Einen Nachfolger für eine Arztpraxis im Landkreis Kronach zu finden, ist inzwischen fast so wahrscheinlich wie ein Lottogewinn. Darum ist Holger Bolland für Ludwigsstadt gewissermaßen ein Sechser.

Getreu dem Gassenhauer von Udo Jürgens wagt der Nürnberger mit 66 Jahren noch einmal einen großen Schritt und übernimmt die Hausarzt-Praxis von Nora Kindl, die aus gesundheitlichen Gründen seit zwei Jahren vor Ort von verschiedenen Medizinern vertreten wurde.

Der väterlich wirkende Doktor, der in Patientengesprächen immer Zeit für eine interessante Anekdote aus seinem ereignisreichen Leben findet, ist in seiner Branche eine Art Feuerwehrmann: Er geht dorthin, wo es sprichwörtlich brennt. "Ich hatte schon mal eine eigene Praxis", reist Holger Bolland gedanklich weit zurück.

Doch in den vergangenen Jahren hat der auf Nuklearmedizin spezialisierte Mediziner dort ausgeholfen, wo Not am Mann war. Lothringen (Frankreich), Zürich (Schweiz) - sogar auf Tahiti hat er für das Deutsche Rote Kreuz nach dem schweren Erdbeben im Jahr 2010 Menschen behandelt.

Von Tahiti in den Frankenwald

Sein Weg führte den Arzt ohne Grenzen im vergangenen Jahr wieder nach Ludwigsstadt. Die Gegend kannte Holger Bolland schon von diversen Motorradtouren durch den Frankenwald, doch diesmal war der Besuch beruflicher Natur. "Ich kam im Mai vergangenes Jahr bei sehr schönem Wetter nach Ludwigsstadt. Eingestellt wurde ich ursprünglich für eine relativ überschaubare Zeit." Vier Monate sollten es sein. Inzwischen sind es 15 geworden - und mindestens fünf weitere Jahre werden folgen. So hat es der 66-Jährige, für den das Alter nur eine Zahl ist, Bürgermeister Timo Ehrhardt versprochen.

Doch was verschlägt einen Mediziner, der schon am Zürich-See praktiziert hat, ausgerechnet in den nördlichen Kronacher Landkreis? "Meine vier Kinder leben in Nürnberg - und wenn ich weiter weg war, hatte ich immer Heimweh", erklärt Holger Bolland, der bereits Pläne hat, das Angebot in der Praxis zu erweitern, eventuell mit einem Röntgen- und einem Ultraschallgerät. "Wenn jemand zum Beispiel einen Arbeitsunfall hatte und erst einmal 60 Kilometer für ein Röntgenbild fahren muss, ist das natürlich nicht so schön."

Holger Bolland hat in seiner neuen Praxis in den kommenden Jahren noch einiges vor. Nur von einer Sache will er sich verabschieden: "Ich war auch 30 Jahre lang als Notarzt im Einsatz. Das überlasse ich jetzt gerne meinen jüngeren Kollegen." In der Gemeinde ist die Freude jedenfalls groß. "Nach all den Vakanzen und Vertretungen ist es ein besonderer Tag, endlich die verbindliche Fortführung der Arztpraxis feiern zu können", freut sich Ludwigsstadt Bürgermeister. Seit nunmehr zwei Jahren kämpft das Stadtoberhaupt gemeinsam mit dem Praxis-Team von Nora Kindl darum, dass die Praxis bestehen bleibt. Andernfalls hätte es mit Bernhard Schikora nur noch einen weiteren Allgemeinmediziner in der 3500-Einwohner-Stadt gegeben.

Sogar einen externen Dienstleister hat die Gemeinde mit der Suche nach einem Hausarzt beauftragt - eine kostspielige Angelegenheit, die noch nicht die erhofften Ergebnisse brachte. Auch die Idee eines medizinischen Versorgungszentrums in Ludwigsstadt ist bis auf Weiteres nur ein Gedankenspiel. "Wir hatten hier bis vor einigen Jahren noch drei Hausärzte. Wir suchen noch nach einem weiteren Allgemeinmediziner", betont der Bürgermeister. Wichtig sei es einfach, weiter hartnäckig zu bleiben.

Beim Nachwuchs Nachholbedarf

Im Fall von Holger Bolland hat auch die örtliche Sparkasse in Form einer Anschubfinanzierung erheblichen Anteil daran, dass die Praxis für ihre rund 1000 Patienten - darunter viele ältere Menschen, die auf kurze Wege angewiesen sind - bestehen bleibt. "Wir stehen zu unserer Region und wollen sie weiterentwickeln", bekräftigt Nadine Bayer von der Sparkasse Kulmbach-Kronach.

