Die Wiese oberhalb des Crana-Mare-Parkplatzes ist von Wildschweinen durchpflügt worden. Hundert Meter weiter sprießen Büsche durch den Kalkmagerrasen und drohen, ihn in ein paar Jahren zu überdecken. So geht nach Ansicht des Kronacher Grünen-Stadtrats und Kreuzberg-Anwohners Peter Witton eine wichtige Landschaftsform verloren, die zur Artenvielfalt beiträgt. Allerdings läuft ein Projekt, das der Entwicklung entgegenwirken könnte und das am Montag im Stadtrat ein Thema in nichtöffentlicher Sitzung sein wird.

Das Vorhaben "Beweidungskomplex Kreuzberg" sieht vor, Schafe und Ziegen vor allem in Randhanglagen und auf so genannten Grenzertragsflächen (also in Bereichen, die sich landwirtschaftlich schlecht nutzen lassen) weiden zu lassen. Am Kreuzberg sei das eigentlich nichts Neues, stellt Witton bei einem Rundgang fest. Bis in die 1980er Jahre sei eine solche Beweidung noch gebräuchlich gewesen.
Von den 60er bis in die 80er Jahre sei dann jedoch aufgeforstet und die Beweidung immer mehr aufgegeben worden.

Wenn die Schafe und Ziegen auf den Kreuzberg zurückkehren könnten, hätte das nach Wittons Ansicht gleich mehrere positiven Effekte. "Die Kosten für die Pflege der Flächen würden entfallen", nennt er einen. Momentan muss der Mensch nämlich regelmäßig entbuschen.

Elisabeth Hoffmann, Vorsitzende der Kreisgruppe des Bundes Naturschutz, pflichtet ihm bei: "Die Beweidung wäre viel besser, als wenn alle paar Jahre der Mensch mit der Motorsense durchgeht." Dass der Mensch dem Wachstum der Büsche kaum nachkommt, zeigt sich bei einer terassenartigen Fläche, die eigentlich als Kalkmagerrasen bereits gepflegt wird. Überall schießen kleinere und größere Büsche aus dem Boden. Teilweise erreichen sie eine Stärke, die ein maschinelles Vorgehen gegen den Bewuchs zwingend erforderlich machen. Würden die Tiere regelmäßig vor Ort weiden, würde es dazu erst gar nicht kommen, sind sich Witton und Hoffmann einig.


Regionales Qualitätsprodukt
Ein weiterer positiver Effekt der sich aus der Beweidung ergeben könnte, ist die Vermarktung: Kulinarisch durch das Schaffleisch aus der Region, touristisch durch die landschaftlichen Anziehungspunkte. Wit ton nennt die Entwicklung der Arnika-Flächen in Teuschnitz als ein Beispiel dafür. Damit kommt er zum dritten Pluspunkt des Konzepts. Kuhschelle, Knabenkraut und Silberdistel könnten sich am Kreuzberg wieder ausbreiten. "Davon würde die Biodiversität, die Artenvielfalt, profitieren", ist er überzeugt. Diese sei eine staatliche Aufgabe. Und die Wildschweine könnten auf diese Weise ein Stück weit von den Siedlungsbereichen zurückgedrängt werden, glaubt Witton. "Bis auf zehn Meter waren sie an unserem Haus schon dran", erinnert sich der Kehlgraben-Anwohner an die Schwarzkittel in seiner Nachbarschaft.

Um das Projekt voranzutreiben, braucht es nun allerdings noch zwei wesentliche Voraussetzungen: weitere Flächen und das nötige Bewusstsein in der Bevölkerung. Bisher hat der Landwirt, der seine Schafe mittels mobiler Koppelhaltung am Kreuzberg weiden lässt, etwa 15 Hektar zur Verfügung. Eine Ausweitung dieser Gebiete soll erfolgen (siehe nebenstehender Artikel). Dabei wäre es aus Wittons Sicht gut, möglichst viele zusammenhängende Bereiche bieten zu können.


