Trassierband flattert im Wind. Das Wetter ist trist. Die Schüler stehen vor einem versperrten Buswartehäuschen. Ein Bild aus dem Januar 2013. Eineinhalb Jahre später stellt sich die Situation im Süden von Steinberg an der Kronacher Straße ganz anders dar. Nun stehen sogar zwei Unterstände an der Haltestelle - aber nur vorübergehend.

Das alte Buswartehäuschen hatte zu einem Streit zwischen der Gemeinde Wilhelmsthal und dem Anwohner Johannes Neder geführt. In einem Schreiben hatte Neder den damaligen Bürgermeister Wolfgang Förtsch (CSU) darauf hingewiesen, dass das Wartehäuschen auf einem Anwesen liege, das er kurz zuvor erworben hatte. "Ein eingetragenes Recht der Gemeinde, dieses dort aufzustellen, konnte nicht erkannt werden", betonte Neder seinerzeit.
Förtsch erwiderte, dass das Häuschen seit mindestens zwei Jahrzehnten an dieser Stelle stehe.


Neues Häuschen steht schon

Seither hat sich wenig getan, bis nach den Kommunalwahlen im März Bewegung in die Sache kam. Das alte Buswartehäuschen steht zwar unverändert an seinem Platz, doch ein paar Schritte weiter wurde eine zweite Unterstellmöglichkeit für Wartende aufgestellt.

"Wir haben ein neues Wartehäuschen hingebaut", stellt Zweiter Bürgermeister Gerhard Eidelloth (CSU) auf Anfrage unserer Zeitung fest. Dieses wurde unmittelbar hinter der Bushaltestelle auf gemeindlichem Grund aufgestellt. Das Grundstück von Johannes Neder habe daher mit dem neuen Standort nichts mehr zu tun.


Abriss steht bevor

Die Doppellösung soll jedoch keine Dauerlösung sein. "Das alte Wartehäuschen wird abgerissen", erklärt Eidelloth. Es sei ohnehin in einem maroden Zustand. Damit werde das Grundstück von Johannes Neder künftig nicht mehr beeinträchtigt. "So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe", geht Eidelloth darauf ein, dass der Streit nun beigelegt und eine einvernehmliche Lösung gefunden sei.

Außerdem freut sich der Zweite Bürgermeister, dass die Anschaffung des neuen Buswartehäuschens für die Gemeinde Wilhelmsthal nicht mit Zusatzkosten verbunden ist. "Wir hatten bei der Schule in Wilhelmsthal ein Unterstellhäuschen übrig, weil die Kinder dort nicht mehr gefahren werden müssen. Das hat sich dann für die Haltestelle in Steinberg angeboten."

Der Anwohner Johannes Neder war für eine Stellungnahme leider nicht zu erreichen.


Die Wurzeln des Streits

Am 10. Januar 2013 befassten wir uns bereits mit dem Thema. Hier der Rückblick auf den damaligen Artikel, der die Hintergründe des Streits vertieft darlegt.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle kommen einer Mutter aus Steinberg, die ihr Schulkind begleitet, am Dienstag einige Kinder entgegen. "Wir können uns nicht unterstellen. Das Häuschen ist abgesperrt", erzählen sie aufgeregt. "Ich dachte, dass das vielleicht die Gemeinde war und wollte wissen, was an dem Häuschen denn ist, warum man es gesperrt hat. Doch als ich später dort angerufen habe, wussten die von nichts. Man erklärte mir, dass nicht die Gemeindeverwaltung das Häuschen abgesperrt hat", erzählt die Frau, die namentlich nicht genannt werden will.

"Aber wer macht denn so etwas?" Mit dieser Frage wandte sich die Mutter gestern an unsere Redaktion. Es sei doch Winter und gerade jetzt müssten sich die Kinder - Grundschüler und Jugendliche, die an eine weiterführende Schule nach Kronach fahren und dort auf den Bus warten - unterstellen können. "Am Dienstag hat es ja geregnet, und gerade die Kleinen suchen da gerne den Schutz in dem Häuschen, auch vor dem Verkehr auf der morgens viel befahrenen Hauptstraße. Die Kinder stehen da meistens wie die Heringe aneinander gepresst in dem Bus wartehäuschen."


Brief des Anwohners

Dass eben dieses Buswartehäuschen seit einigen Wochen einige Leute in Steinberg beschäftigt, geht auch aus einem Brief vom 10. Dezember hervor, der unserer Redaktion vorliegt. Darin schreibt Anwohner Johannes Neder an Bürgermeister Wolfgang Förtsch (CSU), dass er das Anwesen in der Kronacher Straße, direkt hinter der Haltestelle, vor kurzem erworben hat. "Mit zu diesem Anwesen gehört auch die Fläche des von der Gemeinde dort platzierten Buswartehäuschens. Ein eingetragenes Recht der Gemeinde, dieses dort aufzustellen, konnte nicht erkannt werden", schreibt Neder.

