Zu den bekanntesten Heiligen des Christentums gehört die heilige Anna. Während des Spätmittelalters stand die im hohen Alter zur Mutter gewordene Anna in höchstem Ansehen. Ihr Gemahl, der heilige Joachim, mit dem sie heute Namenstag feiert, erhält erst in der Barockzeit seine eigene Ikonographie, nachdem er im Spätmittelalter eine Randfigur blieb.

Die außerordentliche Beliebtheit der heiligen Anna indes beweist noch heute die Wahl ihres wohlklingenden Namens als Taufnamen. Zeichen der Wertschätzung sind stattliche Kirchen wie das Welitscher Gotteshaus und gepflegte, oft außerhalb der Ortschaften gelegene Kapellen, die der heiligen Anna geweiht sind und in Wallfahrten von den Menschen des Umlandes gerne besucht werden. Sandsteinmarterla mit dem Bild der heiligen Anna in Welitsch, Höfles, Grössau, Wolfersdorf und Rappoltengrün schmücken die waldumsäumte Flur.

Zum Bildstock in Rappoltengrün heißt es im heimatkundlichen Jahrbuch 1/1974 des Land-kreises Kronach - Arbeitskreis für Heimatpflege - von Roland Graf und Willi Schreiber: "Die Aufzeichnungen des Kooperators Johann Heinrich Reul aus dem Jahre 1751 berichten über diesen Ort, dass er insgemein eine ,Schmalzgrube' genannt wird, weil die hier wohnenden zehn Bauern keinen über diese Zahl hereinkommen oder hereinheiraten lassen. Sie haben die schönsten Wälder und Wiesen, worin der größte Reichtum hier besteht. Einige sagen, dass jeder Bauer dieses Dorfes 5000 Gulden Vermögen hat. Von Tschirn aus geht man in dieses Dorf durch etwas Wald, in dem ein Gespenst sein soll. Einige wollen gehört haben, wie es jammerte: ,Hans, oh Hans!' Es soll ein streifender Soldat zu Schwedenszeit gewesen sein, der von einem Bauern aus Rappoltengrün erschlagen wurde. Vermutlich wurde das Marterla zur Erlösung dieser armen Seele errichtet."

Vom Unheimlichen ins Anheimelnde führen die beschaulichen Frankenwaldsteigla aus dem "hohen Norden" des Landkreises nach Kronach zur Anna-Kapelle am Melchior-Otto-Platz. Der dreigeschossige Bau nordöstlich der Stadtpfarrkirche Sankt Johannes Baptista ist harmonisch in den Stadtmauerring der Altstadt eingefügt.

Erbaut wurde die Kapelle im Jahr1509 unter Georg III., Fürstbischof zu Bamberg, dessen Wappen an der Ostfassade angebracht ist. Das Obergeschoß zeigt ein Netzgewölbe mit sich stark überschneidenden Rippen, die auf einer gewundenen, exzentrischen Stütze ruhen.

Die Anna-Kapelle ist auf dem ehemaligen, wohl schon seit dem 13. Jahrhundert bestehenden Begräbnisplatz der Stadt errichtet worden. Sie diente im Obergeschoss als Totenkapelle und im Untergeschoss als "Beinhaus", einer Aufbewahrungsstätte exhumierter Gebeine. Heute ist sie ein stilles Refugium im geschäftigen Trubel der Kreisstadt und malerischer Winkel für die Krippenausstellung in der Vorweihnachtszeit.


Patronin der Witwen und Waisen

Die heilige Anna gilt als Patronin der Witwen und Waisen, der werdenden Mütter und kinderlosen Frauen, der Ammen, Brautleute und Sterbenden. Der gesamte Haushalt steht unter ihrem Schutz, so dass sie von allen hier Beschäftigten angerufen wird. Die Berufsgruppe der Bergleute hat sie erst seit dem 18. Jahrhundert zu ihrer Schutzpatronin erwählt. Die bekannte Bergwerksstadt Annaberg im Erzgebirge erhielt ihren Namen auf dem Höhepunkt des Annen-Kultes um 1500; eine Verbindung zum Bergbau bestand damals noch nicht.

In der Reifezeit des Hochsommers gilt die alte Bauernweisheit: "Anna warm und trocken, macht den Bauer frohlocken".

Jetzt beginnen in der Regel die sommerlichen Hundstage, die bis in den August hinein andauern. Diese Jahreszeit wird durch den Aufgang des Hundssterns "Sirius" im Sternbild des "Großen Hundes" bestimmt. Im Bauernkalender steht geschrieben: "Der Hundsstern aufgeht mit trübem Glanz, bringt allzeit gerne Pestilanz. Zeigt er sich aber hell und klar, so ist zu hoffen ein gesundes Jahr". Doch schon werden die Tage deutlich kürzer und die ersten Vorboten des Herbstes ziehen ins Land. "Sankt Anna erst vorbei, kommt der Morgen kühl herbei" und "Werfen die Ameisen an Sankt Anna höher auf, so folgt ein strenger Winter drauf".


Luther und Sankt Anna

"O heilicha Mudde Anna!", heißt ein geflügeltes Wort im Frankenwald. Ob als spontaner Aufschrei in erfreulichen Situationen oder als resignierender Stoßseufzer bei Hiobsbotschaf-ten, es findet immer wieder den Weg zur Mutter der Gottesmutter. Dank ihres Beistandes an frohen und an trüben Tagen ist die Schutzheilige eigentlich zur Mutter aller Christen gewor-den. Selbst Martin Luther soll erklärt haben: "Sankt Anna war mein Abgott".
Ein Ereignis, das Luthers Leben tiefgreifend veränderte, fand am 2. Juli 1505 statt. Martin Luther ist auf dem Weg von seinen Eltern in Mansfeld nach Erfurt. Dort studiert der 21-Jährige Jura. Bei Stotternheim bricht ein schweres Gewitter los. In Luthers Nähe schlägt ein Blitz ein und schleudert ihn zu Boden. In seiner Todesangst ruft er die Mutter Marias an mit den Worten: "Hilf du, heilige Anna, ich will Mönch werden!"

Luther überlebt und tritt kurz darauf in das Erfurter Kloster der Augustiner Eremiten ein. In dieser Zeit des Spätmittelalters waren Heilige sehr wichtig für die Menschen. Sie sollten die Gebete zu Gott tragen.

Apropos Blitz und Donner. An einer vom Blitz zerschmetterten Weißtanne am Europäischen Fernwanderweg E3, nahe dem legendären und sagenumwobenen "Großvater", hat man eine "Votivtafel" angebracht mit der Inschrift: "O heilige Sankt Anna, treib es Gewidde von tanna. Treib es in a annersch Land, dou wuus bei Gott nix schaden kannt!" Feuedunnekeil!