Monolog. Ein Wort mit Gähnpotenzial. Wer kann, flieht. Wer nicht, rutscht in seinem Sessel ergeben eine Etage tiefer. Nicht, dass wir nicht alle daran gewöhnt wären, uns (medial) stundenlang berieseln zu lassen. Aber sich freiwillig einem Theatermonolog zu stellen, das ist ja gerade so, als ob - aber da legt er schon ab, der Dampfer Virginian... und Tom Ohnerast nimmt sein Publikum in Gefangenschaft mit nichts anderem als seiner Erzählkunst. Kein Wort möchte man verpassen von diesem anspruchsvollen und schönen Text, der einen mitnimmt auf eine aberwitzige Kreuzfahrt durch die Meere, das Leben und die Fantasie: "Novecento - Die Legende vom Ozeanpianisten".

Noch nicht am Ende

Tom Ohnerast ist Tim Tooney, ein heruntergekommener Trompeter in einer heruntergekommenen Kneipe. Er erzählt die Geschichte, die sein bester Freund ihm geschenkt hat. Denn "solange Du noch eine gute Geschichte auf Lager hast und jemand, dem Du sie erzählen kannst, bist Du noch nicht am Ende".

Der Monolog von Alessandro Baricco aus dem Jahr 1994 zählt zu den erfolgreichsten italienischen Theaterstücken und ist regelmäßig auf den Spielplänen vertreten. In der zweiten Auflage der Kronacher Kammertheatertage spielt sich Tom Ohnerast frei vom niedlichen Mogli, vom gewitzten Kasperle, vom verspielten Cherubino - den Rollen, die ihn zu einem der Publikumslieblinge bei den Rosenberg-Festspielen gemacht haben. Denn er geht darstellerisch in die Tiefe, oder wie sein Freund es ausdrücken würde: Mit den 88 schwarzen und weißen Tasten der Klaviatur zieht er alle Register von wütend bis sanft, von ausgelassen bis traurig, von komödiantisch bis dramatisch.

Er spielt nicht nur, er ist Tim Tooney und er ist Novecento und alle anderen, die die Decks auf dem Ozeandampfer Virginian bevölkern: Neil O'Connor, der Ire, der immer nur Witze macht. Der Kapitän, der in Uniform denkt, weil er in Uniform lebt. Der alte Danny Boodman, dessen einzige Eitelkeit im Leben darin bestand, dem Säugling, den er in der ersten Nacht im Jahre 1900 in einer Zitronenkiste fand, seinen eigenen Namen zu verpassen: Danny Boodman T.D. Lemon Novecento, vom Findelkind zum Zauberer am Klavier.

Die Freundschaft des jungen Trompeters mit dem Ozeanpianisten wird in einer Sturmnacht besiegelt, als beide am Flügel durch den Ballsaal schwappen. Tom Ohnerast erzählt nicht vom Tanz mit dem Ozean, er vollführt ihn. Regisseur Stefan Haufe, künstlerischer Leiter der Rosenberg-Festspiele und der Kammertheatertage, spart mit Bühnenausstattung und Requisiten, aber nicht mit Einfällen. Rettungsringe mutieren zu Zielhäfen, Barhocker zu Dynamitkisten, der Bistrotisch wird zum Klavier, nur weil ein Metronom darauf steht. Dessen gleichmäßige Schläge bauen die Spannung vor dem großartigen Duell zwischen Novecento und Jerry Roll Morton, dem "Erfinder des Jazz" auf. Ohnerast lässt den Kopf kreisen, lockert die Halsmuskel und knackt mit den Fingern wie vor einem Boxkampf. Wie das klingt, wenn "die anderen Musik machen, Novecento aber etwas anderes", bleibt der Fantasie überlassen. Denn obwohl die Musik eine Hauptrolle im Stück spielt, wird sie in der Inszenierung nur sparsam eingesetzt und behält dadurch ihren Zauber. Lediglich in der Abschiedsszene zwischen Tooney und Novecento erklingt leise eine Trompete mit Klavierbegleitung. Die Freunde drücken durch Musik aus, wofür ihnen die Worte fehlen.

Publikum fest am Haken

Ohnerast erzählt vom Weinen und rührt das Publikum zu Tränen. Er erzählt vom Humor der Matrosen und das Publikum lacht. Er erzählt von der Totenstille und im Zuschauerraum könnte man eine Stecknadel fallen hören. Der Erzähler hat sein Publikum fest am Haken bis zur letzten Sekunde, bis sich das Schicksal von Novecento erfüllt. "Das ist kein Wahnsinn, das ist Maßarbeit".

Das sah auch das Premierenpublikum so: begeisterter, langanhaltender Applaus für die Inszenierung und die schauspielerische Großleistung. Die Virginian mit Novecento und allen anderen an Bord legt noch an den nächsten beiden Wochenenden in der Alten Markthalle im Historischen Rathaus in Kronach ab. Man sollte sich einen Platz an Deck sichern.