Mit dem Schreiben fordert er den Bürgermeister auf, das Buswartehäuschen bis 31. Dezember vergangenen Jahres "zu entfernen und das Grundstück in den Ursprungszustand zu versetzen".

Er begründet das wie folgt: "Wie Sie selbst veranlasst haben, wurde die Möglichkeit der Ausfahrt direkt über die Bushaltestelle auf Ihr Geheiß hin mit zwei Pfählen ,gesperrt‘. Sicherlich ist dies selbstverständlich rechtens, zumal es sowieso keine öffentliche Ausfahrt war und auch nie dafür geplant wurde."

Jedoch habe die Gemeinde jahrzehntelang eine Ausfahrt sämtlicher Versorger wie Müllabfuhr, Winterdienst, Post oder Paketdienste geduldet. Erst nachdem Neder das Anwesen erworben habe, "wurde plötzlich und ohne das Gespräch zu suchen" diese Ausfahrtmöglichkeit gesperrt, beklagt der Anwohner.


Zwei Pfähle angebracht

Bürgermeister Wolfgang Förtsch bestätigt auf Anfrage, dass er veranlasst habe, diesen Zugang zur Haltestelle, der nicht als Ein- beziehungsweise Ausfahrt vorgesehen sei, mit zwei Pfählen zu sperren. "Mir wurde von mehreren Seiten berichtet, dass dort im Bereich der Bushaltestelle Fahrzeuge aller Größen über den Gehweg fahren. Sogar früh, ziemlich rücksichtslos zwischen den wartenden Schulkindern. Als ich morgens meine Kinder ein paar Mal dort anlieferte, musste ich das selbst erleben. Ich sehe daher die Sicherheit der Kinder gefährdet. Und schließlich wird dadurch nicht nur der Gehweg beschädigt, sondern es werden auch Risiken bei der Begegnung mit der regulären Straße heraufbeschworen", begründet er diese Entscheidung.

Dass bereits seit Jahren verschiedene Fahrzeuge diese "Abkürzung" benutzt haben, sei ihm so nicht bekannt gewesen - zumindest nicht in dieser Häufigkeit. "Hier befindet sich keine Ein- oder Ausfahrt. Das ist ein asphaltierter Zugang zur Haltestelle. Und es ist ja auch nicht so, dass man in die Anliegerstraße nicht anders kommt oder einen großen Umweg machen muss. Die reguläre und geräumige Zu- und Ausfahrt zu der Stichstraße, in der sich das Anwesen befindet, ist nur knapp 70 Meter weiter."

Das Buswartehäuschen stehe seit mindestens zwei Jahrzehnten an dieser Stelle, schätzt der Bürgermeister. "Laut den Planunterlagen dreht es sich lediglich um etwa 50 Zentimeter, die die Gemeinde von dem Grundstück des Anwohners in Anspruch nimmt. Bislang hat sich darüber auch nie jemand beschwert", erklärt Wolfgang Förtsch.

Das Thema sei für die nächste Gemeinderatssitzung schon eingeplant. Eine Option sei beispielsweise auch, das Buswartehäuschen zu versetzen. Es wegreißen und die Kinder und Leute im Regen stehen lassen, wolle man schließlich nicht. Der Gemeinderat tagt im Februar.


Johannes Neder nahm Stellung

Johannes Neder erklärte auf telefonische Nachfrage, dass er das Buswartehäuschen am Dienstag abgesperrt habe und die Bänder daraufhin zerschnitten worden seien. "Das Buswartehäuschen steht zu 90 Prozent auf meinem Grund", behauptet er. Deshalb habe er das Recht, dieses abzusperren, schließlich stehe er auch in der Verantwortung, wenn einem Kind dort etwas zustößt. "Das ist eine Frage der Haftung", so Neder. Das bezweifelt wiederum Förtsch. Als Unterhaltsträger des Buswartehäuschens sieht er die Gemeinde hier haften. Das Häuschen, das Eigentum der Gemeinde ist, könne der Anwohner daher auch nicht sperren. Neder verweist darauf, dass er auf sein Schreiben von der Gemeinde keine Rückmeldung erhalten habe, weshalb er sich gezwungen sah, etwas zu unternehmen. "Die Leidtragenden sind jetzt natürlich die Kinder, aber die Gemeinde hatte Zeit, das Gespräch zu suchen", sagt Neder, der auch künftig das Häuschen wieder mit Absperrband versehen will.