Der Saal ist festlich geschmückt. Rund 200 Gäste geben sich ein Stelldichein. Wolfgang Beiergrößlein und seine ehemaligen Stadtratskollegen kommen aus dem Händeschütteln gar nicht mehr heraus. So hätte sie aussehen können, ja sollen, die Zeremonie zur Verabschiedung langjähriger Ratsmitglieder und zur Ehrung des ehemaligen Bürgermeisters. Doch dann kam Corona. Es folgte eine mehrmonatige Verschiebung. Am vergangenen Freitag kam dann ein viel kleinerer Rahmen im Zeughaus auf der Festung heraus. Aber auch ohne die ganz große Bühne wurde der Festakt feierlich, hoffnungsvoll und vielleicht sogar ein bisschen sentimentaler als vor großem Publikum. Bürgermeisterin Angela Hofmann (CSU) sah sich einem "erlesenen Kreis" gegenüber, als sie die Veranstaltung eröffnete. Etwa ein Dutzend Personen waren gekommen, um sieben scheidenden Ratsmitgliedern Dank zu sagen.

"Wir alle kennen Kronach so gut wie niemand anderes", versicherte die Bürgermeisterin. "Die Stadt hat ein riesiges Potenzial. Das macht es so spannend, in der Stadtpolitik mitzuwirken." Die zu Ehrenden hätten hierfür viel Zeit investiert. Sie hätten unzählige Sitzungen besucht und Ordner gewälzt, um nach bestem Gewissen gute Entscheidungen für die Zukunft Kronachs und seiner Bürger zu treffen. "Information, Diskussion, Abwägen, Entscheiden, Umsetzen - all das gehört zur Demokratie. Und Demokratie ist für uns systemrelevant!", betonte Hofmann.

"Wir sind alle nur wegen Dir hier", sangen Alexandra Förtsch und Ute Fischer-Petersohn als "Duo Flair" für Wolfgang Beiergrößlein. Dem pflichtete im Kern auch die Bürgermeisterin mit einem Augenzwinkern für ihren Vorgänger bei - wobei die sechs weiteren zu verabschiedenden Räte natürlich nicht unbeachtet blieben. Doch Wolfgang Beiergrößlein (FW) war an diesem Abend ganz klar der Protagonist, ging es bei ihm nach zwölf Jahren als Stadtoberhaupt doch nicht nur um eine Verabschiedung, sondern auch um eine ganz besondere Auszeichnung. Er wurde zum Altbürgermeister ernannt.

Hofmann stellte die gute Zusammenarbeit zwischen altem und neuem Stadtoberhaupt heraus: "Wir konnten uns immer aufeinander verlassen." Beiergrößlein habe stets den richtigen Ton getroffen, er sei kompromissbereit gewesen und habe alle mit auf den Weg genommen. Seine offene Art habe für ein gutes Klima im Gremium gesorgt. Er habe schwierige Projekte nicht auf die lange Bank geschoben, sondern sie angepackt.

Machbare Lösungen suchen

Als Beispiele für Beiergrößleins Leistungen als Stadtrat und schließlich als Bürgermeister nannte sie die Sanierung des Haushalts, die Sanierung der Säureharzdeponie, den Bau des Feuerwehrhauses, die Neuausrichtung des Festspielbetriebs, die Chance auf einen Neuanfang für Loewe und die Investitionen in Schulen und Kindergärten. 20 Millionen Euro Fördergelder habe Beiergrößlein nach Kronach gelotst. Trotz des engen finanziellen Spielraums seien mehr als 60 Millionen Euro in die Stadt investiert worden.

Mehr als einmal musste sich der bis 2020 amtierende Bürgermeister eine Träne verdrücken, als er auf der Bühne stand und in die Augen seiner Wegbegleiter sah. Die Kunst des politischen Handelns liege darin, nicht nur zu wissen, was man wolle. Sie liege auch darin, machbare Lösungen für Probleme aufzuzeigen und umzusetzen, beschrieb Beiergrößlein seine sich selbst gesetzte Marschroute. Schon der Start in seine erste Amtszeit im Jahr 2008 sei für ihn und auch die Ratsmitglieder von dieser Maßgabe geprägt gewesen. Die Haushaltslage habe das Sparen und Konsolidieren vorgegeben. Gemeinsam habe das Gremium Kurs gehalten.

