Es dauert einen Moment, bis Michael Kestel versteht, was er da sieht. Beziehungsweise nicht sieht. Zwei Wochen zuvor hat der Vorsitzende des Mühlenvereins Rodachtal noch eine Führung an der Teichmühle in Steinwiesen gegeben. Doch am vergangenen Samstag ist irgendetwas anders. Und wie der 77-Jährige auf das Wasser der Rodach blickt, das ungehemmt unter der Brücke hindurch fließt, dämmert es ihm: Das Wehr, das bis vor Kurzem noch das Wasser gestaut und in den parallel verlaufenden Mühlgraben umgeleitet hat, ist weg.

Ein einsames Brett, Nägel und zwei Pfähle zeugen noch von dem Holzbau, der bis hoch zur Brücke gereicht hat. Weil das Wasser im Mühlgraben nun steht, müssen die Mitglieder des Vereins ihre Holzstämme händisch durch den Kanal ziehen. "Es ist für uns unglaublich ärgerlich", schildert Michael Kestel. Gemeinsam mit den Mitglieder stand der 77-Jährige im vergangenen April noch in der Rodach und hat das Holzwehr gesetzt. Damit es die ganze Saison hält, hat Michael Kestel mehr Holzbretter als üblich mit Nägeln fixiert und ist dafür von anderen Mitgliedern belächelt worden. Ein Nagelwehr sei es jetzt. Doch auch die Nägel konnten nicht verhindern, dass Unbekannte die Stauanlage heimlich abgebaut haben.

Der finanzielle Schaden - das Holz hatte etwa einen Wert von 300 Euro - ist die eine Sache, die zusätzliche Arbeit an nasskalten Novembertagen die andere: "Die Leute, die jetzt noch Holz schneiden wollen, müssen sich ordentlich plagen, die Stämme durch den Mühlgraben zu ziehen und das Holz wird durch den Schlick, der sich im Graben ansammelt, auch nicht richtig sauber." Der Förderverein hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Doch Hoffnung, dass die Wehrdiebe ermittelt werden, haben sie keine. "Bislang gibt es keine neuen Erkenntnisse", berichtet Gerhard Anders von der Kronacher Polizei auf Anfrage unserer Zeitung.

Michael Kestel hat einen Verdacht, wer sich auf dem Grundstück des Vereins zu schaffen gemacht hat. Um die schweren Pfähle und Bretter über das unwegsame Gelände abzutransportieren, erklärt der Marktrodacher, bedarf es eines Traktors und eines Anhängers. "Es muss jemand gewesen sein, der die Möglichkeit hatte, das notwendige Fachwissen und ein Motiv." Und da blieben nicht viele.

Die Saison ist fast zu Ende. Nur noch in den Novemberwochen werden in der Mühle die 200-Kilo-Stämme - hauptsächlich Fichten - gesägt. Im nächsten Jahr hätten die Mitglieder ohnehin ein neues Wehr gesetzt. Die Stauanlage muss Jahr für Jahr im April erneuert werden.

Was haben die Täter also davon, das Wehr jetzt noch abzubauen? "Ich glaube, da wollte uns jemand einfach eins auswischen", vermutet der Vorsitzende, der früher als Kreisbaumeister im Landratsamt gearbeitet hat. Bereits in den 80ern hat es Differenzen zwischen den Grundstückseigentümern entlang der Rodach gegeben. Häufig ging es darum, wie hoch das Wasser gestaut werden darf.

Böse Überraschungen

Damals hat Michael Kestel mit den Parteien vereinbart, dass kein Grundstückseigentümer etwas an den Anlagen der anderen zu suchen hat. Wie hoch das Wasser gestaut werden darf, regelt ein sogenannter Eichpfahl: ein im Mühlbach eingeschlagener Pfahl, mit dem sich die genehmigte Stauhöhe kontrollieren lässt. Einen Kubikmeter Wasser darf der Verein pro Sekunde aus der Rodach in den Mühlgraben umleiten.

Trotzdem kommt es an der Teichmühle zu Übergriffen. Beim Mühlenfest im vergangenen Jahr standen Flöße für ein gutes Dutzend Kinder bereit. Was jedoch plötzlich gefehlt hat, war das Wasser. Jemand hatte flussaufwärts einen Ablauf geöffnet, sodass nur noch wenig Schwallwasser im Mühlgraben angekommen ist. Für die Kinder war das sehr schade, erinnert sich Michael Kestel.

Auch wenn das Mühlrad langsamer mahlt, dreht es sich doch stetig. Im nächsten Frühjahr baut der Mühlenverein das Wehr wieder auf. So wie er es jedes Jahr tut.

Infos zum Mühlenverein Rodachtal und den Mühlen im Frankenwald:

Die Schneidmühlen haben im Frankenwald eine lange Tradition. Etwa um 1100 wurde der Nordwald besiedelt. Kurz darauf, im Jahr 1122, wurde die erste Mühle in einer bischöflichen Urkunde erwähnt.

"Die Böden hier waren nicht sehr ertragreich", erklärt der Vorsitzende des Mühlenvereins Rodachtal, Michael Kestel. Die Holzwirtschaft war eine Möglichkeit, sich über Wasser zu halten. Holz wurde zur Währung.

In den Schneidmühlen wurde die Stämme verarbeitet, die über die Flüsse transportiert wurden. "Man hat sich die Wasserkraft zunutze gemacht", erläutert Michael Kestel. "Damit sind unsere Mühlen die ersten Industriedenkmäler im Frankenwald." 1507 gibt es in Steinwiesen sieben Schneidmühlen, darunter auch die Teichmühle unter ihrem damaligen Namen: Mühle "bey dem Hader gelegen".

Zu Hochzeiten arbeiten im Frankenwald 154 Schneidmühlen. Doch die Mühlen bekommen 1868 mit den effektiver arbeitenden Dampfsägen Konkurrenz. Das Mühlensterben beginnt. Wie die meisten, wurde auch die Teichmühle von einer Interessengemeinschaft betrieben. Nach einem Brand wurde die Teichmühle 1922 mit der angrenzenden Wohnstube neu gebaut.

Der "Förderverein zur Erhaltung der Schneidmühlen im Rodachtal" hat sich 1987 gegründet und veranstaltet seitdem regelmäßig Führungen für Gruppen und Schulklassen. Nachdem es den Eigentümern nicht gelungen war, einen geeigneten Pächter zu finden und der Schneidbetrieb mehr als zwei Jahre stillstand, hat der Förderverein 2003 auch den Schneidbetrieb übernommen und sich in "Mühlenverein Rodachtal" umbenannt.

Damit halten die rund 50 Mitglieder des Vereins die Tradition am Leben. Von April bis Oktober wird in der Teichmühle ein bis zwei Tage pro Woche Holz gesägt.