Deutschland trauert um den ehemaligen Arbeitsminister Norbert Blüm, der im Alter von 84 Jahren verstorben ist. Der Kämpfer und Kumpeltyp, der als Werkzeugmacher bei der Adam Opel AG bis 1957 tätig war, hat mit seinen markanten Auftritten die politische Landschaft mitgeprägt. Vor allem hat er als einziger Minister 16 Jahre das Kabinett unter Bundeskanzler Helmut Kohl begleitet. Sein Ausspruch: "Denn eins ist sicher: die Rente", ist legendär.

Blüm hielt eine mitreißende Rede

Viele Menschen aus der Region erinnern sich aber auch an seinen Auftritt 1980 als Hauptredner bei der Maikundgebung der KAB-Bezirke Kronach-Lichtenfels-Coburg. 3000 Zuhörer waren damals in die ehemalige Bergwerksgemeinde Stockheim gekommen. Der damalige Bundesvorsitzende der CDU-Sozialausschüsse forderte in seiner mitreißenden Rede eine Humanisierung der Arbeitswelt, eine bessere Berufsausbildung und eine solidere Wirtschaftspolitik - also Forderungen, die auch heute noch aktuell sind.

Blüm sprach von einem "Rückschritt in die technisierte Sklaverei" und appellierte an Ingenieure und Wissenschaftler: "Strengt euer Gehirn an, damit der Mensch im Gewirr von Maschinen, Zahnrädern und Mikroprozessoren nicht verloren geht!" Technischer Fortschritt sei nichts wert, wenn er den Menschen zum Lückenbüßer oder Ersatzteil der Apparate mache. Die mehr oder weniger monotone Arbeitswelt sei für viele Arbeitnehmer nicht Fortschritt, sondern Rückschritt. Auf einen Bildschirm starren, acht Stunden weiße Punkte und Linien verfolgen, könne so zermürbend sei, wie vor einem Gussofen zu stehen.

Mehr produzieren, so stellte der Sozialexperte heraus, bedeute noch lange nicht mehr Humanität, weil mehr Haben noch nicht mehr Sein bedeute. Die Arbeiterbewegung sei nicht am Ziel, wenn nur die Privilegierten ausgetauscht würden und anstelle einer alten Klassengesellschaft eine neue trete. Scharf wandte sich Blüm in seiner Rede gegen das "Schuldenmachen ohne Ende".

Im Hinblick auf die Gastarbeiter regte er an, die Maschinen zu den Menschen und nicht die Menschen zu den Maschinen zu befördern, denn die Heimat könne nicht exportiert werden. Der Kundgebung voraus ging ein Festgottesdienst auf dem Dorfplatz, den KAB-Bezirkspräses Dekan Rudolf Höfinger feierte. Der materielle Fortschritt sei keine Garantie für Lebensglück, so Höfinger.