Die reinste Liebe ist die einer Mutter, heißt es. Doch die bedingungslose Zuneigung zu ihrem Sohn hat eine 51-Jährige aus dem Kreis Kronach in Untersuchungshaft gebracht. Die Staatsanwaltschaft Coburg sieht es als erwiesen an, dass sie am 1. April dieses Jahres mit ihrem Filius den Norma-Lebensmittelmarkt in Kronach überfallen hat (wir berichteten).

Seitdem sitzt das Duo hinter Gittern. "Ich liebe meinen Sohn so sehr, das kann man gar nicht in Worte fassen", beteuert die Angeklagte noch zum Prozessauftakt am Coburger Landgericht unter Tränen. Der Junior - groß, stämmig, Glatze mit stoppeligem Haaransatz - sitzt währenddessen regungslos eine Reihe vor ihr auf der Anklagebank.

Der 20-Jährige soll am Tattag kurz vor Ladenschluss in den Supermarkt gegangen sein und sich ein paar geringwertige Waren, darunter einen Fünf-Euro-Kaffee aus dem Aktionsangebot, gegriffen haben. Was dann folgte, war alles andere als ein schlechter April-Scherz: Anstatt die Lebensmittel an der Kasse zu bezahlen, hat der Sohn laut Anklageschrift eine Schreckschusspistole auf den Kassierer gerichtet und ihn angeherrscht: "Geld aus der Kasse!" Im Glauben, dass es sich um eine echte Pistole handelt, übergab der junge Mann die Kasseneinnahmen: 350 Euro in Scheinen.

Die eigene Mutter als Komplizin?

Mit der Beute soll der 20-Jährige das Weite gesucht haben - direkt in das Auto seiner Mutter, dass diese fluchtbereit vor dem Supermarkt geparkt hatte. Sie soll den Wagen gefahren und die Schreckschusspistole an sich genommen haben, während sich ihr Sohn seiner Tatkleidung entledigt hat. Sollten sie der räuberischen Erpressung schuldig gesprochen werden, drohen empfindliche Freiheitsstrafen (zwischen einem und 15 Jahren bei Erwachsenen).

Zur Tat selbst möchte sich am Montag das vermeintlich räuberische Duo nicht äußern. Doch bereits ihre persönlichen Angaben offenbaren nicht nur eine ungesunde Mutter-Sohn-Beziehung, in der er sie mit unkontrollierten Wutausbrüchen terrorisiert, sondern skizzieren auch eindrucksvoll das Leben eines jungen Mannes, der offenbar wenig im Griff hat außer seinen exorbitanten Drogenkonsum.

Von Mutter Drogengeld geliehen

Bis zu 300 Euro pro Woche gibt er laut eigenen Aussage für Marihuana und Speed (Amphetamine) aus - und das, obwohl er in seinem Geschäft gerade einmal zwischen 500 und 1000 Euro im Monat verdient. "Ich habe mir Geld von meiner Mutter geliehen." Eine Ausbildung hat er nicht gemacht ("Ich war zwei, drei Tage in der Berufsschule, dann hat's mir gereicht"), dafür jedoch jahrelang in dem Laden seiner Mutter gejobbt, bevor sie ihm diesen vor eineinhalb Jahren verpachtet hat.

Ein paar Monate ging das Arrangement gut, dann blieben die Zahlungen aus. "Warum haben Sie nicht mehr gezahlt?", möchte Richterin Katrin Huber wissen. "Weil mir irgendjemand Geld entwendet hat und ich dann ziemlich blank war", wirft der Angeklagte in den Raum. Ob er das näher erläutern möchte? - "Nein."

Relativ schnell kristallisiert sich jedoch heraus, dass eine Aushilfe im Verdacht steht, Geld abgezwackt zu haben, wenn sie die Einnahmen zur Bank gebracht hat. Wo diese Aushilfe wohnt, weiß der Angeklagte angeblich nicht. Gehälter seien sowieso bar ausgezahlt worden. "Es ging los, seit er die Angestellten gehabt hat", erinnert sich seine Mutter. "Er hat mich von da an nicht mal mehr an den Schreibtisch gelassen." Habe sie es doch gewagt, das Büro zu betreten, seien Wutausbrüche die Folge gewesen. Um der Konfrontation aus dem Weg zu gehen, habe sie ihren Sprössling machen lassen. Bis zuletzt habe sie den Eindruck gehabt, dass das Geschäft gut läuft. Auch von seinem Drogenkonsum will sie nichts mitbekommen haben. "Ich habe nicht gefragt wieso, weshalb und warum. Ich habe ihm voll und ganz vertraut."

Ein fataler Fehler. Zwischen 12 000 und 30 000 Euro Schulden soll der 20-Jährige in den Monaten vor dem Überfall angehäuft haben. Wie hoch die Summe genau ist, weiß er nicht, genauso wenig wie hoch überhaupt die monatliche Pacht war und ob er in den Monaten seiner Selbstständigkeit krankenversichert war. Kurz vor dem Überfall sei der Angeklagte schließlich nach Hause zu seiner Mutter gefahren, habe den Schlüssel für den Laden einer Aushilfe gegeben und den Betrieb sich selbst überlassen.

Die Richterin möchte vom Angeklagten wissen, was seiner Meinung nach schief gelaufen ist - nachdem vier Jahre lang alles im Geschäft seinen Gang ging. Der junge Mann blickt teilnahmslos vor sich hin. "Keine Ahnung." Der Staatsanwalt fasst nach einer zähen Fragerunde zusammen: "Es scheint mir so, dass Sie überhaupt keine Ahnung hatten, was Sie da tun."

Wollte der junge Mann seine aussichtslose finanzielle Situation mit einem Überfall retten? Die Antwort auf diese Frage will das Gericht am 9. Oktober geben. Die Mutter gibt sich am Montag selbst die Schuld und bereut, ihrem Sohn den Laden übertragen zu haben.

Es stimmt, Mutterliebe ist bedingungslos. Alle Mütter sind ihren Söhnen Helferinnen bei Verfehlungen - auch dieses Zitat des römischen Komödiendichters Terenz ist manchmal wahr. Nur zum Lachen ist hier niemandem zumute.