
Spätestens zum Ende des Jahres 2018 soll das Projekt dauerhaft einsetzbar und vor allem auf andere Kommunen übertragbar sein.