Eine Familie aus Tschirn wurde über Nacht berühmt. Doch auf Ruhm dieser Sorte hätten die Beteiligten gerne verzichtet. Weil sich auf einem Geburtstag Personen aus mehr als zwei Haushalten getroffen haben und dabei von der Polizei ertappt wurden, sind sie nun in ganz Deutschland als Corona-Rebellen bekannt.

Die Schlagzeilen reichen von "Zu viele Gäste bei Geburtstagsparty" (Stern) über "Familie muss nach Feier tausende Euro zahlen" (Focus) bis zu "Corona-Razzia beim Kaffeekränzchen (Bild)." Schnell machen in der überregionalen Presse Falschmeldungen die Runde - zum Beispiel, dass die Familie an die Polizeibeamten direkt vor Ort ein Bußgeld in Höhe von 4000 Euro zahlen musste. Tatsächlich droht jedem Gast laut dem bayerischen Corona-Bußgeldkatalog eine Strafe in Höhe von jeweils 150 Euro. Da die Gesellschaft nicht mehr als zehn Personen gezählt hat, macht das insgesamt maximal 1500 Euro. Ob der Betrag tatsächlich fällig wird, entscheidet das Landratsamt Kronach erst in den kommenden Tagen.

Die Bildzeitung nennt den Vornamen eines weiblichen Geburtstagsgastes und erklärt die Verwandtschaftsverhältnisse. Wer in der 560-Einwohner-Gemeinde bis dahin noch nicht informiert war, wer seinen Ehrentag gefeiert hat, wusste es spätestens dann. Es wird getuschelt und mit dem Finger auf die Familie gezeigt.

Geschichte, mehrere Verlierer

Doch in dieser Geschichte gibt es mehrere Verlierer. Wer sich nicht über das Verhalten der Geburtstagsgesellschaft empört, schimpft auf die Polizeibeamten aus Ludwigsstadt, die dem Hinweis aus der Bevölkerung nachgegangen sind. Auf unserer Facebook-Seite werden Kommentare wie "Der Polizist sollte sich schämen" hinterlassen und solche, die unsere Redaktion löschen muss, weil sie die Beamten persönlich beleidigen. Andere Internetnutzer sprechen ihre ironischen Glückwünsche aus ("Habt ihr super gemacht", "Eine Katastrophe wurde abgewendet").

Von der DDR 2.0 ist die Rede und von Polizeibeamten, die Wohnungen stürmen, weil jemand eine Gans für sechs Personen gekauft hat. Der aktuelle Lockdown Light verleitet zu wilden Spekulationen, was die Polizei alles darf und was nicht. Wir haben beim Vorsitzenden des Kronacher Anwaltvereins Josef Geiger nachgefragt, was wirklich Sache ist. "Das Ganze wird viel zu hoch aufgehängt", befindet der erfahrene Jurist und versichert, dass Artikel 13 des Grundgesetzes - die Unverletzlichkeit der Wohnung - nach wie vor gilt.

Private Haushalte bleiben demnach vor staatlichen Eingriffen geschützt. "Die Polizei wird nicht einfach an der Wohnungstür klingeln. Sie braucht dafür einen Grund." Jedoch: Genauso wie bei Ruhestörung handelt es sich bei einem möglichen Verstoß gegen die Kontaktbeschränkungen um einen konkreten Anlass. Beides sind Ordnungswidrigkeiten, denen die Beamten nachgehen müssen, wenn der Verdacht besteht. "Die Polizei ist dabei nicht der Böse", gibt Josef Geiger zu bedenken. Allerdings müssten die Maßnahmen der Ordnungshüter verhältnismäßig sein. "Das bedeutet beispielsweise, dass sie die Wohnungstür bei einem Verdacht gegen die aktuellen Kontaktbeschränkungen nicht gewaltsam öffnen dürfen." Bevor jedoch jetzt jemand auf dumme Ideen kommt: Die Tür einfach nicht zu öffnen, ist nicht klug. Die Besucher müssen irgendwann auch wieder gehen. Draußen könnte dann die Polizei warten - und die wäre wahrscheinlich nicht gut gelaunt.

Bei allem Frust über die aktuelle Corona-Situation gibt das Polizeipräsidium Oberfranken zu bedenken: "Wenn der Verdacht auf eine Ordnungswidrigkeit besteht, müssen wir dem nachgehen und Verstöße ahnden. Das ist unsere Aufgabe."

Angst vor willkürlichen Kontrollbesuchen braucht aber niemand haben. "Keiner unserer Beamten wird von Haus zu Haus gehen und überprüfen, ob sich die Bürger an die Kontaktbeschränkungen halten", beteuert auch die Leiterin der Polizeiinspektion in Ludwigsstadt, Antje Düthorn. Nur wenn entsprechende Hinweise aus der Bevölkerung eingehen oder ihren Kollegen auf Streife auffällt, dass sich im privaten oder öffentlichen Raum zu viele Menschen versammeln, werden die Beamten tätig. Einem solchen Hinweis seien die Beamten am Samstag nachgegangen. Jeder wisse Bescheid, wie viele Haushalte sich aktuell treffen können.

Letztendlich gilt: Wer sich an die Kontaktbeschränkungen hält, wird auch nicht zur Kasse gebeten.

Aktuelle Corona-Bußgelder:

Der Bußgeld-Katalog "Corona-Pandemie" des Bayerischen Gesundheitsministeriums vom 2. November sieht für Verstöße folgende Strafen vor:

Aufenthalt im öffentlichen Raum, in privat genutzten Räumen und auf privaten Grundstücken mit Personen, die nicht vom erlaubten Personenkreis umfasst sind: 150 Euro

Angaben falscher Kontaktdaten: 250 Euro

Verstoß gegen die Maskenpflicht: 250 Euro

Durchführen nicht erlaubter Veranstaltungen: 5000 Euro

Teilnahme an der Veranstaltung: 500 Euro