Erwerb und Pacht von Flächen sind möglich
Neben Privatpersonen werden auch die Kommunen wegen Möglichkeiten zum Erwerb oder zur Pacht von Flächen angefragt. "Die betroffenen Flächen verteilen sich etwa fifty-fifty auf Kronach und Marktrodach. Nur vier Prozent gehören zu Wilhelmsthal", informiert Witton über die kommunalen Bereiche im Maßnahmegebiet. Bei den Privatbesitzern stoße man auf eine gemischte Resonanz, ergänzt Hoffmann. "Teilweise verpachten sie diese Flächen gar nicht ungern", fügt sie jedoch an, durchaus auch schon sehr positive Erfahrungen gemacht zu haben.

Damit kommt sie zum Faktor Bewusstsein. Wenn das Verständnis für die Maßnahme nämlich noch besser wäre und mit Gerüchten aufgeräumt werden würde, könnte man noch erfolgreicher vorankommen. Eine Abholzung werde es nicht geben, baut sie einem Vorurteil vor. Zwar sei in betroffenen Waldabschnitten eine leichte Auslichtung notwendig, aber diese Maßnahmen würden behördlich kontrolliert und "man muss keine Angst vor Kahlschlägen haben", so Witton. Da die Koppeln für die Tiere wanderten und normalerweise keine Fläche en bloc belegten, sei auch keine unüberwindbare Barriere für Mensch und Wildtier am Waldrand zu erwarten. Und auch eine befürchtete Preistreiberei beim Kauf oder der Pacht werde es nicht geben.


Projekt läuft im Landkreis Kronach seit 2012
Mit der Schafbeweidung am Kreuzberg wird das Rad nicht neu erfunden. Diese Maßnahme bildet nur einen neuen Schwerpunkt innerhalb des Bayern-Netz-Natur-Projekts "Artenvielfalt am Muschelkalkzug der Fränkischen Linie", wie Christine Neubauer von der Ökologischen Bildungsstätte Oberfranken in Mitwitz feststellt. Im Landkreis laufe dieses Vorhaben seit 2012. Seit vergangenem Jahr bilde der "Beweidungskomplex Kreuzberg" einen Schwerpunkt.

"15 Hektar Weidefläche bestehen dort schon", erklärt Neubauer. Sie sieht das Potenzial für rund 40 Hektar. Wie viele Hektar es am Ende wirklich werden, lasse sich noch schwer abschätzen. "Wir gehen direkt auf die Leute zu", stellt sie fest, dass die Grundstücksverhandlungen noch in vollem Gange seien. Oft sei das Interesse am Verkauf oder Verpachten von Flächen zu spüren, andererseits sei auch klar, dass man nicht jedes gewünschte Flurstück bekommen werde.

Dass, wie zum Beispiel auch schon im Fischbachtal, auf eine Schafbeweidung zurückgegriffen wird, liegt an der ursprünglichen Nutzung dieser Bereiche. "Es geht um Flächen, die früher nicht mit dem Pflug befahrbar waren. Die wurden mit Schafen beweidet", blickt Neubauer in die Vergangenheit. Der erste Schritt bei der Umsetzung einer solchen Maßnahme sei eine Entbuschung. "Der staatliche Naturschutz ist sehr interessiert daran, dass anschließend eine Beweidung erfolgt." Schließlich wüchsen die Büsche sonst wieder nach.


Weitere Infos zum Projekt
Das Einzugsgebiet des Gesamtprojekts im südlichen Landkreis erstreckt sich über circa 41 Quadratkilometer. Die Gebietskulisse beim "Beweidungskomplex Kreuzberg" umfasst das Landschaftsschutzgebiet Kreuzberg-Hohe Warte (Fläche circa acht Quadratkilometer). Die typischen Magerrasen geben der Landschaft ihr charakteristisches Aussehen und sollen deshalb in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten werden.

Neben den Projektträgern bei "Artenvielfalt am Muschelkalkzug der Fränkischen Linie", die Ökologische Bildungsstätte Oberfranken und der Landschaftspflegeverband Frankenwald, sind Projektbeteiligte: die Stadt Kronach, die Marktgemeinden Küps und Marktrodach, die Gemeinden Schneckenlohe, Weißenbrunn und Wilhelmsthal, die Regierung von Oberfranken, die Untere Naturschutzbehörde, die Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kulmbach sowie Bayreuth und die Grundeigentümer.