Marie hat nicht eine beste Freundin. Sie hat mehrere. Was wäre, wenn sich die Neunjährige für eine entscheiden müsste? "Eine Freundin auswählen könnte ich nicht. Ich habe doch alle lieb", erzählt die Drittklässlerin. Doch genau das wünscht sich die Bundeskanzlerin von den Kindern der Republik.

Nach der jüngsten Konferenz mit den Länderchefs formulierte Angela Merkel: "Private Zusammenkünfte mit Freunden, Verwandten und Bekannten sollen auf einen festen, also immer den gleichen, weiteren Hausstand beschränkt werden, und das schließt auch Kinder und Jugendliche in den Familien mit ein." Die sogenannte Ein-Freund-Regel, dass sich Kinder privat nur noch mit einem festen Spielkameraden treffen sollen, bleibt vorerst ein Appell. Nicht zuletzt, weil sich einige Länderchefs geweigert haben, einer solchen Verordnung zuzustimmen. "Das geht zu weit", äußerte sich beispielsweise Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger.

Kinder sind eh schon die Verlierer

Ist so eine Regel überhaupt umsetzbar? Das haben wir unsere Leser gefragt - und deren Meinung ist deutlich ausgefallen (siehe rechts). "Wir nehmen die Pandemie sehr ernst, wir halten uns an alles", beteuert eine Leserin. Auch ihre Kinder hätten, ohne zu klagen, alles mitgemacht. Selbst, dass Geburtstagsfeiern derzeit ausfallen müssen, hätten sie ohne zu murren akzeptiert. "Aber meiner Meinung nach sind die Kinder die großen Verlierer. Und jetzt müssen Sie sich auch noch entscheiden, welchen Freund sie lieber haben." Und nicht nur das: Sich auf eine Familie festzulegen, bedeute auch, dass nur eines ihrer Kinder seinen Freund sehen dürfte. Das andere Kind bliebe außen vor.

Das sieht auch die Oma der neunjährigen Marie, Martina Zwosta, problematisch: "Marie hat noch einen Bruder, der sechs Jahre alt ist. Wenn sie eine Freundin zu Besuch hat, bedeutet das gleichzeitig, dass ihn kein Freund besuchen kann. Für die Kinder ist das jetzt schon nicht schön und für die Eltern auch nicht, weil sie solche Besuche planen müssen." Bereits während des ersten Lockdowns hätten viele Kinder alleine zuhause gesessen. "Bei Marie und ihrem Bruder ging das noch, weil sie sich gut verstehen und viel miteinander beschäftigt haben."

Für Einzelkinder hingegen seien es einsame Wochen gewesen. Das hat Martina Zwosta bei Maries Freundinnen mitbekommen. Kinderverbände bewerten die Ein-Freund-Regel mit Adjektiven wie "unverhältnismäßig" und "kinderfeindlich" und warnen davor, dass die Jüngsten sozial isoliert werden.

"Man trifft seine Freunde sowieso in der Schule. Ich finde das komisch, wenn man sich dann in der Freizeit nicht mehr sehen dürfte", formuliert Sara Hasenbank das, was für Jung und Alt gleichermaßen schwer nachvollziehbar ist.

Die 16-Jährige ist Mitglied im frisch gewählten Kronacher Jugendparlament und schildert, wie sich der Alltag der Heranwachsenden mit dem Lockdown ohnehin schon verändert hat. "Am Anfang war es merkwürdig, dass wir uns nicht mehr mit mehreren Freunden in der Gruppe treffen konnten." Inzwischen hat sich Sara Hasenbank daran gewöhnt. "Man trifft an einem Tag den Einen und am nächsten den Anderen." Sich jedoch für einen einzigen Freund zu entscheiden, sieht die 16-Jährige kritisch. "Ich glaube auch nicht, dass die Kinder das verstehen würden, warum sie wählen müssen."

Die eigene Wohnung ist tabu

Am kommenden Mittwoch entscheiden die Vertreter von Bund und Ländern, wie es in der Pandemie weitergeht. Dass die Ein-Freund-Regel danach verpflichtend gilt, glaubt der heimische Bundestagsabgeordnete Hans Michelbach nicht. "Da ist noch lange nichts beschlossen", beschwichtigt der 71-Jährige.

Das gerade beschlossene Bevölkerungsschutzgesetz sorge dafür, dass der Bundestag eine stärkere Kontrolle über Entscheidungen der Regierung hat. "Wir haben einen Rahmen beschlossen, in dem wir alle Beschlüsse zurückholen können, die nicht erklärbar, unverhältnismäßig oder willkürlich sind."

Dazu zählt der Christsoziale die Ein-Freund-Regel. Eine entsprechende Vorlage der Regierung würden die Fraktionen ganz genau prüfen. Dass Grundrechte beschnitten werden, gelte es unbedingt zu verhindern. "In der privaten Wohnung hat der Staat nichts zu suchen."

Marie hat sich immer gerne mit zwei Freundinnen gleichzeitig zum Spielen getroffen. "Das darf ich zurzeit leider nicht mehr. Aber wenn ich meine Freundinnen gar nicht mehr sehen darf, wäre das richtig doof." Die Neunjährige hofft, dass sie sich nicht bald entscheiden muss.

Das sagen Kronachs Eltern:

Wir haben unsere Leser gefragt, was sie von einer Ein-Freund-Regel halten würden und ob das in der Praxis umsetzbar ist. Die Meinungen sind deutlich:

"In der Schule sitzen die Kids auch zusammen. Deshalb sollen sie auch in ihrer Freizeit mit ihren Freunden spielen können!"

"Das ist ausgemachter Blödsinn. Im Bus hocken sie zusammengepfercht, in der Schule zusammen im Klassenzimmer und im Privaten sollen sie plötzlich getrennt spielen? Das hält Corona nicht auf!"

"Blinder Aktionismus."

"Ich stehe im Großen und Ganzen hinter den momentanen Regeln, aber dass wir unsere Kinder so dermaßen einschränken, dass geht nun wirklich nicht. Da wird eine Grenze überschritten. Die Kinder verstehen es nicht, wenn sie am Morgen im vollgestopften Bus zur Schule fahren und sich dann wochenlang für einen Freund entscheiden sollen."

"Genau so zerstört man Freundschaften."

"Früh mit verschiedenen Schülern aus diversen Schulen im Bus, am Nachmittag ein fester Spielfreund. Klingt logisch. Nicht!"

"Ich glaube, das ist nicht umsetzbar. Lasst die Kinder Kinder sein lassen. Zu bestimmen, dass sie sich nur mit einem Freund treffen sollen, ist schon ziemlich anmaßend."

"Mein Sohn spielt von Montag bis Freitag mit 30 verschiedenen Kindern im Kindergarten und sobald er zur Tür raus geht, dürfen sie sich nicht mehr treffen? So ein Schmarrn."