Das Corona-Virus prägt die Schlagzeilen des Jahres 2020. Nachdem sich anfangs alles um die medizinischen Aspekte drehte, rückten mit der Zeit mehr und mehr Kurzarbeit, drohende Firmenpleiten und Existenzängste in den Fokus.

Ein Spannungsfeld, in dem sich auch die heimischen Handwerksbetriebe wiederfinden. Ihre Situation ist in der Pandemie branchenabhängig jedoch sehr unterschiedlich, wie Kreishandwerksmeister Heinrich Schneider beim Interview in seiner Theisenorter Schreinerei feststellt. Herr Schneider, wie hat das Handwerk im Landkreis Kronach auf den Lockdown und die Hygienemaßnahmen reagiert? Heinrich Schneider: Die Verunsicherung war am Anfang groß. Wir haben die Vorgaben nach bestem Wissen und Gewissen umgesetzt. Mit der Zeit haben sie sich aber teilweise so schnell überholt, dass wir kaum wussten, was gerade der aktuelle Stand ist. Da gab es täglich andere Infos. Die Kreishandwerkerschaft hat uns in dieser Phase gut unterstützt. Wichtig war, dass wir dann als systemrelevant eingestuft wurden. Bei der Arbeit waren und sind wir sehr vorsichtig. Mit der Polizei und den Behörden gab es überhaupt keine Probleme. Während andere im Lockdown waren, mussten viele Handwerker vor Ort beim Kunden arbeiten. Wurde diese Leistung in der Öffentlichkeit wahrgenommen? Es hat wirklich Menschen gegeben, die haben gesagt: "Schön, dass Ihr kommt." Am Anfang hat es dann schon auch mal etwas mehr Trinkgeld vom einen oder anderen gegeben. Wie stellten sich solche Arbeitsbesuche aus Sicht der Handwerker dar? Diejenigen, die zum Kunden mussten, hatten danach zum Teil kein gutes Gefühl, wenn sie wieder zu den Kollegen in die Werkstatt fuhren. Wir haben schließlich auch von einem auswärtigen Fall gehört, bei dem eine Corona-Infektion von einem Kunden verleugnet und dadurch eine ganze Werkstatt lahmgelegt wurde. Bei uns kam es vereinzelt vor, dass unsere Handwerker einen Kunden um Distanz bitten mussten, aber das Verhalten der meisten Leute war wirklich in Ordnung. Da waren viel Vernunft und viel Anstand im Spiel. Trifft die Krise das Handwerk auf der wirtschaftlichen Ebene? Das Handwerk ist gegenüber solchen Situationen viel robuster aufgestellt als die Industrie. Ausgenommen sind natürlich Zweige wie unsere Friseure, Metzger oder Bäcker, die von den Schutzmaßnahmen hart getroffen wurden. Wer nah am Menschen gearbeitet hat, bei dem war Kurzarbeit schon ein Thema. Davon abgesehen ist das Handwerk strukturell aber anders - besser - aufgestellt als die Industrie. Bei uns geht es familiärer zu, in der Industrie wird der Arbeitnehmer viel schneller zu einer Nummer. Der Mehraufwand, der organisatorisch durch die verschiedenen Maßnahmen zu erledigen war, hat uns aber schon einiges abverlangt. Und dann gab es sicher auch Lieferengpässe. Richtig. Die Materialbeschaffung war am Anfang schwierig. Weil einige Zulieferer schnell in die Kurzarbeit eingestiegen sind, wurden manche Dinge knapp. Da konnte es schon vorkommen, dass ein Handwerker etwas für 10 000 Euro produziert hat, ihm dann aber ein 50-Euro-Bauteil dafür gefehlt hat. Da half oft nur, selbst nach Alternativen zu suchen - und das bedeutete für uns wiederum Mehrarbeit. Deshalb bin ich auch dagegen, die Möglichkeit zur Kurzarbeit noch einmal so pauschal zu verlängern. Was würde dem Handwerk in dieser Situation helfen? Die Mehrwertsteuersenkung jedenfalls kaum. Sie hat uns bloß Mehrarbeit beschert. Nur diejenigen Handwerker, die Gewerke verkauft haben, für die ist sie gut. Der Hebel müsste aus meiner Sicht bei den Sozialabgaben angesetzt werden; was ein guter Mitarbeiter heute verdient, das ist zu wenig, aber was er den Betrieb kostet, das ist zu viel. Da klafft die Schere auseinander. Was würde ein erneuter Lockdown für das Handwerk bedeuten? Er würde die Betriebe noch härter treffen, die schon vom ersten Lockdown getroffen wurden. Dann würden sicher auch unsere Kunden zurückhaltender werden, weil sie nicht mehr absehen könnten, wohin die Reise geht. Und noch einmal würden die Menschen nicht mehr so gelassen bleiben. Das Interview führte Marco Meißner