"Über die heutige Auszeichnung freue ich mich außerordentlich. Ich werde diesen Ehrentitel mit Stolz, aber vor allem mit Bescheidenheit und Demut tragen", versicherte er bei der Verleihung der Urkunde. Bürgermeister zu sein, sei ja keine One-Man-Show gewesen. Viele hätten ihn auf dieser Reise unterstützt. Mit ihnen möchte er den Stolz auf die positive Entwicklung Kronachs teilen.

Das Amt gelebt

"Wolfgang hat das Bürgermeisteramt wirklich gelebt", versicherte Tino Vetter für die FW-Fraktion. Ralf Völkl (SPD) dankte für das gute Miteinander. 90 Prozent der Zeit verbrächten Parteien damit, Gegensätze herauszuarbeiten, "dabei arbeiten wir am Ende doch alle zusammen für die Stadt Kronach". Um das zu unterstreichen, brauche es solche Veranstaltungen.

Martina Zwosta (FL) dankte allen scheidenden Räten für die meistens gezeigte Fairness und den gegenseitigen Respekt. Heinz Hausmann (CSU) rief für die Zukunft zu einem politischen Wettbewerb der Ideen auf. "Und dann kommen wir mit einem guten Miteinander vorwärts. Packen wir's an!"

Die weiteren Verabschiedeten

Aus der Stadtratsarbeit wurden neben Wolfgang Beiergrößlein verabschiedet: Johannes Zwingmann: Er war seit 2019 als Ortssprecher für Gundelsdorf tätig. Jens Schick: Der FW-Rat gehörte dem Gremium seit 2015 an. Angela Degen-Madaus: Die FL-Rätin war seit 2014 im Stadtrat vertreten. Barbara Bayer: Sie gehörte dem Rat für die FW seit 2008 an. Edgar Dunst: Er war für die SPD mit kurzer Unterbrechung seit 1990 insgesamt 27 Jahre Ratsmitglied. Wolfgang Hümmer: Der CSU-Politiker blickt auf 36 Jahre Stadtratsarbeit (seit 1984) und die Zusammenarbeit mit drei Bürgermeistern zurück.

Kommentar von Marco Meißner

Weltspartag - der perfekte Termin

Wolfgang Beiergrößleins Arbeit als Bürgermeister von Kronach war geprägt davon, die Kreisstadt finanziell in der Spur zu halten. Mit hohen Schulden gestartet, blieb kaum Spielraum für spektakuläre Investitionen. Selbst das Notwendige erschien in mancher Stadtratssitzung zum kaum Realisierbaren zu werden. Nicht umsonst zeigte der ehemalige Bürgermeister bei seiner Auszeichnung Selbstironie als er sagte: "Der Tag der Verabschiedung heute - der 30. Oktober - steht im Kalender als ,Weltspartag‘. Passend gewählt, muss ich feststellen." Beiergrößlein ist sich seines Images als Konsolidierer durchaus bewusst - und sieht darin auch keine Beleidigung, sondern vielmehr eine Bestätigung.

Bei allen Sparvorwürfen, denen er sich in der Vergangenheit ausgesetzt sah, darf nicht vergessen werden, dass eine Vielzahl dieser Entscheidungen mit breiter Mehrheit oder gar einstimmig vom Gremium mitgetragen wurden. Das waren keine Alleingänge. Und investiert wurde trotzdem noch im hohen zweistelligen Millionenbereich. Ob jede Sparmaßnahme oder umstrittene Entscheidungen wie der KWG-Verkauf richtig waren, wird erst die Zeit zeigen. Dass Ausgaben manchmal mit angezogener Handbremse angegangen wurden, könnte sich im Nachhinein aber noch als Segen erweisen. Denn wie intensiv nach Corona noch Fördergelder nach Kronach fließen werden, bleibt abzuwarten.