Der letzte Gang ist der schwerste. Häufig müssen Todkranke in ihren letzten Wochen oder Monaten unvorstellbare Qualen erleiden. Die Menschen, die sie auf diesem Weg begleiten, leiden mit, würden ihnen vielleicht gerne Erlösung verschaffen, doch ihnen waren die Hände gebunden - bis jetzt.

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass Ärzte und Sterbehilfe-Organisationen in Deutschland nun Beihilfe zum Suizid leisten dürfen, indem sie Betroffenen beispielsweise entsprechende Medikamente aushändigen. Weiter verboten ist hingegen, die Medikamente selbst zu verabreichen. Angehörige, die einem Familienmitglied beim Sterben helfen, sind von der Gesetzesänderung nicht betroffen, da es sich um einmaliges Handeln und deshalb um keine geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid handelt.

Rechtssicherheit für Mediziner

Dass Mediziner und Organisationen in Deutschland nun rechtlich eine Möglichkeit haben, dem letzten Wunsch todkranker Menschen nachzukommen, klingt erst einmal gut.

"Für mich als Arzt und Palliativmediziner ist wichtig, dass die in Einzelfällen notwendigen therapeutischen Maßnahmen zur Beschwerdelinderung, insbesondere bei Schmerzen und Luftnot, nicht mehr strafbar sind, auch wenn diese zur Ausschaltung des Bewusstseins und zur Verkürzung des Lebens führen", erklärt der Vorsitzende des Kronacher Hospizvereins und Leiter der Schmerzambulanz in der Frankenwaldklinik Peter Witton. Dies hätte vorher strafrechtlich als wiederholte Tötungsabsicht verfolgt werden können.

Doch, wie die anhaltenden Diskussionen der vergangenen Jahre aufzeigen: Die Medaille hat eine Kehrseite. "Die Folgen sind noch gar nicht absehbar. Wer entscheidet, ob der von einem Menschen geäußerte Suizidwunsch der tatsächliche, freie Wille ist? Menschen sind beeinflussbar. Wir unterschätzen das", warnt die Fachärztin für Anästhesie und Palliativmedizinerin Brigitte Lotter.

Als Leiterin des stationären und ambulante Palliativversorgungs-Teams der Sozialstiftung Bamberg, dem auch das Kronacher Palliativteam angehört, begleitet sie seit fast 20 Jahren Menschen, deren Ende naht.

"Die Fälle, in denen jemand wirklich ernsthaft einen Suizidwunsch geäußert hat, kann ich an einer Hand abzählen", berichtet sie aus Erfahrung. Selbst schwerst kranke Patienten würden nur in den seltensten Fällen darum bitten, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Äußerungen wie "Ich möchte nicht mehr leben" sind Lotters Erfahrung nach viel mehr ein Ausdruck von Angst, Verzweiflung und Not und immer ein Gesprächsangebot. "Fast immer stellt sich heraus, dass das Suizidbedürfnis nicht tatsächlich vorhanden ist. Die meisten Schwerkranken wollen nicht sterben, sondern nicht so leben."

Denn Beihilfe zum Suizid bedeutet, dass der Betroffene eigenhändig seinem Leben ein Ende setzen - also selbst aktiv sein - muss. "Das ist noch einmal etwas anderes als jemandem zu sagen: Geben Sie mir etwas, damit ich sterbe. "

Sterbe-Angebot für alle

Lotter schließt nicht aus, dass das aktuelle Urteil manchen Gruppen, wie den Ärzten und Sterbehilfe-Organisationen, entgegenkommt. "Doch es bleibt abzuwarten, wie sich das gesellschaftlich auswirkt." Die Bundesverfassungsrichter sagen mit dem Urteil ganz klar, dass das allgemeine Persönlichkeitsrecht auch ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben beinhaltet - unabhängig von einer genau definierten Lebenssituation, wie einer schweren Erkrankung.

