Es gab tatsächlich Zeiten in Deutschland, in denen Christen und Juden einträchtig miteinander und nebeneinander gelebt haben. So etwa im neunzehnten Jahrhundert in der Marktgemeinde Mitwitz. Die Kronacher Straße war gesäumt mit Häusern, die in jüdischem Besitz waren. Die Familien waren Viehhändler, Korbmacher oder Hausierer. Es gab eine Synagoge und eine öffentliche Mikwe, die auch heute noch existiert, im Gewölbekeller des sogenannten Zapfenhauses.

Viele Details und Informationen zeugen vom jüdischen Erbe, aber sie versteckten sich bisher verstreut in Archiven, Lehensbüchern oder standesamtlichen Nachrichten. Diese Versatzstücke zusammenzutragen, war Sisyphusarbeit. Der Mitwitzer Ehrenbürger und ehemalige Kronacher Landrat Heinz Köhler hat sich ihr gestellt.

Ein halbes Jahr lang las er sich durch die Dokumente, entzifferte die Sütterlinschrift, studierte die Katasterunterlagen, stellte Zusammenhänge her. Heraus kam das Kompendium "Aus der Geschichte der Juden in Mitwitz". Dafür gibt es Lob von Bürgermeister Oliver Plewa für das "wichtige Zeugnis jüdischen Lebens in Mitwitz". Auch Chronist Friedrich Bürger zieht seinen Hut: "Chapeau kann ich da nur sagen!" Er war nicht unbeteiligt am Werk, steuerte die Fotos bei und gestaltete die Titelseite.

Gewidmet hat Heinz Köhler das Buch dem mittlerweile verstorbenen Mitwitzer Arzt Siegfried Rudolph. Er habe das jüdische Leben in Mitwitz zur Sprache gebracht, erklärt der Autor, deshalb wolle er ihm mit seinem Büchlein ein kleines Denkmal setzen.

Dessen Nachkommen, die Familien Rudolph und Rudolph-Wagner, freuen sich über die posthume Ehrung. Sohn Matthias erinnert sich: "Oft genug hat er uns alle eingespannt und wir mussten mit Bürsten Moos von alten Grabsteinen schrubben." Sein Vater Siegfried war als junger Mann Stabsarzt in der Wehrmacht. Die Beschäftigung mit dem jüdischen Erbe war wohl so etwas wie eine persönliche Art der Wiedergutmachung, mutmaßen Matthias Rudolph und seine Schwester Ulrike Rudolph-Wagner.

"Über 300 Jahre war Mitwitz eine jüdisch geprägte Gemeinde", stellt Köhler heraus. Seine Nachforschungen beschränkte er auf das 19. Jahrhundert, in dessen Mitte die Juden langsam aus der Gemeinde abwanderten. Der Letzte war David Bamberger, der seinen Heimatort 1897 verließ.

Teuer bezahlte Sicherheit

In überschaubaren Kapiteln zeichnet Köhler die Geschichte der Juden in Mitwitz nach. Er berichtet über die fränkischen "Schutzjuden", die ihre Sicherheit oft teuer bezahlen mussten, er erforscht die Erwerbsquellen und das religiöse Leben. Besonders berührend sind die Stellen, bei denen konkrete Schicksale lebendig werden. Denn auf einige Familien geht er detailliert ein und zeichnet deren Lebenswege nach, die für vier in Mitwitz geborene Juden leider in deutschen Konzentrationslagern endeten.

In den letzten "jüdischen" Jahren in Mitwitz scheint das Verhältnis nicht schlecht gewesen zu sein - bis auf einige Scharmützel mit dem evangelischen Pfarrer Hellmuth. Der verlangte rückwirkend das Neujahrsgeld für entgangene Einkünfte aus Taufen, Trauungen oder Beerdigungen. Apropos Konflikte: Er hätte gehört, dass Juden auch im Wirtshaus beim "Karten" aktiv gewesen seien, erkundigt sich Oliver Plewa. Darüber weiß Heinz Köhler zwar nichts, aber in der Marktgemeinde ist er jetzt der "profunde Kenner der jüdischen Geschichte", bescheinigt ihm Friedrich Bürger. Einige Details werden wohl mit der Zeit noch ans Licht kommen. Wie etwa die kürzlich entdeckte Laubhütte im Zapfenhaus. Die hat es leider nicht mehr in das Buch geschafft.

Zum Buch

Verkaufsstelle Das Buch "Aus der Geschichte der Juden in Mitwitz" ist im Rathaus in Mitwitz erhältlich.

Preis Als Heft kostet es 5 Euro, mit festem Einband 9 Euro. Heinz Köhler hat der Marktgemeinde die erste Auflage gespendet. Diese will den Erlös aus der Schutzgebühr für die Dokumentation jüdischen Lebens in Mitwitz verwenden.