"Hinter den Kurven geht's los" - und tatsächlich: Einmal links, einmal rechts und der dichte Wald verschwindet. Statt Bäumen liegen auf einer frisch gerodeten Fläche Baumstämme und Berge von Hackschnitzeln. Försterin Katharina Flügel steigt aus dem Auto und blickt auf den Platz, an dem bis vor Kurzem noch dicht an dicht Fichten standen. Beim genauen Hinsehen ragen noch ein paar Bäume wie Halme auf weitem Feld empor. "Tannen und Douglasien", sagt sie. Mit etwas Glück überleben sie die Attacke und liefern Samen für die nächste Generation.

Das Waldstück liegt hinter Steinwiesen und vor Schlegelshaid, am Wirschberg. Aber grundsätzlich sieht es im Frankenwald überall ähnlich aus. Braune Borkenkäferbäume. Stämme am Wegesrand, die noch abgeholt werden. Entrindete Stämme, die erst einmal nicht abgeholt werden. Stämme unter Plastikplanen - und: Hackschnitzelberge. Von oben wirkt der mächtige Frankenwald im Jahr 2020 wie ein Teppich aus Löchern und braunen Flicken.

Auch andere Baumarten bedroht

Als Försterin Flügel die Situation schildert, halten zwei Waldarbeiter am Rand der Rodung. Wie die Situation ist? "Beschissen ist geprahlt", sagt Matthias Baumgärtner und sein Kollege Bernd Michel ergänzt: "Seit 36 Jahren bin ich Waldarbeiter. So etwas habe ich noch nie erlebt." Einer der beiden erzählt, dass ihm ein Bekannter Videos aus dem Harz geschickt hat. Er konnte seinen Augen nicht trauen, erzählt er der Försterin. Borkenkäfer, die Obstbäume befallen. "Die machen vor nichts mehr Halt!"

Das Problem, dass den Waldbesitzern, -arbeitern, Förstern und, nicht zu vergessen, dem Wald selbst Sorgen bereitet, ist bekannt. Im Mai, als der FT zuletzt einen ausführlichen Artikel über die Situation in fränkischen Wäldern veröffentlicht hat, war die Bayern-Karte des Borkenkäfer-Monitorings im Internet im Norden rot. Mittlerweile zieht sich die Farbe, die nichts Gutes verheißt, über Nürnberg und Regensburg hinaus, bis in den Südosten nach Passau. Der Frankenwald wiederum ist zusätzlich von grünen Linien schraffiert, die sagen: "Gefährdungsstufe mit akutem Stehendbefall" - die höchste der vier Warnstufen.

Doch derzeit taucht im Frankenwald unübersehbar ein weiteres Phänomen auf, das es in der Form bislang nicht oder nur punktuell gab. Hackschnitzelberge, die einfach liegen bleiben. Als hätte man sie vergessen. Gelbbraune Hügel bei Kehlbach, Pressig, Steinbach und eben auch im Forstrevier Steinwiesen.

Försterin Flügel weiß, wie es soweit kommen konnte und sie gibt sich alle Mühe, eine Verkettung von natürlichen, menschengemachten und politischen Ereignissen zu erklären. Dass die Sommer seit Jahren regenarm und heiß, die Winter zu mild sind, das ist für jeden zu spüren. Der Borkenkäfer verbreitet sich quasi ungehindert über die geschwächten Fichten, die durch die Trockenheit ihre Abwehrkräfte gegen den Schädling verlieren: Das Harz fehlt, das den Käfer am Eindringen unter die Rinde stoppt. Leichte Beute.

Darüber hinaus hat sich der Borkenkäfer diesen Sommer weiterentwickelt: Die Käfer befallen mittlerweile nicht nur Fichten, sie machen auch vor anderen Nadelbäumen nicht mehr Halt. Eine Situation, wie sie der Waldarbeiter im Harz geschildert hat. Sobald bekannt ist, welches Waldgebiet der Käfer nach dem Ausschwärmen befallen hat, muss es schnell gehen. Innerhalb weniger Tage müssen die Bäume gefällt und aus dem Wald herausgebracht werden, um die Ausbreitung zu stoppen.