Ein klares Signal in Richtung Recht auf Selbsttötung. Derzeit gilt das Sterbehilfe-Angebot eben nicht nur für unheilbar Kranke, sondern erst einmal pauschal für jeden, der - aus welchen Gründen auch immer - nicht mehr weiterleben möchte.

Das bereitet den Experten Sorgen. "Problematisch ist, dass nicht nur bei lebensbedrohlichen Erkrankungen im Endstadium, wie Krebs, bestimmten Nervenleiden, Lungen- und Herzerkrankungen, sondern auch bei psychiatrischen Erkrankungen, - als Möglichkeit der Selbstbestimmung - Hilfe zur Selbsttötung angeboten werden darf", merkt Witton an. "In diesem Spannungsfeld von Selbstbestimmung, Ethik und medizinischer Versorgung muss sehr intensiv diskutiert werden, mit welchen Regeln Auswüchse von sehr freizügigen Regelungen vermieden werden können, wie sie zum Beispiel in den Niederlanden auftreten, wie mir von einem Kollegen, der dort arbeitet, geschildert wurde."

Das Bundesverfassungsgericht hat bereits in seiner Urteilsbegründung angekündigt, dass nun der Gesetzgeber gefordert ist, die Suizidhilfe zu regulieren und entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer Beihilfe zum Suizid ermöglicht werden kann. Das könnten unter anderem verpflichtende Beratungstermine mit anschließender Bedenkzeit sein.

Als Folge droht sonst, dass ältere oder depressive Menschen häufiger das nun bestehende Angebot annehmen und sich selbst töten, wenn ihnen durch die Entscheidung des Gerichts ein scheinbar einfacher Ausweg aufgezeigt wird.

Kommentar von FT-Redakteurin Sandra Hackenberg: Sterben darf kein bequemer Ausweg sein

uizid und Sterbehilfe sind Themen, bei denen es kein klares Richtig oder Falsch gibt. Würden ein Arzt, ein Geistlicher und ein Angehöriger, der ein todkrankes Familienmitglied bis zum Schluss gepflegt hat, befragt werden: Es würden drei unterschiedliche Meinungen herauskommen. Umso schwieriger gestaltet sich die Frage nach der Gesetzgebung.

Ich glaube: Wenn das Leben nur noch Qual ist, dann ist der Tod eine Erlösung. Doch die Frage, wann das der Fall ist, kann nur in einer Situation zweifelsfrei beantwortet werden: wenn eine Verletzung oder eine tödlich verlaufende Krankheit so weit fortgeschritten ist, dass der Tod unmittelbar bevorsteht - und zwar definitiv.

In den Niederlanden hat die gerade einmal 17 Jahre alte Noa Pothoven im vergangenen Jahr ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt, indem sie - unter medizinischer Aufsicht - einfach nicht mehr gegessen und getrunken hat. Vorausgegangen waren jahrelange Depressionen und Angststörungen als Folge mehrfachen sexuellen Missbrauchs in ihrer Kindheit. Ihre Familie unterstützte sie bei ihrem Wunsch, während Sterbehilfekliniken dies abgelehnt hatten.

Wie kann es sein, dass man ein körperlich kerngesundes Mädchen Suizid begehen lässt? Wer kann sicher sagen, dass sie nicht doch - trotz unvorstellbaren erlittenen Grausamkeiten - nicht doch in fünf, zehn oder 20 Jahren ein Leben geführt hätte, in dem sie einen Sinn erkannt hätte? Es ist eine erschreckende Vorstellung, dass sich selbstmordgefährdete Menschen ganz legal Pillen besorgen können, um für immer einzuschlafen.

Suizid als bequemer Ausweg darf nicht salonfähig werden - sonst leben wir bald in einer Gesellschaft, in der sich ältere Menschen mit ein paar Tabletten verabschieden, um Angehörigen und dem Pflegesystem keine Last mehr zu sein.

Der Gesetzgeber ist nun dringend gefordert, klare Grenzen zu setzen, damit das nicht Realität wird.