Wir leben momentan in einer noch nie dagewesenen Ausnahmesituation. Maßnahmen und Beschränkungen zur Bekämpfung des Coronavirus, die vor einigen Wochen noch niemand für möglich gehalten hätte, bestimmen nun das Leben der Menschen in Deutschland, Europa und auf dem ganzen Erdball. Fernsehen, Rundfunk und Zeitung informieren täglich über die deutsche Lage sowie über aktuelle Entwicklungen auf der Welt.

Jérôme Kerriel erfährt diese nicht nur vom neutralen Moderator der Tagesschau, sondern ganz persönlich von seiner Familie vor Ort in Frankreich. Der 44-Jährige ist gebürtiger Franzose und kam durch die Städtepartnerschaft zwischen Kronach und Hennebont nach Deutschland. Mittlerweile ist Kronach seit über 20 Jahren seine neue Heimat. Zu seiner in der Bretagne lebenden Familie hält er engen Kontakt, vor allem in diesen unsicheren Zeiten. "Das sind nicht immer ewige Gespräche. Aber es ist wichtig, zu hören, dass alles noch im grünen Bereich ist", erzählt Kerriel. "Wenn ich anrufe, werde ich jedes Mal wieder beruhigt." Auch mit vielen engen Freunden aus seiner Kindheit hat der gebürtige Franzose noch Kontakt. Bisher ist noch niemand seiner Verwandten und Bekannten mit dem Virus infiziert.

Mit Vernunft und Vorsicht

Kerriel selbst bewahrt in diesen Zeiten einen kühlen Kopf. "Ich bin vorsichtig, aber habe keine Paranoia." Er informiere sich nur aus zuverlässigen Quellen und lasse sich nicht verrückt machen. "Bei der Menge an Infos kann man leicht den Fokus verlieren", findet der Kronacher. Seinen zwei Kindern versuche er in aller Ruhe beizubringen, was das Virus bedeutet und auf was sie achten müssen. "Wir gehen vernünftig damit um", betont Kerriel. Grund zu Panik und Hamsterkäufen sieht er nicht.

Wie viele andere Beschäftigte arbeitet Kerriel zurzeit im Home-Office. Als Global Key-Account-Manager sei er mit dem nötigen Equipment ausgestattet. "Für mich ist es keine große Umstellung."

Da die Schulen vorerst geschlossen bleiben, ist das Homeoffice eine große Erleichterung. Seine Töchter sind abwechselnd eine Woche bei ihm und eine Woche bei der Mutter. "Es ist nicht immer leicht", beschreibt Kerriel den momentanen Alltag. Wichtig sei es, hin und wieder Abwechslung in den Tagesablauf zu bringen. Zum Beispiel durch Spaziergänge an der frischen Luft, bei denen sich die Kinder für eine kurze Zeit austoben können.

Umgang mit der Krise

Seit Anfang dieser Woche gelten in Frankreich strengere Ausgangsbeschränkungen. Unter anderem wurde die körperliche Betätigung strikt begrenzt: Joggen und Spazierengehen ist nur noch im Umkreis von einem Kilometer um den Wohnort erlaubt und maximal eine Stunde am Tag. "Im Allgemeinen kann man sagen, dass die Situation analog zu der in Deutschland ist."

"Die Geschwindigkeit der Ausbreitung und die Zahl der Infizierten ist sehr vergleichbar, nur die Umsetzung ist leicht anders", findet Kerriel und erwähnt dabei die sogenannten Passierscheine. Im Gegensatz zu den Deutschen müssen die Franzosen bei jedem Gang aus dem Haus ein Formular dabeihaben, das den Grund für das Verlassen der eigenen vier Wände bescheinigt. Die Passierscheine müssen Frankreichs Bürger eigenständig ausdrucken und ausfüllen.

Für Kerriel ähneln sich nicht nur die aktuellen Entwicklungen, auch die Stimmung der Menschen in Deutschland sei mit der im Nachbarland vergleichbar - "obwohl wir Franzosen grundsätzlich anders ticken". Aber weil das Virus so überraschend kam und niemand genau wusste, mit was man es zu tun hat, ist die Gefühlslage Kerriels Meinung nach ähnlich. In Frankreich habe es ebenfalls Hamsterkäufe gegeben. Diese seien mittlerweile wieder geringer geworden, genauso wie in Deutschland. Bei seinem letzten Besuch im Supermarkt sah der 44-Jährige wieder besser bestückte Nudel- und Klopapierregale, erzählt er grinsend.

Positive Einstellung

Normalerweise macht Kerriel mit seinen Kindern zweimal im Jahr Urlaub in der Bretagne - zu Weihnachten und im Sommer. "Ich würde nicht sagen, dass mein Herz noch in Frankreich schlägt, aber die Affinität ist natürlich da. Ich habe noch immer eine starke Bindung zu meinem Heimatland", macht der Kronacher deutlich.

