Wäre den Brüdern Grimm auf der Suche nach deutschen Märchen und Sagen häufiger der Luchs begegnet als der Wolf, wahrscheinlich wäre sein Ruf ruiniert. Wird über den Wolf diskutiert, bewegt sich die Diskussion schnell auf einem Spannungsfeld zwischen Jägern, Landwirten, Naturschützern und Politiker. Doch die Wildkatze ist ein unbeschriebenes Blatt, sagt auch Alexander Kelle: "Der Luchs hat ein besseres Image, weil er in Rotkäppchen und der böse Wolf nicht auftaucht."

Der Revierleiter in Rothenkirchen hat im Oktober zusammen mit Forstbetriebsleiter Peter Hagemann und Sybille Wölfl vom "Netzwerk Große Beutegreifer" (NGB) einen Aufsatz veröffentlicht, der 17 Jahre nach der ersten Sichtung klarstellt: "Der Luchs ist zurück im Frankenwald." Dabei fassen die drei Autoren zusammen, wie das Tier einst verschwunden ist und sich nun wieder ansiedelt.

Letzter Luchs 1642 abgeschossen

Der letzte Luchs im Landkreis Kronach taucht in einer Forstrechnung im Staatsarchiv Bamberg auf. Die Jahreszahl 1642 steht für einen Abschuss und das vorläufige blutige Ende der größten Wildkatze Europas im Frankenwald. Erst 2003 gibt es einen Hinweis auf ihre Rückkehr. Ein Jäger bei Steinbach am Wald will das Tier gesehen haben. Allerdings zählt eine Sichtbeobachtung nicht viel, erklärt Alexander Kelle, der als Mitarbeiter des NGB über alle Entwicklungen um Wolf, Luchs und Bär in Bayern informiert ist. Ein hieb- und stichfester Beweis, genannt C1, ist ein Totfund, eine DNA-Probe oder eine eindeutige Aufnahme. Den gab es anfangs nicht.

Erst 2017 ist der Luchs einer Jägerin bei Tschirn vor die Kamera gelaufen. "Das passiert in einem Jägerleben, wenn überhaupt, nur ein einziges Mal", sagt Alexander Kelle. Der endgültige Beweis folgte im Herbst 2017 und wird mittlerweile sogar als seltenes Anschauungsobjekt beim Landesamt für Umwelt (LfU) in Hof gehandelt. Speichel an einem toten Reh lieferte den DNA-Beweis auf den die Experten gewartet haben. Ein männlicher Luchs, Jägersprache: Kuder, hat sich aus dem Harz angesiedelt - und blieb nicht lange allein.

Bereits im Herbst 2018 "tappte ein geflecktes Exemplar zweimal in die Fotofalle", heißt es in Kelles Ausarbeitung. Ein guter Schnappschuss reicht oft aus, um das Tier genauer zu bestimmen: "Die Fellfärbung ist individuell wie ein Fingerabdruck", erklärt er. Ein Luchs aus dem Harz ist braunmeliert, einer aus dem Bayerischen Wald schwarz gepunktet. So ließ sich der zweite Luchs genau bestimmen: Bayerischer Wald , männlich, registriert als B55, Spitzname: Bartl. Seitdem streifen der Bartl und sein namenloser Artverwandter durch den Frankenwald. Der eine eher im Norden, in Franken und Thüringen, der Bartl oft zwischen Ködeltalsperre , Wallenfels und Presseck. Biologisch vereinsamt. Denn nach einer Kätzin suchen sie im Frankenwald noch vergebens. "Die Hoffnung auf Nachwuchs ist unwahrscheinlich."

Was bedeutet die Wiederansiedlung für Mensch und Wild? In der Fabel gilt der Luchs als klug und vorsichtig. So verhält er sich auch in der Realität gegenüber dem Menschen, erklärt Alexander Kelle: Er geht ihm strikt aus dem Weg. Berichte, dass ein Luchs Menschen attackiert hat, sind selbst aus alten Zeiten nicht bekannt.Auch beim Wild müsse man relativieren, sagt der Revierleiter. "Bei Autounfällen sterben jedes Jahr 500 bis 600 Rehe im Landkreis." Ein Luchs benötigt auf einer Fläche von 10 000 bis 30 000 Hektar gerade einmal 50 bis 60 Rehe im Jahr, um zu überleben. Der Frankenwald füllt eine Fläche von 102 250 Hektar.

Weitere Risse stammen vom Haushund

Sogar der Speichelfund an dem gerissenen Reh hat sich später als das Werk eines Nutznießers erwiesen. "Das Reh war krank oder verletzt", habe das LfU herausgefunden. Wahrscheinlich war ein Fuchs schneller und der Luchs hat den noch frischen Leichnam gefunden und davon gefressen. Alle anderen Risse,die im Landkreis Kronach aufgetaucht sind, stammten weder vom Luchs noch vom Wolf, sondern in der Regel vom Haushund, haben DNA-Proben ergeben, die der Revierleiter im Zweifelsfall im Labor analysieren lässt.

Allein wegen des weitläufigen Reviers bietet der Frankenwald landkreisübergreifend Platz für zwei Luchse , schätzt Alexander Kelle. Doch vielleicht wird es bald enger für den Bartl und den Harzer Luchs. Im Mai 2020 "filmte ein Jagdgast mit der Handykamera einen schlanken, ebenfalls braunrückigen Luchs im Staatswald des Forstbetriebs Nordhalben". Doch eindeutige Beweise fehlen bislang.

Und der Wolf? Ein Exemplar hat im Juli 2020 sein Geschäft im Landkreis Kronach verrichtet. Die DNA-Probe der Losung lieferte ein eindeutiges Ergebnis: Eine Wölfin aus dem Brandenburger Rudel Lieberose war im Frankenwald unterwegs. Ihr Ausflug nahm allerdings kein gutes Ende. Die Leiche der Wölfin wurde nur eineinhalb Monate später, am 31. August, im Landkreis Hof gefunden. Die Todesursache konnte nicht geklärt werden, teilt eine Sprecherin des LfU mit. Auch Alexander Kelle ist sich sicher, dass der Wolf noch nicht heimisch im Frankenwald ist. Aber: "Es ist eine Frage der Zeit", sagt er.