Die zweite, die politische Entwicklung erklärt die Hackschnitzelberge im Frankenwald. Bevor die Bayerische Staatsregierung die umweltpolitische Wende nach dem Referendum - Stichwort: Rettet die Bienen - vollzogen hat, haben Waldbesitzer den Borkenkäferbefall mit Insektiziden gestoppt. Wer die beiden zugelassenen Mittel "Fastac Forst" und "Karate" einsetzt, erhält keine Fördergelder. Bereits im Mai hat der Bauernverband im Landkreis Kronach öffentlichkeitswirksam gefordert, auch trotz des Einsatzes der Mittel Gelder auszuschütten, sonst drohe dem Frankenwald "die Katastrophe".

Der Vorteil der Insektizide liegt für Waldbesitzer auf der Hand: Sie töten den Käfer unter der Rinde ab. Die gefällten Bäume konnten im und am Wald liegen bleiben, bis sie verkauft und abgeholt werden, ohne ein erneutes Ausschwärmen zu riskieren. Der Nachteil: Die Mittel bauen sich zwar schnell ab, sind aber nachgewiesenermaßen schädlich für Gewässer und deren Lebewesen.

Kein Geld für Chemie

Statt Chemie zu bezuschussen, fördert der Staat nun andere Methoden, um dem Käfer Herr zu werden: für Entrindung, für das Abdecken der Stämme und für das Zerhacken. Katharina Flügel erklärt, dass ein Waldbesitzer, der vom Käfer befreites Holz dem Wald überlässt, einen höheren Zuschuss vom Staat erhält, als einer, der es verkauft. Die entrindeten Stämme und Hackschnitzel liefern Mineralstoffe für den ausgezehrten Boden im Frankenwald. Zudem sei das Zerhacken eine schnelle und effiziente Methode, den Käfer zu beseitigen. 30 Euro pro Festmeter erhält der Waldbesitzer für Käferholz, das er weiterverkauft. 50 Euro für Hackschnitzel, die im Wald liegen bleiben.

"Früher war es so, dass der Waldbesitzer Geld dafür bekommen hat, dass seine Bäume von einem Unternehmer zu Hackschnitzel verarbeitet und von diesem weiterverkauft werden", erklärt sie. Doch die Zeiten sind vorbei. Mittlerweile bezahlen die Waldbesitzer den Unternehmer, damit er die Stämme verarbeitet und das oft feuchte Holz einlagert.

Der Wald als Familienerbe

Für die Waldbesitzer ist es nicht nur eine Frage der Finanzen. Einige haben das Holz als ihr Altersgeld angesehen, dass nun nur durch Hilfe staatlicher Zuschüsse nicht zur finanziellen Last wird. "Es gibt auch eine persönliche Ebene", erklärt die Försterin, an deren Forstrevier im Bahnhof Steinwiesen die Waldbesitzer derzeit Schlange stehen. "Oft hat der Großvater den Wald gepflanzt." Es ist ein Familienerbe, das nun gehackt auf dem Boden liegt. Zudem werden nicht alle Borkenkäfer durch diese Maßnahmen getötet, erklärt Katharina Flügel. Einige leben in den Rindenresten weiter und schwärmen im Frühjahr erneut aus.

Sägewerke sind ausgelastet. Zusätzliche Maschinen, Förster und Waldarbeiter rekrutiert das Forstamt nun aus dem Süden Bayerns, der auf der Borkenkäfer-Karte grün leuchtet.

Michael Schmidt, Leiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Stadtsteinach, bestätigt die Entwicklung. Zehn bis 15 Förster kommen aus der Oberpfalz, Schwaben und Oberbayern zur Unterstützung oder sie sind bereits da. "Im August haben wir gehackt ohne Ende." Es musste schnell gehen, erklärt Schmidt. Die Zeit drängt, bis der Käfer erneut ausschwärmt. Nun komme es aufs Wetter an, ob die Förster und Waldbesitzer dieses Jahr Ruhe haben oder der Käfer ein letztes Mal ausschwärmt. Ein warmer Oktober verheißt für den Wald nichts Gutes.