Das erste "Oh" kassiert Gudrun Nentwich gleich am Anfang ihrer Schlossführung durch das Wasserschloss Mitwitz. Sie bekommt diese Reaktion, nachdem sie gefragt hatte, wie alt die Leute den Efeu an der Wand des Innenhofs schätzen. Die richtige Antwort: 370 Jahre.
Die Reaktion wird nicht die letzte dieser Art bleiben. Nentwich hält diese Führung seit 14 Jahren und kann daher so einiges über das Schloss erzählen. Und die gut 50 Personen starke Gruppe, die an diesem Tag ihrer Führung lauscht, bevor sie im Wasserschloss nebenan ein "Ritter essen" zu sich nimmt, bekommt noch einige interessante Fakten zu hören.
Es seien acht Millionen Mark investiert worden, um das Schloss besuchsfähig zu machen. Eine Zahl, die die Besucher in der Höhe doch merklich überraschte. Für Lachen sorgt Nentwich im Pferdestall, den man für Feiern mieten kann, mit der Bemerkung: "Das ist wohl der einzige Pferdestall mit Fußbodenheizung." Für ein weiteres Raunen in der Gruppe sorgte die Erwähnung des Grundstücks: 1300 Hektar Wald und sage und schreibe 15 Fischteiche hätten das Grundstück umgeben, erklärte die Mitwitzerin Nentwich, "damit die Herren Jagen und Angeln konnten." "15 Fischteiche zum Angeln?", ist im Hintergrund leise zu hören.
Ein Hut von Napoleon ist ein weiterer Blickfang für die Gruppe. Immer wieder wird auch der Ausblick aus den Fenstern genossen. Ein weiteres Highlight für die Gruppe ist der große historische Schrank im Flur des zweiten Stocks, der zu Ehren desjenigen Adligen gebaut wurde, der die Familie von Würtzburg Mitte des 14. Jahrhunderts von Würzburg nach Mitwitz geführt hat. Nentwich betont, dass dieser Schrank ein klassischer Fall "Deutscher Wertarbeit" sei. Der Schrank habe einen "unschätzbaren Wert." Danach begutachtet die Gruppe eine Schranktoilette. "Sie können sie besichtigen, ich betone besichtigen", erklärte Nentwich, was für heitere Stimmung in der Gruppe sorgt.
Großen Anklang findet auch der Lord-Lions-Gedächtnisraum mit vielen Besitzstücken des Lords. Der Raum wurde eingerichtet, weil die Mitwitzer stolz auf den prominenten Gast waren. Anschließend wird eine "kurze Sitzpause" im Konzertsaal gemacht, wie Nentwich mit einem Augenzwinkern sagt, dabei werden die zahlreichen Gemälde an der Wand vorgestellt.
Als Nentwich erklärt, dass das Schloss das ganze Jahr über geheizt werde, folgt die Nachfrage: "Heizungen haben die damals keine gehabt, oder?" Die Mitwitzerin Nentwich antwortete dass sie das Schloss mit vielen Kachelöfen beheizt hätten. Interessant findet die große Gruppe auch, dass im Schlafzimmer noch Originaltapeten von vor 170 Jahren hängen. Für viele überraschend erwähnt Nentwich nebenbei, dass die Lebenserwartung im 17. und 18. Jahrhundert 45 Jahre betrug. "Da wäre ich schon nicht mehr da", sagt ein Mann lachend.
Zum Abschluss sorgt eine Anekdote der Schlossführerin für eine große, zumeist humorvolle Diskussion innerhalb der Gruppe. Nentwich erzählt von einer Bilderreihe über Josef, der von der Frau des Potifars von Ägypten verführt wurde, sich dieser Annäherung aber entzog. Das half ihm aber nichts, da der König ihm das nicht glaubte und ihn ins Gefängnis warf, was wiederum seinen späteren Aufstieg zum obersten Verwalter Ägyptens erst ermöglichte. Eine ältere Frau habe laut Nentwich nach dieser Erzählung gesagt: "Wenn das heute noch so wäre, würden 50 Prozent der Männer im Gefängnis sitzen."
Am Ende findet es ein Gruppenmitglied auf Nachfrage unserer Zeitung "faszinierend, dass wir heute in einem ganz anderen Wohlstand leben als die Adligen früher." Ein weiterer aus der Gruppe findet ein Lob: "Ich fand es schön, dass Führungen auch zu außergewöhnlichen Zeiten möglich sind."