Dass ein Arzt mit 66 Jahren noch einmal eine Praxis übernimmt, ist zwar nicht die Regel, doch häufig der einzige Strohhalm, an den sich ländliche Gemeinden klammern. Das Problem, dass es vor allem dort, im ländlich peripheren Raum, an Nachwuchs mangelt, ist der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) bekannt. "Gerade auf dem Land ist der Nachwuchs in der Tat knapp und die Nachfolgersuche oft erschwert", schildert Pressesprecher Martin Eulitz die Lage. Zudem arbeite die neue Generation heute vermehrt angestellt und in Teilzeit.

Angesichts des drohenden Ärztemangels fordert die KVB Gegenmaßnahmen, die von der Regierung teilweise bereits umgesetzt werden. So wurde die Anzahl an Studienplätzen erhöht. Manche Universitäten behalten inzwischen Studienplätze ausschließlich für angehende Mediziner vor, die sich bereiterklären, nach ihrem Studium auf dem Land zu praktizieren.

Bis diese Maßnahmen Früchte tragen, werden jedoch einige Jahre ins Land ziehen. Ludwigsstadt zumindest kann vorerst aufatmen: Mit Holger Bolland hat sich die Gemeinde erst einmal Luft verschafft.

Ärzteversorgung im Landkreis Kronach: Gut auf dem Papier, doch die Praxis sieht anders aus

Wie es um die Ärzte-Versorgung in einem sogenannten Planungsbereich, in diesem Fall dem Kreis Kronach, steht, bewertet die Kassenärztliche Versorgung Bayerns (KVB) anhand des Versorgungsgrades.

Erreicht oder übersteigt der Grad für eine Arztgruppe 110 Prozent, ist von einer Überversorgung die Rede. Der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen kann Zulassungsbeschränkungen anordnen. Das bedeutet, dass sich dort womöglich kein weiterer Mediziner der jeweiligen Fachrichtung niederlassen darf. So will die KVB verhindern, dass sich die Mediziner nur in Ballungszentren niederlassen und dem ländlichen Raum die Ärzte ausgehen.

Liegt der Grad unter 110 Prozent, legt der Landesausschuss fest, wie viele weitere Niederlassungsmöglichkeiten es für diesen Planungsbereich gibt. Sinkt der Versorgungsgrad für die hausärztliche Versorgung unter 75 Prozent (bei speziellen Arztgruppen unter 50 Prozent), gilt dieser Bereich als unterversorgt.

Das Problem: Die Versorgungsgrade sagen nicht aus, ob der ganze Planungsbereich abgedeckt ist. So konzentrieret sich der Großteil der Arztpraxen auf die Kreisstadt, während der ländliche Raum zu kämpfen hat. Bei den Hausärzten wird in Kronach Nord und Süd unterschieden. Laut des Atlas' beträgt der Versorgungsgrad im hausärztlichen Planungsbereich Kronach Nord 104 Prozent und im hausärztlichen Planungsbereich Kronach Süd 88 Prozent.

"Der Altersschnitt der dort tätigen Ärzte liegt in Kronach Nord mit 57 Jahren um zwei Jahre über dem bayernweiten Durchschnitt, in Kronach Süd mit 59,5 Jahren sogar um mehr als vier Jahre über dem bayernweiten Durchschnitt", erläutert Pressesprecher Martin Eulitz. Das bedeutet: Beide Planungsbereiche sind für Neuniederlassungen nicht gesperrt. In Kronach Nord könnte sich ein Hausarzt, in Kronach Süd sieben Hausärzte neu niederlassen.

Hausärzte:

Kronach Nord: 18, Versorgungsgrad 104 %

Kronach Süd: 28, Versorgungsgrad 88 %

Augenärzte: 3, Versorgungsgrad: 60 %

Chirurgen und Orthopäden: 3 Chirurgen, 6 Orthopäden, Versorgungsgrad: 133 %

Frauenärzte: 6, Versorgungsgrad: 104 %

Hautärzte: 2, Versorgungsgrad: 105 %

HNO-Ärzte: 3, Versorgungsgrad: 106 %

Kinderärzte: 3, Versorgungsgrad: 91 %

Nervenärzte: 3 , Versorgungsgrad: 83 %

Psychotherapeuten: 15, Versorgungsgrad: 112 %

Urologen: 2, Versorgungsgrad: 107 %

Quelle: Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, , Stand: 7. August 2020