Der alte KEZ-Markt mitten in Ludwigsstadt ist wirklich nicht schön anzuschauen: leere Schaufenster, abgebröckelte Fassade. Doch bald wird sich etwas tun, wie ein Banner an der ehemaligen Eingangstür ankündigt: Das Architekturbüro von Gerd Sambale ("saco gmbh") aus Neustadt hat das Grundstück in der Lauensteiner Straße gekauft und plant eine neue Wohnanlage. Wie die Tochter des Geschäftsführers, Eva Sambale, mitteilt, soll im ersten Obergeschoss eine ambulante Wohngemeinschaft entstehen. Im zweiten und dritten Stock sind weitere barrierefreie Wohnungen geplant. "Das Grundstück in Ludwigsstadt ist perfekt dafür. Mitten in der Stadt, sodass die Leute am gesellschaftlichen Leben teilhaben können", sagt Eva Sambale.

Ergänzung zum Seniorenheim

Ihr Vater wurde von Pfarrer Bischoff auf das Gelände in Ludwigsstadt aufmerksam gemacht. "Natürlich schauen wir, bevor wir planen, ob so etwas überhaupt benötigt wird und ob eventuell schon andere Einrichtungen vor Ort sind", erklärt die Innenarchitektin.

In Ludwigsstadt gibt es zwar ein Seniorenheim, doch für Bürgermeister Timo Ehrhardt (SPD) steht das in keinerlei Konkurrenz zueinander. Ganz im Gegenteil: Für ihn ist die Wohnanlage eine perfekte Ergänzung, um dem demografischen Wandel zu begegnen.

Ludwigsstadt ist in den vergangenen zehn Jahren von 3786 auf 3335 Einwohner geschrumpft. Und das, obwohl sich die Zu- und Wegzüge ziemlich ausgleichen. Sie schwanken um die 120. Ehrhardt fasst den Grund für den Bevölkerungsrückgang in zwei Wörtern zusammen: "negativer Geburtenüberschuss". In Ludwigsstadt gab es innerhalb eines Jahres 19 Geburten und 74 Todesfälle.

"Den demografischen Wandel kann man nicht aufhalten. Man kann ihn nur gestalten", meint Ehrhardt. Seit seinem Amtseintritt im Jahr 2008 wurden 47 Projekte angegangen: Von Straßen und Brücken bis hin zu Spielplätzen und der neuen Wohnanlage. Ärzte, Märkte, Banken: alles in greifbarer Nähe für die Senioren. Für die anderen Ortsteile von Ludwigsstadt hat man sich auch etwas einfallen lassen. Öffentliche Verkehrsmittel halten nicht direkt vor den Märkten. Der Bürgerbus hingegen schon. Er holt die Senioren in den Ortschaften ab, bringt sie direkt zu den Märkten und fährt sie wieder nach Hause.

Auch für alle anderen Generationen soll Ludwigsstadt lebenswerter werden. Seit 2012 gibt es die Fachoberschule am Rennsteig (FOS) in Ludwigsstadt. Der Ansatz und die Gelder kamen aus regionalen Unternehmen und von Privatleuten, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken. Die nächste FOS ist in Kulmbach oder Coburg. "Wenn man für die Ausbildung Jahre lang weg war, kommt man dann in die Heimatstadt zurück?"

Betreuung fast rund um die Uhr

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht für Timo Ehrhardt ganz oben auf seiner Liste. Seine erste Amtshandlung war der Hort an der Schule in Ludwigsstadt. Von den 95 Kinder nutzt ihn bereits ein Drittel. Der evangelische Kindergarten hat sogar von sechs bis 22 Uhr offen, um lange Betreuungsmöglichkeiten zu gewähren. "Familienfreundlichkeit ist wichtig. Und da gehören nicht nur Vater, Mutter, Kind dazu", so der Bürgermeister.
Mit Altersgruppen orientierten Angeboten will Ludwigsstadt dem demografischen Wandel entgegen wirken. Das aktive Vereinsleben trägt dazu positiv bei. Über 80 Vereine gibt es dort. "Freiwilliges Engagement gibt Ludwigsstadt ein mitmenschliches Gesicht."

Finanziell ist Ludwigsstadt nicht gut aufgestellt, daraus macht Ehrhardt kein Geheimnis. Mit 10,6 Millionen Euro hat Ludwigsstadt mit den höchsten Schuldenstand im Landkreis Kronach. Auch die Pro-Kopf-Verschuldung mit 3500 Euro ist immens hoch. "In den letzten Jahren wurde viel in Schulen und in die Infrastruktur investiert", erklärt er. Im Jahr 2008 lagen die Schulden noch bei fast 14 Millionen Euro. "Bei den absoluten Schulden sind wir auf einem guten Weg." Doch die Pro-Kopf-Verschuldung bleibt aufgrund der vielen Todesfälle gleich. "Mehr Spielraum wäre gut. Wir müssen unsere Einnahmen steigern und unsere Ausgaben reduzieren", ergänzt Ehrhardt.

Investitionen in die Infrastruktur

Eine große Entlastung für die Stadt ist die Unterstützung des Freistaates Bayern. Allein im Jahr 2014 bekam Ludwigsstadt 1,2 Millionen Euro Stabilisierungshilfen. Davon nutzte die Stadt 800 000 Euro für Sonderzahlungen und 400 000 Euro für Investitionen. Die Erneuerung der Infrastruktur ist in Ludwigsstadt ein Riesen-Thema. Straßen und Brücken sind sanierungsbedürftig. Durch die Förderung wurden 75 Prozent der Gesamtkosten vom Freistaat Bayern übernommen. "Da kann man schon was bauen. Wenn man die Förderung nicht bekommt, dann kann man solche Sanierungen eventuell gar nicht machen", meint er.

Mitte diesen Jahres sollen dann neben dem zukunftsorientierten Wohnen auf dem alten KEZ-Gebäude weitere Themen angegangen werden. Mit dem zu etablierenden Stadtumbaumanagement werden unter anderem die Leerstände in der Kommune fokussiert. "Dem müssen wir uns annehmen und mit Bürgern und Eigentümern über Perspektiven diskutieren und erfahren, was aus den Immobilien wird." Ehrhardt hat in seiner Amtszeit bereits viel geschafft: Schulden getilgt, Straßen und Brücken saniert. Doch sein großes Ziel ist es, Ludwigsstadt für alle Generationen noch lebenswerter zu machen. Hier habe man im Rahmen des Projektes "Familienfreudiges Ludwigsstadt" bereits viel erreicht. Es gibt jedoch noch einiges zu tun. Mit dem Baubeginn der Wohnanlage im nächsten Jahr kommt er diesem Ziel noch einen Schritt weit näher.