Es ist seltsam, was die Corona-Krise alles verändern kann. Einkaufsabläufe, Weggehverhalten, Begrüßungen. Aus Sicht der Polizei hat sich sogar der Katalog an Körperverletzungsdelikten erweitert. Wie sich das genau bemerkbar macht, erklärt der Leiter der Ermittlungsgruppe bei der Polizeiinspektion Kronach, Stefan Luthardt: "Seit diesem Jahr kann Anspucken auch eine Körperverletzung oder ein tätlicher Angriff sein."

Der Einsatz für Polizisten in Oberfranken ist auch dieses Jahr nicht entspannter als die Jahre zuvor geworden und sogar um ein Bedrohungsszenario reicher. Auch das statistische Treffen zum Thema "Gewalt gegen Polizisten", das Dienststellenleiter Matthias Schuhbäck und sein Kollege Luthardt vorbereitet haben, läuft nicht so ab, wie in anderen Jahren.

Die beiden Polizisten erzählen von einem "Starter-Paket", das jeder Polizist seit Wochen bei sich trägt: Handschuhe, Schutzmaske, Desinfektionsmittel. Fahrzeuge sind mit Ganzkörperschutzanzügen ausgestattet - der in Kronach noch nicht zum Einsatz gekommen ist: "Man müsste ja wissen, wann wirklich eine Gefahr durch einen positiv Getesteten droht", sagt der Dienststellenleiter. Im Einsatz einfach mal "Stopp, Auszeit!" rufen, damit sich die Beamten umziehen können, sei fern jeder Realität. Auch mit neuen Drohungen sehen sich die Polizisten seit Wochen konfrontiert. Es passiere hin und wieder, dass ein Polizist im Einsatz mit dem Satz bedroht wird: "Ich bin positiv getestet. Wenn du mich anfasst, steck ich dich an!"

Beleidigungen werden mehr

Im Jahr 2019 ist die Gewalt gegen Polizisten im Bezirk Oberfranken um ein Prozent gestiegen und bleibe damit auf einem konstant hohem Niveau, heißt es in einer Pressemitteilung des Polizeipräsidiums in Bayreuth. Das "hohe Niveau" erklärt ein Blick in den Zehn-Jahres-Trend. "Waren es im Jahr 2010 noch 379 Fälle, sind es zehn Jahre später 307 Fälle mehr." Wichtig ist, dass die 686 Fälle 543 Tatverdächtigen zugeordnet werden. Denn bei einem Ausraster gegen Beamte, kann sich ein Tatverdächtiger auch mehrfach strafbar machen. Dabei zählen zu den Tatbeständen nicht nur körperliche Angriffe, sondern auch Beleidigungen und Drohungen. Gerade die Beleidigungen seien in zehn Jahren stark angewachsen. Die Statistik des Polizeipräsidiums Oberfranken spricht von einem Plus von 150 Prozent.

Dienststellenleiter Schuhbäck bestätigt diesen Respektverlust gegenüber Polizisten bei Einsätzen. "Die Beleidigung ist mittlerweile an der Tagesordnung", sagt er. Jedoch hängt auch vom Polizisten ab, was als Beleidigung angezeigt wird. Alles zu ahnden, führe zu uferlosen Anzeigenfluten, erklärt Matthias Schuhbäck.

In eskalierenden Einsätzen haben es die Beamten oft mit "polizeibekannter Kundschaft" zu tun. Aber auch in anderen Fällen passt das Gros der Tathergänge in ein Schema, dass sein Kollege Luthardt knapp zusammenfasst: "Deutsch, männlich, erwachsen, alkoholisiert." Die 14 Fälle im Einsatzbereich der Polizeiinspektion Kronach im Jahr 2019 - von 13 Tatverdächtigen verübt - zeichnen im Rückblick auf die vergangenen fünf Jahre ein relativ konstantes Bild. "Kleine Wellenbewegungen in der Statistik sind der Regelfall", sagt der Dienststellenleiter. Ein Jahr zuvor gab es 15 Fälle.

Zuhause wie Könige

Der typische Tatort sei der öffentliche Raum, sprich Parks und Plätze. Dicht gefolgt von Wohnungen. 2019 lag die Tatort-Statistik sogar gleichauf. Jeweils fünf Delikte gegen Einsatzkräfte hat Ermittler Luthardt im öffentlichen Raum und zu Hause verzeichnet.

"In der eigenen Wohnung fühlen sich die Bewohner oft wie die Könige ihres Reiches. Dann kommt die Polizei und will den König vom Thron schubsen." Das führt oft zu Ärger. Stefan Luthardt nennt ein Beispiel: Bei einem Einsatz im vergangenen Jahr habe eine Frau die Polizei alarmiert, weil ihr Freund einmal mehr auf Alkohol ausgerastet sei. Die Polizisten sind an der Wohnung des Pärchens eingetroffen und schon hat sich der Alkoholisierte angegriffen gefühlt. Er beleidigte die Einsatzkräfte aufs Übelste, griff nach der Waffe im Holster eines Beamten, trat die Tür ein, versuchte schließlich einen Polizisten die Treppe hinunter zu stoßen. Der Abend endete für den Betrunkenen mit Pfefferspray und eine Nacht in der Ausnüchterungszelle mit mehr als 1,3 Promille Alkohol im Blut.

Im öffentlichen Raum sei es eher so, erklärt Dienststellenleiter Schuhbäck, dass sich Tatverdächtige vor der Gruppe aufspielen, ihr Geltungsbedürfnis durchsetzen. Mit Alkohol schwinde natürlich immer die Hemmschwelle. Andere Orte, an denen die Beamten mit verbaler oder physischer Gewalt konfrontiert waren, sind die Polizeiinspektion selbst oder zum Beispiel Gaststätten. Das komme aber vergleichsweise selten vor.

Im Raum Kronach überwiegen die körperlichen Übergriffe, erklärt der Leiter der Ermittlergruppe. Im Jahr 2019 gab es einen Fall von Körperverletzung und sechs tätliche Angriffe gegen Polizisten im Einsatzbereich. Dabei ist der Unterschied nicht leicht zu verstehen. Seit 2018 schützt im Strafgesetzbuch der Paragraph 14 des "tätlichen Angriffs" Einsatzkräfte "bei einer Diensthandlung". Körperverletzung richtet sich im Normalfall gegen Privatpersonen oder Einsatzkräfte, die nicht als solche zu erkennen sind. Kurzum: Der tätliche Angriff hat in dieser Statistik mittlerweile die Körperverletzung größtenteils abgelöst.

Verletzungen nicht gravierend

Von fünf leichtverletzten Polizisten im vergangenen Jahr berichtet der Dienststellenleiter, die allerdings nicht dienstunfähig nach der Tat waren. Er zählt Kratzer, Schürfwunden, Bisse auf. Im Umkehrschluss stellt sich auch die Frage, wie viele Polizisten wegen Körperverletzung angezeigt wurden? Der Dienststellenleiter spricht von einer "Parallelerscheinung". Eine Anzeige durch einen Polizisten zieht oft eine gegen ihn nach sich, wechselseitig.

Der Fokus in den vergangenen Jahren liege vor allem darauf, die deeskalierenden Fähigkeiten der Polizisten zu schulen. "Vieles lässt sich kommunikativ lösen", sagt Matthias Schuhbäck. In Zukunft spiegelt sich das hoffentlich auch in der Statistik wieder.