Vielleicht war es die Angst vor einer Küchenpredigt, die die Kronacher Männer fern hielt. Die Frauen waren jedenfalls in überwältigender Mehrheit vertreten am Montagabend in der Christkuskirche. Selbst Schuld - denn wer zu Hause geblieben war, dem entging eine packende Auseinandersetzung mit Martin Luther als gelehrten und verehrten Theologen, hadernden Gläubigen und irdischem Ehemann. Aus der Perspektive seiner Frau, der ehemaligen Nonne Katharina von Bora, mit Worten, die ihr Christine Brückner im Buch "Wenn Du geredet hättest, Desdemona - ungehaltene Reden ungehaltener Frauen" in den Mund gelegt hatte.

Die Berliner Schauspielerin Elisabeth Haug füllte Brückners fiktiven Monolog mit Leben und präsentierte "ihre" Katharina in allen Facetten: tüchtig, klug, anpackend, lebensnah aber auch belesen, grüblerisch und kritisch, dabei immer loyal an der Seite ihres berühmten Mannes. Dank des authentischen Spiels von Elisabeth Haug war es leicht, sich in die Zeit vor 500 Jahren zurückzuversetzen in den Speisesaal der Luthers in Wittenberg, der sehr groß gewesen sein muss. 30 bis 40 Tischgäste versorgte die Lutherin jeden Tag: neben ihrer eigenen Familie entferntere Verwandtschaft und vor allem Studenten, die während des für sie kostenlosen Mahl gebannt an Luthers Lippen hingen und alles aufschrieben, was er zum Besten gab.

Mit seinen Tischreden verdienten sie Geld, was der wirtschaftlich denkenden Katharina missfiel: "Die Wittenberger wollen den Ruhm und die Ehre haben, die Lutherstadt zu heißen, aber wert ist es ihnen nichts." Dass Luthers Ruhm in den letzten 500 Jahren nicht verblasst ist, davon zeugen nicht zuletzt die vielen Veranstaltungen im Reformationsjahr 2017.
Aber die Scheinwerfer beleuchten auch die Rolle seiner Ehefrau, die, laut Dekanin Dorothea Richter in der Begrüßung, "Vorbild für alle Pfarrfrauen und die, die es noch werden wollen" sei.

Dabei war es eine Zweckgemeinschaft, die der ehemalige Mönch und die entlaufene Nonne eingegangen waren. Als ehemalige adelige Klosterschülerin hatte Katharina von Bora mit dem praktischen Leben einer Hausfrau wenig am Hut. Doch letztlich war sie es, die für Ordnung, volle Töpfe und die Kindererziehung sorgte. Für ihren Mann brachte sie tiefes Verständnis auf, übersah aber trotz des schon zu Lebzeiten übergroßen Denkmals nie den Menschen Luther mit seinen Zweifeln und Unzulänglichkeiten: "Wenn Du kleinmütig bist, kann ich deine wahre Größe erkennen, aber wenn du ins Übermenschliche hinauswächst, dann kann ich dich auch wieder verkleinern". Wo er betet, packt sie an, wo er hadert, weint sie, wo er verurteilt, verzeiht sie, was er mit dem Kopf verstehen will, nimmt sie im Glauben hin, wo er Kopf ist, ist sie Bauch und Herz.

In Haugs Performance erleben wir eine Frau, die in Taten umsetzen will, wovon sie gelesen oder in Predigten gehört hat. Und die sich nicht scheut, ihren Mann auf Diskrepanzen in seinem Denken und Handeln hinzuweisen. "Ich mag's nicht leiden, dass mein Gemahl was anderes lebt, als er schreibt." Ihre Auslegung der Bibel ist lebensnah und menschlich, ihr Glaube trachtet weniger nach der Erlösung im Jenseits, sie richtet ihren Blick auf die Lebensfreude im Diesseits, denn "der Widersacher des Teufels ist die Freude und die Zuversicht".

Viel Freude bereitet hat dieser Abend in der Christuskirche. Zwischen den Szenen konnte man gedanklich Luft holen beim Gitarrenspiel von Jacob David Pampuch mit seiner Eigenkompositionen im Stil der Renaissance. Bei der Variation des Hauptthemas lasse er sich jeweils von der Atmosphäre des Raums, der Stimmung der Zuschauer und der Wirkung der Texte inspirieren, erklärte er. So entsteht bei jeder Aufführung ein eigenes Stück Musik.