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Kronach
Gericht

"Erschießt mich doch gleich": 41-Jähriger in Kronach vor Gericht - Verhaftung war abenteuerlich

Ein 41-Jähriger wehrte sich gegen die Festnahme durch Polizisten. Das Amtsgericht Kronach verhängte eine Haftstrafe von einem Jahr und elf Monaten.
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Es war ein fast alltäglicher Haftbefehl, den eine vierköpfige Einsatztruppe der Polizei bei einem 41-jährigen Mann, der inzwischen in der Justizvollzugsanstalt Kronach sitzt, Anfang Juli vergangenen Jahres vollziehen musste. Zum filmreifen Ereignis wurde der dienstliche Akt jedoch bei dessen Umsetzung in der Wohnung des Angeklagten: Der 18-fach - auch durch das Amtsgericht Kronach - verurteilte Mann wurde am Donnerstag am Kronacher Amtsgericht von Richter Christoph Lehmann zu einer Haftstrafe von einem Jahr und elf Monaten verurteilt. Der Grund: Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte mit versuchter gefährlicher Körperverletzung.

Der Arbeitslose, der schon mehrfach hinter Gittern gesessen hatte, hatte den Beamten bei ihrer Pflichtaufgabe eine Show geboten, die ihresgleichen sucht. Einer der Beamten, der damals bei der versuchten Festnahme fast von dem Wurf des Angeklagten mit einem Gestänge eines Stehventilators getroffen wurde, schilderte dies im Gerichtssaal.

"Immer aggressiver geworden"

Bereits einen Tag zuvor sei der Vollzug ergebnislos verlaufen. Am nächsten Tag habe die Tür des Hauses offen gestanden, die Eltern des Angeklagten hätten die Polizisten informiert, dass der Sohn im Bett im Obergeschoss liege. Vor dem Bett habe ein Hund, zwar groß, aber äußerlich harmlos, geschlafen.

Den Angeklagten, der nur mit einer Badehose bekleidet gewesen sei, habe man aufgeweckt und ihm erklärt, dass man ihn mitnehmen müsse. Dieser habe nach dem Klicken der Handschellen noch friedlich darum gebeten, sich erst einmal anziehen zu dürfen. Nach dem Lösen der Fesselung habe er dann gefordert: "Ich muss erst noch eine rauchen." Nach der Antwort, dass dies nicht möglich sei, habe er sich vor den Polizisten aufgebaut und sei lautstark und immer aggressiver geworden. Dann habe er zu dem Ventilator gegriffen und versucht, mit dem Stiel auf ihn einzuschlagen, erklärte der Beamte.

Ihm sei es gelungen, den Angriff abzuwehren. Seine Kollegen hätten sich dann aus Notwehr des Pfeffersprays bedient und vorsichtshalber den Schlagstock gezückt. Der Zeuge: "Dann läuft der Angeklagte zum Fenster und springt." Die Höhe des Geschosses betrage etwa zweieinhalb Meter. Unten angekommen habe der Angeklagte im Garten im Grünen gelegen und aus der Nase und am Kopf geblutet. Bis zum Eintreffen der Rettungssanitäter habe er sich ein paar Zigaretten gedreht und diese geraucht. Der Beamte erklärte auf die entsprechende Frage des Richters: "Ich will nicht unbedingt, dass er bestraft wird, für mich ist die Sache erledigt." Eine ganz andere, aber ebenfalls filmreife Geschichte erzählte der Angeklagte. Die Vorwürfe von Staatsanwalt Dominik Heike kommentierte er so: "Das stimmt überhaupt nicht."

Die Version des Angeklagten

So hätten an dem Tag plötzlich Beamte, ganz schwarz gekleidet, ohne sich vorzustellen, vor seinem Bett gestanden und hätten ihn mit gezogener Waffe bedroht. "Wie bei der SS." Mit einem Schlagstock hätten sie ihm dann die Hand gebrochen. "Einer hat mich sogar angepisst."

Auch hätten sie seinen Hund, "einen preisgekrönten Besucherhund", so verstört, dass dieser nicht mal Bellen konnte. Aus Angst sei er selbst dann aus dem Fenster gesprungen. Zu seinem Gesundheitszustand erklärte der Angeklagte: "Ich werde wegen meiner Erkrankung nur noch eineinhalb Jahre leben, erschießt mich doch gleich." Dem Richter erzählte er weiter, dass er sich mehrmals pro Woche Schmerztabletten aus dem Ausland schicken lasse und einige Hundert davon nehme.

Im April vor der Tat habe er berufliche Probleme bekommen: "Dann habe ich es mit den Medikamenten richtig krachen lassen." Das Gutachten eines Sachverständigen verlas der Richter. Nach dessen Befund leide der Angeklagte unter anderem an Realitätsverzerrungen, gepaart mit Wahnzuständen und deutlicher psychischer Verstörtheit. Trotz der Einschränkung sei er nicht vermindert schuldfähig. Vielmehr hätte er an dem Tag der Tat sein Unrecht einsehen müssen. Der Sachverständige plädierte somit für keine Strafminderung.

Staatsanwalt forderte zwei Jahre

Eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren wollte der Staatsanwalt, nochmals eine Bewährungsstrafe der Verteidiger Albrecht von Imhoff. Er bewertete die Einlassung seines Mandanten jedoch als skurril und grotesk. Der Angeklagte benötige dringend eine Therapie.

Die Zeugen hätten keinen Belastungseifer gezeigt, im Gegenteil, sagte der Richter in seinem Urteil. Zugunsten des Angeklagten wertete er, dass dieser sich bei seinem Sprung aus dem Fenster selbst verletzte und unter einer Persönlichkeitsstörung leide.

"Ein Intensivstraftäter"

Lehmann: "Es gibt schlicht und einfach keinen Anhaltspunkt für eine positive Sozialprognose."

Der Angeklagte sei ein Intensivstraftäter. Eine Bewährungsstrafe wäre der Öffentlichkeit nicht vermittelbar.