Nicht jede Vorgabe kann der beruflichen Realität standhalten

Nicht nur der Kreishandwerksmeister machte sich Gedanken über die Entwicklungen der vergangenen Monate. Auch die Vertreter der unterschiedlichen Handwerksbranchen sprachen vor dem FT-Interview mit ihm über ihre Situation beim Lockdown und in der Folgezeit.

"Oft war und ist es nicht möglich, einen Abstand zu halten", erzählte Michael Blüml (Maler/Putzer) von der beruflichen Realität, die das Bestreben, alle Vorschriften konsequent einzuhalten, manchmal zunichte mache. Auch habe es immer wieder Unsicherheiten über die Auslegung der gesetzlichen Anforderungen gegeben, zum Beispiel bei der Umsetzung der Maskenpflicht. Weiter berichtete Blüml von einzelnen Auftragsstornierungen und von Verschiebungen.

Edith Memmel (Keramiker/Töpfer) erklärte, die Betriebe hätten sich über die bayerische Soforthilfe gefreut. Der Ausfall von Märkten und Messen habe bei den Keramikern nämlich zu Einbußen geführt. Inzwischen habe sich die Lage stabilisiert. Die Kunden kämen verstärkt in die Läden. Kritisch sah sie, dass anfangs ganze Branchen ein "Berufsverbot" erteilt bekommen hatten, statt mit ihnen schlüssige Hygienekonzepte zu erarbeiten.

Alfred Föhrweiser (Metall) erkannte bei den verschiedenen Hilfsmaßnahmen Licht und Schatten. Was die Aufträge betrifft, sei einem enormen Rückgang ein beachtlicher Aufschwung gefolgt. "Momentan haben wir eine sehr gute Auslastung", stellte er fest. Bei den Kunden schlage die anfänglichen Toleranz inzwischen jedoch in Ungeduld um. Derweil kämen die Handwerker an ihre Belastungsgrenzen.

Für den Bereich Sanitär, Heizung und Klimatechnik berichtete Ulrich Oßmann von Schwierigkeiten in zweierlei Hinsicht. Einerseits habe es anfangs Probleme gegeben, Aufträge bei Kunden durchzuführen, andererseits hätten zum Beispiel Betriebe aus der Automobilbranche komplette Aufträge storniert. Nicht zu vergessen seien die verzögerten Lieferungen wie auch die erschwerten Arbeitsbedingungen durch die Hygienevorschriften.

Stefan Heyder (Werkzeugmacher) meinte, dass die Probleme der Großindustrie auf seine Branche ausstrahlen. Und an den Hilfsprogrammen hänge viel Bürokratie. Positiv sei, dass die Mitarbeiter untereinander fest zusammenhalten.

Hohe Belastung

Einen wechselhaften Umsatz wegen Beschränkungen bei den Kundenzahlen in den Läden und wechselnden Hygieneregeln stellte Hans-Gerald Beyer für die Fleischer fest. Vor allem Fleischereien mit Gastwirtschaft hätten gelitten.

"Warum halten sich nicht alle an die Regeln? Urlaub und Feiern - ist das so wichtig?", fragte sich Heinrich Dennewill (Zimmerer), der sich gerade bei der Unterstützung der "Kleinen" mehr erhofft hätte als den "Schwachsinn" der Mehrwertsteuer-Senkung.

In einer weiteren Stellungnahme hieß es, dass die Friseure zu Beginn der Pandemie fast schon genötigt worden seien - ohne Rücksichtnahme auf ihre Gesundheit. "Erst der Lockdown und dann die Wiedereröffnung der Salons haben viel Kraft gekostet", so die Vertreter der heimischen Friseurbranche. Angst wegen des Kundenkontakts, Kurzarbeit und das Beantragen von Soforthilfen hätten den Alltag geprägt.

Die Wiedereröffnung als eine der ersten Branchen sei dann ein Lichtblick gewesen. Dass es wegen der notwendigen Wartezeiten nun teilweise "extreme Unverschämtheiten" der Kunden gibt, sei für die Friseure ebenso wenig nachvollziehbar wie Hygienevorschriften, die selbst die der Gastronomie in den Schatten stellen.