Fast ein Jahr ist vergangen, seitdem ich meine Oma das letzte Mal in ihrem Zimmer im Pflegeheim "Leben am Rosenberg" in Kronach besuchen durfte - fast ein Jahr lang kein Spaziergang in der Sonne, kein Ausflug in die Cafeteria des Krankenhauses, kein Besuch von den Urenkeln, keine Umarmung.

Es wären die ersten Weihnachtsfeiertage, an denen Katharina Trapper ihre Oma nicht wenigstens einmal persönlich sehen würde, um ihr ein Päckchen zu überreichen und ihr frohe Weihnachten zu wünschen. Und für meine Oma wäre es nach 93 Jahren das erste Weihnachten ohne einen einzigen Familienangehörigen zu sehen.

Ein sehr trauriger Gedanke, den sicher viele heuer mit mir teilen, deren Angehörige in dieser Zeit in Pflegeheimen oder Krankenhäusern sind.Nachdem wir letztes Jahr in der Weihnachtszeit im Aufenthaltsraum der Einrichtung in gemütlicher Runde zum Singen, begleitet auf meinem Akkordeon, zusammengekommen waren und das auch für mich eine zutiefst bereichernde Erfahrung war, kam mir der Einfall, ich könnte von draußen meiner Oma einen musikalischen Weihnachtsgruß durchs geöffnete Fenster schicken.

Positive Resonanz

Diesen Vorschlag brachte ich zunächst bei der Pflegeheim- und Klinikleitung vor. Ich freute mich riesig, als mich die Referentin der Geschäftsleitung zurückrief und mir sogar für drinnen "grünes Licht" gab. Ich dürfe im Flur vor dem Gemeinschaftsraum der Pflegeeinrichtung spielen, meine Oma und andere Bewohner könnten hinter geöffneten Türen zuhören und mitsingen.

Mit Akkordeon, vor allem traditionellen Weihnachtsliedern und Textblättern im Gepäck (und nach einem negativen Schnelltest zuhause) machte ich mich am zweiten Weihnachtsfeiertag auf den Weg.

Die anfängliche Verwirrung meiner Oma legte sich mit der Zeit. Sie stimmte ab und zu mit ein, andere Bewohner lauschten nur gedankenverloren, wieder andere sangen lautstark mit. Musik verbindet, Musik rührt die Seele an, mit den Melodien kommt die Erinnerung an die Liedtexte auch bei dementen Menschen häufig zurück. So verging eine gute Stunde wie im Flug und auf den meisten Gesichtern war ein Lächeln oder zumindest Zufriedenheit zu erkennen.

Als nach meinem letzten Lied "Stille Nacht, heilige Nacht" ein älterer Herr mit seinem Rollator aufstand und sich im Namen aller mit gerührter Stimme ganz herzlich bedankte, standen auch mir die Tränen in den Augen. "Wer weiß, ob wir nächstes Weihnachten erleben....", hat er gesagt.

Nachdem ich meiner Oma doch persönlich ihr Weihnachtsgeschenk übergeben durfte, und sie mich mit einem Lächeln verabschiedete, kam mir auf dem Weg zum Auto ein Poesie-Albumvers in den Sinn " ... denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück!" Gerade zu Weihnachten und gerade in diesen Zeiten ist eine solche Freude das größte Geschenk.red