Die Blicke werden langsam müde, die Beine sind schon schwer. Seit 17 Stunden sind die drei jungen Kerle aus dem Kreis Kronach auf Achse. 500 Kilometer hinter dem Steuer. Dann stundenlang in vier Hallen unterwegs. Shoppen auf einer Fläche von fast sieben Fußballfeldern. Nun geht es gleich nach Hause, nochmal 500 Kilometer weit. Und wofür das alles? Für einen Kofferraum voller Brett- und Kartenspiele.

Der Kronacher Maximilian Heinkele (24) nimmt die Tortur zur weltgrößten Verbrauchermesse für das "analoge" Spielen schon zum dritten Mal auf sich. Der Wallenfelser Sven Hafke (25) ist zum zweiten Mal bei der "Spiel" in Essen dabei. Für Benedict Ramser (24) ist es das Debüt. Die drei sind weder Nerds noch Hinterwäldler, die PC, Handy oder Spielekonsole abgeschworen haben. Aber sie sitzen gerne auch mal mit Familie und Freunden am Tisch und spielen Auge in Auge. Darum ist die Messe im Pott für sie ein Höhepunkt.

Vor rund 20 Jahren gab es in der Kronacher Innenstadt noch zwei Spielwaren-Fachgeschäfte. Heute herrscht dort - abgesehen von der Spielwarenabteilung der Weka - gähnende Leere. Um an Spiele abseits des Massenmarkts oder um an Produkte von Kleinverlagen zu kommen, bleibt damit fast nur noch der Klick auf die Seiten der Internet-Händler - und im Oktober die Fahrt ins Ruhrgebiet. "Manche Sachen kriegst Du sonst gar nicht", stellt Sven Hafke fest. Viele Kleinstverlage und Miniauflagen sucht er andernorts vergebens - teilweise sogar im Netz. Und Maximilian Heinkele sind auch die günstigen Preise zwölf Stunden Autofahrt wert.

Gemeinsam schlendern sie mit Benedict Ramser durch die Messehallen. Der Tettauer gesteht nach dem ersten Ansturm Tausender Spiele-Fans an den Ständen und Spieltischen, dass er diese Eindrücke erst einmal sacken lassen muss: "Das erschlägt einen im ersten Moment. Man weiß gar nicht, wohin man zuerst gucken soll." Ein Eindruck, den Maximilian Heinkele nachvollziehen kann. "Beim ersten Mal habe ich gar nicht viel gekauft, weil ich mit dieser Dimension nicht gerechnet hatte." So klinkt sich Benedict Ramser bei seinen beiden Kumpels ein, die das Ganze schon mitgemacht haben.

Hier spitzen sie einigen Spielern beim Testen einer Neuheit über die Schulter, dort sehen sie den renommierten Autor Uwe Rosenberg beim Signieren seiner Neuheit "Arler Erde", und eine Halle weiter probieren sie selbst ein Kartenspiel aus, das ihnen in aller Ruhe von Verlagsmitarbeitern erklärt wird. Natürlich wird auch eingekauft. "Zum Teil spart man ein Viertel vom Preis", berichtet Sven Hafke. Und wenn es dann noch limitierte Bonuskarten oder andere Gimmicks obendrauf gibt, ist das für ihn schon ein Argument, die weite Anfahrt in Kauf zu nehmen.

Interessante Charaktere

Aber es ist nicht der einzige Grund. "Es ist auch das Feeling der Messe. Die Leute sind das Interessanteste hier. Da sind schon spannende Charaktere dabei", erklärt er mit einem breiten Grinsen, dass das Spielen in Essen in all seinen Facetten zelebriert wird - und das von Besuchern aus aller Welt. Mit fast 160 000 Gästen an vier Tagen hatte die Messeleitung im Vorfeld gerechnet. Eine Kalkulation, die sich erfüllt haben dürfte.

Ein Bierbrauspiel eines unbekannten Verlags weckt plötzlich die Aufmerksamkeit von Maximilian Heinkele. "So etwas ist für mich schon eine interessante Sache, weil das Spiel überhaupt nicht bekannt ist." Aber auch auf seine große "Legenden von Andor"-Erweiterung ist er stolz. "Das rückt das Hauptspiel wieder in den Fokus", freut er sich schon auf frischen Wind für die Runden mit seinen Freunden beim "Kennerspiel des Jahres 2013". Und die ersten Treffen wird es geben, noch ehe die Erweiterung offiziell in den Handel kommt. Die Veröffentlichung außerhalb der Messe erfolgt bei vielen der gezeigten Spiele nämlich erst Tage oder sogar Wochen später.

Guter Griff

Für Sven Hafke ist "Munchkin Legenden" ein guter Griff. Benedict Ramser hingegen ärgert sich ein wenig, dass sein Wunschspiel nur in Englisch am Stand zu finden ist. "Der Lastwagen mit der deutschen Edition ist stecken geblieben", bedauert eine Verkäuferin am Stand, dass es "Die Schlacht der fünf Heere" zur Hobbit-Verfilmung nicht mehr rechtzeitig nach Essen geschafft hat. Aber auch bei einem so lange geplanten Großereignis steckt eben manchmal der Teufel im Detail. Trotzdem ist seine erste "Spiel" auch für ihn am Ende eine rundum gelungene Sache.

Nach sieben Stunden ständig auf den Beinen, bringen die drei ihre "Beute" zum Wagen. Die Messe hat zwar noch eine Stunde lang geöffnet, aber für die drei Kronacher ist es jetzt genug. "Die Luft, die Leute, so schön es hier ist, jetzt hat's gereicht", sagt Maximilian Heinkele sichtlich ermüdet. Aber für ihn ist auch klar, dass er nicht zum letzten Mal in Essen gewesen ist. Denn jedes Mal, wenn er heimfährt, ist ihm klar: "Man sieht, dass das Spielen kein totes Hobby ist. Hierher kommen Massen. Die Leute wollen wieder spielen - und das ist cool!"