Rómulu macht sich einen Pfannkuchen in der Mikrowelle warm. Er holt Nutella und Cranberry-Sirup aus dem Regal und setzt sich an den Küchentisch. "Hunger hat unser Rómulu immer", neckt ihn Dunja Stöcker-Szepanski und nimmt ihren "Sohn auf Zeit" liebevoll in den Arm. "Ja, Mama", gibt ihr der 19-Jährige recht. Es ist offensichtlich, dass sich die Beiden gut verstehen.
Mitte Oktober vergangenen Jahres erhielt die Familie Stöcker - Dunja und Bernd Stöcker sowie ihre beiden Söhne, Janis und Joshua - Familienzuwachs, einen "dritten Sohn", wie die Gastmama sagt. Als sie Rómulu damals am Flughafen abholten, konnte er kaum Deutsch. "Ich heiße Rómulu" und "Ich habe Hunger": Das waren nahezu seine einzigen Deutschkenntnisse.
Nun - zum Ende seines Gastaufenthalts - spricht er schon beeindruckend gut Deutsch, sogar ein wenig mit fränkischem Einschlag.
Rómulu stammt aus der Nähe von Cusco im Süden von Peru. Cusco ist die Hauptstadt der gleichnamigen Region und Provinz im Zentrum des peruanischen Andenhochlandes. Für rund neun Monate nahm er am internationalen Jugendaustausch des gemeinnützigen Vereins "AFS Interkulturelle Begegnungen" für interkulturelles Lernen teil. Mit dem Gedanken, ein Kind oder einen Jugendlichen in ihrer Familie aufzunehmen, beschäftigte sich Familie Stöcker aus Friesen schon lange. "Wir überlegten, beispielsweise ein Pflegekind aufzunehmen - oder nunmehr auch einen der in den Landkreis gekommenen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge", erzählt Stöcker-Szepanski. Als sie sich deswegen erkundigte, habe sie jedoch zur Auskunft erhalten, dass viele der Flüchtlinge traumatisiert seien. So entschloss sich die Familie, für eine, wie die Gastmama sagt, "überschaubare Zeit" einen Gastschüler aufzunehmen.
"Wir hatten so viel Glück mit ihm. Das ist ein so guter Junge", schwärmt Stöcker-Szepanski, die aus Sachsen-Anhalt stammt, während ihr Mann ein gebürtiger Hesse ist. Online erhielt das seit 15 Jahren in Friesen beheimatete Ehepaar von AFS ("American Field Service") die Profile und Bewerbungen von drei männlichen Jugendlichen - aus Lettland, Litauen und eben Rómulu aus Peru, für den sie sich aus dem "Bauchgefühl" heraus entschieden.


Italien oder Deutschland

Die Organisation AFS arbeitet ehrenamtlich und ist Träger der freien Jugendhilfe. Für die AFS-Gastschüler soll die Zeit in Deutschland kein Urlaub und auch keine Sprachreise sein, sondern eine Kulturerfahrung, die sie gemeinsam mit einer Gastfamilie meistern. Es ist Teil des AFS-Gedankens, dass sich die Gastfamilien ebenfalls ehrenamtlich engagieren und mit der Aufnahme eines Schülers kein Geld verdienen. Rómulus Familie, sein Vater hat eine führende Funktion in einer Bank inne, musste 8000 Dollar beisteuern. Für Familien, die sich das nicht leisten können, sind Stipendien möglich.
"Ich wollte entweder nach Italien oder nach Deutschland", sagt Rómulu, der noch zwei ältere Schwestern hat. An Deutschland interessiere ihn die Geschichte und die Kultur. Die deutsche Sprache sei in seinen Augen recht kompliziert. Die Deutschen habe er als sehr freundliche, hilfsbereite und offene Menschen kennengelernt; keineswegs so reserviert, wie manche vielleicht glaubten. Er mag das viele Grün in den Dörfern und Städten und auch seine Schule hier, die viel moderner und größer als die in seiner Heimat sei.
Mit der Schule meint Rómulu, der sein Abitur schon in der Tasche hat, das Kaspar-Zeuß-Gymnasium (KZG). Hier besuchte er den Unterricht einer 10. Klasse. Eine Schule für ihn zu finden, war nicht einfach. Umso dankbarer zeigt sich die Familie gegenüber dem KZG, diese Herausforderung angenommen zu haben und insbesondere seiner Schulklasse, die ihn von Anfang an voll integriert habe.
Aufgrund seiner geringen Deutschkenntnisse funktionierte in der Schule wie auch in der Familie die Verständigung in der ersten Zeit lediglich auf Englisch. Doch Rómulu lernte schnell - auch mittels Büchern und dem Internet. Bald verständigte man sich mit einer Mischung aus Deutsch und Englisch, ab dem dritten Monat komplett auf Deutsch. Dem Fachunterricht zu folgen, war wie er einräumt, nicht immer einfach. "Aber er hat sich tapfer geschlagen", lobt ihn seine Gastmama. In seiner Klasse hat er auch gute Freunde gefunden, mit ihnen er auch in der Freizeit unterwegs war. Mit ihnen feierte er auch kürzlich seinen 19. Geburtstag bei einer Party in seiner Gastfamilie.


"Unvergessliche Erfahrungen"

"Rómulu ist immer gut drauf. Er hat nie schlechte Laune - im Gegensatz zu meinen beiden eigenen Söhnen. Er hat uns sehr gut getan", freut sich Stöcker-Szepanski. Seine Gasteltern sprach Rómulu mit Mama und Papa an. "Ich wollte ein guter Sohn sein", betont der Peruaner, der natürlich auch bei den Stöckers mithalf; so beispielsweise die Straße fegte, Holz hackte oder im Garten werkelte. Gerne unternahm er auch mit ihnen ausgedehnte Wanderungen. Diese würden ihm ebenso in Erinnerung bleiben wie das Schlittenfahren, Schneeballwerfen und Schneemannbauen im Winter, der seiner Meinung nach "ganz schön kalt" gewesen sei. Geschmeckt habe ihm alles - bis auf Champignons und Rosenkohl.
Der Besuch von Rómulu, der mittlerweile nach 13 Stunden Flug und einer anschließenden 18-stündigen Busfahrt wieder sicher in seiner Heimat angekommen ist, sei für die Familie eine große Bereicherung mit vielen unvergesslichen Erfahrungen gewesen. Man will mithilfe der neuen Medien in Kontakt bleiben.Einen solchen Austausch könnten sie jedem nur empfehlen.