Eine Frau, einen kleinen Sohn, eine Vollzeit-Arbeitsstelle: W. hatte eigentlich alles, was er sich immer gewünscht hat. Doch dann kehrt der Alltag ein. Aus Langeweile beginnt der junge Familienvater eine Affäre und fängt an, wieder Drogen im großen Stil zu verticken - kiloweise Marihuana und Crystal Meth, das er im Landkreis Kronach und Umgebung unters Volk bringt.

Über 35 000 Euro sollen sein Komplize und W. in wenigen Monaten "erwirtschaftet" haben. Den Gewinn hat der 36-Jährige aus dem Kreis Kronach in Urlaube, Familienunternehmungen und einen Gasgrill investiert. Ob der Kick die Konsequenzen wert war? Diese Frage stellt sich W. seit diesem Tag im Dezember vergangenen Jahres wieder und wieder. "Ich bin dankbar für die Inhaftierung", behauptet der Angeklagte zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Coburg. "Mir wird jetzt erst bewusst, was für einen moralisch untragbaren Scheiß ich wieder abgezogen hab."

Doch die Reue kommt zu spät. W.s Frau hat inzwischen die Scheidung eingereicht, seine Eltern haben sich aufgrund seines erneuten Gefängnisaufenthalts von ihm distanziert. Jetzt droht ihm wegen des unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln eine mehrjährige Haftstrafe.

Drogenkriminalität in solch einem Ausmaß ist im Landkreis Kronach eher die Ausnahme. "Das war ein krasser Einzelfall, doch sonst ist es in unserer ländlichen Gegend eher ruhig", erklärt die Polizeiinspektion Ludwigsstadt auf FT-Anfrage. Natürlich gebe es auch hier Konsumenten , die ihre Drogen hauptsächlich aus der Sonneberger Gegend im Nachbarbundesland beziehen. "Von den 124 Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz wurde in 24 Fällen Handel betrieben", erläutert der Leiter der Polizeiinspektion Kronach, Matthias Schuhbäck.

Der Anteil derer, die Drogen in Umlauf bringen, sei verhältnismäßig gering. Dennoch würden stets Kontrollen durchgeführt. "Wir werden da immer ein Auge darauf haben, weil Drogendelikte einfach unnötig sind und nichts Gutes mit sich bringen."

Drogendeal auf dem Parkplatz

Für W. klickten die Handschellen, nachdem Ermittler der Kripo Coburg ihn observiert und auf frischer Tat bei einem Drogendeal mit seinem Lieferanten auf dem Parkplatz eines Elektromarktes erwischt hatten. "Wir hatten den Verdacht, dass in dem Moment eine Rauschgiftübergabe stattfindet und haben zugegriffen", erläutert der Beamte, der an besagtem Tag beobachtet hat, wie W.s Komplize und Mitangeklagter mit seinem schwarzen 1er-BMW auf den Parkplatz vorfuhr und direkt neben dem 36-Jährigen parkte.

Nachdem W. ein Bündel Geldscheine in die Mittelkonsole des BMWs geworfen hatte, schnappte er sich eine Einkaufstüte mit einem Kilo Haschisch und zwei Kilo Marihuana und packte diese hinter den Fahrersitz seines eigenen Wagens.

Pikant: W.s Affäre war unwissentlich bei dem Deal dabei. "Ich wollte einen Geschirrspüler für meine Frau kaufen und sie damit zu Weihnachten überraschen", erklärt W. dem Gericht. Das Gerät hatte er kurz vor dem Drogendeal noch gemeinsam mit seiner Gespielin ausgesucht.

Sein Schamgefühl hatte W. in den Monaten zuvor Stück für Stück abgelegt. Über seinen Cousin lernte er dessen Schwager aus Hessen kennen. "Ich wusste, dass er auch schon mal inhaftiert war und bei einem Bier sind wir auf die Idee gekommen: ,Lass uns das mal versuchen.‘" Gesagt, getan: Beim nächsten Treffen habe S. 40 Gramm Haschisch mitgebracht.