Da sein letzter Besuch bei der Familie noch nicht so lange zurückliegt, hat sich Kerriel noch keine Gedanken darüber gemacht, ob die Reise im Sommer stattfinden kann. "Aufgrund der Erfahrungen mit den anderen Coronaviren in den letzten 20 Jahren hoffe ich, dass das Virus so schnell geht, wie es gekommen ist", sagt er zuversichtlich. Bis es eine Lösung, einen Impfstoff oder ein Abklingen der Krise gibt, behält der gebürtige Franzose Jérôme Kerriel einen klaren Kopf und blickt positiv in die Zukunft.

Hilfe für Senioren in Kiskunhalas, ausbleibende Touristen in Rhodt

In Kiskunhalas, Kronachs Partnerstadt im Süden Ungarns, ist die Lage ähnlich wie in Deutschland. "Das Sportzentrum, die Stadtbibliothek, das Thermalbad sowie das historische Thorma-János-Museum und das Spitzenhaus sind momentan geschlossen", berichtet Bürgermeister Róbert Fülöp. Im Kulturzentrum finden Blutspendeaktionen statt.

Das Rathaus und das städtische Medienzentrum sowie die Stadtwerke und die Fernwärmeversorgung sind für die Bürger nur noch telefonisch oder per Mail zu erreichen. "Die Wohnversammlungen in unseren Hochhäusern musste ich absagen", räumt Fülöp ein. Der Unterricht an Kiskunhalas Schulen findet derzeit ausschließlich digital statt, jeder lernt von zuhause aus. "Unsere Kindergärten und unser ganztägiges Kinderpflegeheim arbeiten mit Einschränkungen - nur die Kinder, bei denen beide Elternteile in den Bereichen Strafverfolgung, Gesundheits - oder Sozialwesen tätig sind, werden betreut", erklärt Fülöp. Die Kinder dürfen nur gebracht werden, wenn sie sich zuvor nicht in einem Risikogebiet aufgehalten haben oder Kontakt zu einer infizierten Person hatten. Derzeit werden 20 Kinder von den Einrichtungen versorgt.

In Kiskunhalas wird jeden Tag mit zehn Kleinbussen Mittagessen ausgeliefert. "Kindergärten, dem Babypflegeheim, der Schule und den Schülern wird das Essen von 50 Mitarbeitern und Freiwilligen gebracht. Benachteiligte Menschen erhalten ihre Portion kostenlos", beschreibt Fülöp die Maßnahme.

Den Bewohnern Kiskunhalas, die älter als 70 Jahre sind, wird empfohlen, zu Hause zu bleiben. "Wir können die Menschen nicht dazu verpflichten, aber wir bringen ihnen Einkäufe, Arzneimittel und das Mittagessen nach Hause." Dass alle Einwohner informiert sind, wurde unter eine große Kampagne mit Fernsehen, Radio und Plakaten gestartet.

Das Krankenhaus in Kronachs ungarischer Partnerstadt behandelt ansteckende Patienten bereits seit Jahrzehnten in einem separaten Gebäude, die Anzahl der Betten wird nun auf 80 erhöht. "Außerdem wurde am Rande der Stadt mit dem Bau eines mobilen Krankenhauses begonnen, in dem 150 Patienten Platz hätten. Beatmungsgeräte wurden bereits installiert." In Kiskunhalas werden derzeit 16 000 Masken hergestellt, die für die Familien kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Seit dem Nationalfeiertag am 15. März hängen die National- und Stadtflaggen als Symbol für die Zusammengehörigkeit.

Touristen bleiben aus

In Kronachs Deutscher Partnerstadt Rhodt unter Rietburg stehen derzeit alle 550 Gästebetten leer. "Der Tourismus und die Gastronomie kommen komplett zu erliegen", bedauert Katrin Schilling, Beigeordnete der Ortsgemeinde Rhodt unter Rietburg. Normalerweise herrscht in der Ortsgemeinde, die 1100 Einwohner zählt, um diese Jahreszeit Trubel. "Mit dem Beginn der Mandelblüte im März geht die Saison normalerweise los", berichtet Schilling. Diese sei bei einem Spaziergang in Richtung der Rietburg oder zur Villa Ludwigshöhe gut zu beobachten. "Pro Jahr haben wir im Durchschnitt um die 20 000 Übernachtungen, wir werden definitiv mit Einbußen rechnen müssen." In Rhodt unter Rietburg gibt es außerdem 15 Winzer, auf die sich das Wegbleiben der Touristen ebenfalls auswirkt. Sie versuchen, ihre Ware online zu verkaufen. cd