Ein Blick auf die Statistik zeigt: Cannabis ist und bleibt die Hauptdroge, die im Landkreis Kronach konsumiert wird. Tendenz: steigend. Wurden im Jahr 2018 noch 46 Verstöße verzeichnet, waren es im vergangenen Jahr bereits 86. Doch auch härtere Drogen spielen eine Rolle. 34 Crystal-Meth-Verstöße gab es 2019 im Kreisgebiet und damit drei mehr als im Vorjahr.

Es folgten weitere Deals. Ein Kilo Marihuana, ein Kilo Speed. Immer mehr. Immer härtere Drogen. "Der Ablauf war eigentlich immer derselbe." W. bunkerte die Drogen in der Wohnung seines Cousins. Der sollte sie eigentlich auch veräußern. "Am Anfang wollte ich mich da raus halten. Ich dachte: ,Ein Kilo Gras ist schnell verkauft.‘" Doch W.s Cousin habe mehr konsumiert als Handel betrieben. "Da bin ich wieder mit eingestiegen."

Zuletzt hatte W. auch Crystal Meth in seinem Sortiment - und wurde selbst wieder abhängig. Schon während seiner Schulzeit kam der Angeklagte mit Drogen in Berührung. Mit 15 rauchte er Marihuana, mit 16 zog er Methamphetamin durch die Nase. "Während meiner Ausbildung habe ich gewisse Leute aus der Szene kennengelernt. So kam ich zum Konsumieren", schildert er die Anfänge eines jahrelangen Kampfes gegen die Sucht.

Zuerst habe er sich gut gefühlt, selbstbewusst und stark. "Es hat mir geholfen, abzuschalten und mich von meinen Problemen abzulenken." Um wieder den Kick zu spüren, musste W. immer häufiger zu Drogen greifen. "Nach meiner Ausbildung bin ich so weit in den Konsum abgerutscht, dass ich nicht mehr arbeiten konnte." Entzug, Rückfall. Gefängnis.

Drogenabhängigkeit ist eine Abwärtsspirale, aus die es, einmal gefangen, nur schwer ein Entrinnen gibt, wie Matthias Schuhbäck bestätigt: "Das Gefährliche ist, dass sich in vielen Fällen bereits nach dem ersten oder zweiten Konsum eine Toleranz einstellt und die persönliche Leistungsfähigkeit stark nachlässt." Höherer Drogenbedarf und weniger Geld: Nicht selten geraten Abhängige schließlich auf die schiefe Bahn. "Dann geht es oft in Richtung Beschaffungskriminalität."

Teufelskreis ohne Ausweg

Auch für W. ging es bereits in jungen Jahren ins Gefängnis. Während seiner zweiten Therapie lernte er dann seine baldige Exfrau kennen. "Wir haben geheiratet und ein Kind gezeugt. Alles war gut, bis ich wieder angefangen habe zu konsumieren." Der Teufelskreis, aus dem W. bisher nicht ausbrechen konnte, beginnt von vorn.

Bei einem Drogendeal - W. hatte ein Kilogramm Gras und ein Kilogramm Speed besorgt - saß sogar seine Frau mit dem gemeinsamen Kind im Auto - ohne zu wissen, was los ist. "Polizeikontrolle, Konsequenzen - das war mir alles egal. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon wieder so drin in der Dealer-Rolle."

Richterin Jana Huber möchte wissen, warum er sich so umfassend zu seinen Drogengeschäften äußert. "Ich will mit meiner kriminellen Vergangenheit abschließen. Das Ding ist für mich durch", beteuert er. Wie lange dieser Vorsatz Bestand hat, wird die Zukunft zeigen. Doch auch wenn das Urteil voraussichtlich erst am 27. Juli gefällt wird, ist klar: W. hat für seinen Kick einen teuren Preis bezahlt.